Besucher stehen vor einem von zwei Teilen der Arbeit der Künstlerin Firelei Baez bei der Ausstellung der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst in der Akademie der Künste. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
Audio: Inforadio| 09.06.2018 | Barbara Wiegand | Bild: dpa/Carsten Koall

Berlin Biennale - Sinnlich, vielschichtig, abwechslungsreich, politisch

46 Künstler und Künstlerinnen an fünf Standorten: Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Politik, Macht und Gesellschaft. Am Freitagabend hat die diesjährige Berlin Biennale begonnen. Von Barbara Wiegand 

Die Berlin Biennale soll einen Eindruck davon geben, was in der Kunstszene gerade los ist. Doch dieser Eindruck scheint auf den ersten Blick ziemlich marode: Vor der Akademie der Künste,  einem der zentralen Standorte des Kunstfestivals, steht eine Ruine. Eine Ruine, die mit ihren Verzierungen im künstlichen  Mauerwerk an ein verfallendes Schloß erinnert.

Tatsächlich ist es ein Nachbau von Schloss Sanssouci, so wie es in Potsdam steht - und so wie es König Henri Christophe um 1810 in Haiti erbaute. Firelei Báez hatte die Idee für dieses massive Kunstwerk. "Die beiden Bauten verbindet, dass sie zum kulturellen Welterbe gehören. Und sie symbolisieren Macht – auch wirtschaftliche Macht", erklärt die Künstlerin. Die Bauten stünden aber auch für Ideen der Kultur und Moderne. "Diese Herrschaftssysteme waren komplex, nicht schwarz oder weiß", sagt Báez. "Diese Systeme gilt es zu hinterfragen - und aus diesem Hinterfragen vielleicht auch Antworten zu finden, um jetzt etwas zu ändern."

Raum für vielschichtige Kunst

In der Akademie der Künste bringt die Künstlerin aus der Dominikanischen Republik neben den beiden Palästen noch ein Sanssouci ins Spiel, besser gesagt einen Sans-Souci, Jean-Baptiste mit Vornamen. Von dem ehemaligen Sklaven, der er als Guerillaführer den Aufstand gegen die französische Kolonialmacht in Haiti probte, hat sie ein fein fantastisches Portrait gezeichnet.

Es ist dieses Um-die-Ecke-Denken, jenseits des in der Vergangenheit so überstrapazierten  postkolonialen Diskurses, das diese Biennale auch sonst ausmacht: der Raum für oft vielschichtige und vielfältige Kunst, den sie bietet. Es ist auch eine Verbindung von Kunst und Politik, die gar nicht trocken theoretisch daherkommt. Vielmehr sind es Politik und Poesie, die für Gabi Ngcobo, die künstlerische Leiterin der Biennale, hier zusammenkommen sollen.

Fußballertrikots quellen aus Brotleiben

Poetisch wirken etwa zerfetzte Pullover – die Julia Phillips bis zur letzten Faser ausgedehnt als wundervolle Schwarz-Weiß-Drucke in den Berliner Kunst-Werken zeigt. Oder quadratische Reliefs aus Treibholz – von Mildred Thompson.

Befremdlich wirken die Kissenberge, die Oscar Murillo im Lichthof der Akademie drapiert hat. Beim genaueren Hinsehen erkennt man riesige braune Brotlaibe, die aufgeplatzt sind - und sich so als globale Konsumsäcke entpuppen: Fußballertrikots und andere Ikonen unserer internationalen Warenwelt quellen daraus hervor.

Gabi Ngcobo, Kuratorin der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, nimmt an der Pressekonferenz am 07.06.2018 zur Ausstellung in der Akademie der Künste teil. (Quelle: dpa/Carsten Koall)
Gabi Ngcobo ist die Kuratorin der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. | Bild: dpa/Carsten Koall

Die Vision eines afrikanisch-europäischen Superkontinents

Der aus Kolumbien stammende Künstler arbeitet überall auf der Welt – so wie auch die anderen Teilnehmer dieser zehnten Berlin Biennale eine internationale Mischung sind, die sich in ihren Arbeiten immer wieder auf ihre Herkunft beziehen, aber selten in ihrer Aussage darauf zu reduzieren sind. Es geht um die Kunst, weniger um den politisch korrekten Überbau: "We don't need another hero", das vom berühmten Tina-Turner-Song entliehene Motto ist nur eine vage Überschrift, die aber den Beteiligten ihre Freiheiten lässt.

Heba Y. Amin etwa schlägt die Vereinigung von Afrika und Europa zu einem Superkontinent vor. Sich selbst inszeniert sie in einer Videoinstallation als Herrscherin über diese Vision – inmitten mitunter zweifelhafter politischer Führer, die auch über Länder und Kontinente hinweg dachten beziehungsweise denken.

Sinnlich und abwechslungsreich

"Ja sicher, das ist eine eher düstere Vision. Denn dahinter steckt ja diese koloniale Mentalität", sagt Amin. Bei der Idee "Atlantropa" gehe es um die Ressourcen in Afrika und darum, sie für Europa zu erschließen. "Es geht darum, dass wir heute auf dieses koloniale Verständnis heraus geborenen Visionen eines großen Kontinents zurückschauen, wie sie Wissenschaftler schon früher hatten, und das wir das total absurd finden", erklärt Amin weiter. "Aber dieses Denken, die Mentalität, auch die Sprache – sie existierten immer noch." Mit ihrem Projekt wolle sie diese immer noch vorhandenen Strukturen aufdecken, fügt sie hinzu.

Ob die Vision von "Atlantropa" oder die eingangs beschriebene Ruine von "Sanssouci"  – diese Berlin Biennale weitet die Perspektive des Betrachters, sie schärft den Blick für Doppeldeutigkeiten, für Grauzonen. Selten wirkt die Kunst dabei konstruiert – immer wieder sinnlich und abwechslungsreich.

Beitrag von Barbara Wiegand

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