Linda Pöppel und Frank Büttner während der Fotoprobe zu "In Stanniolpapier" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (Quelle: imago/Martin Müller)
Bild: imago/Martin Müller

Theaterkritik | Lange Nacht der Autoren - Zwei Uraufführungen und ein Hartmann

Bei der Langen Nacht der Autoren am Berliner DT sollten eigentlich drei Stücke uraufgeführt werden. Doch dann kam Sebastian Hartmann. Seine Inszenierung ist hart, fragwürdig - und eigentlich keine Uraufführung. Von Fabian Wallmeier

Den Stier hat sie erlegt, sein blutiges Herz hält sie in den Händen: Europa (Dorothee Hartinger) ist gekommen um zu bleiben. So weit zunächst zur Mythologie. Denn "dann kam alles ganz anders". Europa legt das Herz auf dem Boden und breitet ihre Utopie aus: Einen Kontinent wolle sie erschaffen, "wo sich Himmel und Erde umarmen".

Dem Jelinek-Sound geht die Luft aus

Miroslava Svolikovska hat viel vor mit ihrem Text "europa flieht nach europa" - zu viel. Es geht unter anderem um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Europas, um die Rolle des Individuums - und um einen metaphorisch aufgeladenen "Karneval". Stilistisch verfällt sie dabei immer wieder in den typisch mäandernden Elfriede-Jelinek-Ton. Doch während Jelinek ihre wilden Suaden unerbittlich weiter vorantreibt, geht Svolikovska recht schnell die Luft aus. Sie flüchtet sich in Wiederholungen oder macht einen Schnitt zur nächsten Szene - "Tableaus" nennt sie die einzelnen Elemente ihres "dramatischen Gedichts", wie es im Untertitel heißt.

Mayrs Drang zur Verwitzelung

Franz-Xaver Mayr hat das Stück am Freitag im Rahmen der Langen Nacht der Autoren am Deutschen Theater Berlin (DT) im Auftrag des Wiener Burgtheaters uraufgeführt. Er konzentriert sich voll und ganz auf die witzigen Elemente des Textes - und übertreibt dabei maßlos. Wenn etwa nach dem Ende des "Karnevals" alles zusammengeräumt ist und ein sozialkritisches Lied über "die fröhlichen Putzkolonnen" angestimmt wird, wähnt man sich im politkabarettistischen Mief der Ära Kohl.

Schwerer wiegt Mayrs Drang zur Verwitzelung aber bei den Textpassagen, die sich gar nicht so irre witzig lesen, wie er sie deutet. Da tut Mayr dem Text keinen Gefallen. Statt ihn hin und wieder einfach nur zu präsentieren, neigt er dazu, ihn konsequent zu parodieren. Phantastisch sind dagegen die Kostüme von Korbinian Schmidt. Was sich allerdings unter Dorothee Hartingers voluminösem pinkem Ballkleid verbirgt, sei hier nicht verraten.

Didaktisches zum Völkermord an den Armeniern

In der Box des DT hat Marco Milling Simone Kuchers "Eine Version der Geschichte" eingerichtet, für das ebenfalls mit dem DT kooperierende Schauspielhaus Zürich. Es geht um den Völkermord der Türkei an den Armeniern 1915. Das Thema geriet durch den Jahrestag 2015 und durch die öffentliche Debatte um die Bundestags-Resolution, die die Verbrechen an den Armeniern zum Völkermord erklärte, wieder in den Fokus. Auch im Theater ist es in jüngerer Vergangenheit nicht gerade ein Randthema - man denke etwa an Hans-Werner Kroesingers Dokumentartheater-Arbeiten zum Thema und an das Festival "Es schneit im April" im Maxim Gorki Theater. Auch Kucher hat recherchiert. Wie bei Kroesinger sieht man irgendwann die Figuren Archivmaterial durchblättern - und erfährt nichts, was man nicht schon wusste, wenn man die Nachrichten in den vergangenen Jahren ein bisschen verfolgt hat.

Überfordert durch Zeit- und Szenensprünge

Aber sie hat eine weit verzweigte Geschichte um das Thema herum gestrickt: Eine Violinistin und ihr Bruder bekommen alte Tonaufnahmen, auf denen ein Mann armenische Vokabeln liest, und vermuten, dass ihr Großvater der Sprecher sein könnte. SIe beginnen zu recherchieren, in der Historie und in der eigenen Familiengeschichte - und parallel tun sich weitere Handlungsstränge auf. Kucher springt hin und her, erklärt aber zu viel und geht vor allem das Kernthema des Völkermords an den Armeniern zu offenkundig schultheaterhaft didaktisch an.

Milling steckt die Figuren in ein verglastes Tonstudio, aus dem die Darsteller nur per Mikrofon zu hören sind. Das liegt auf der Hand - ist doch eine Tonaufnahme der Ausgangspunkt der Handlung.  Mit den vielen Zeit- und Szenensprüngen ist er aber offenbar überfordert. Er greift konsequent fast jedes Mal zur offensichtlichsten Lösung: Er knipst das Licht aus. Das ist auf die Dauer nervtötend und trennt die Szenen stärker, als ihnen gut tut.

Keine Uraufführung: "In Stanniolpapier"

Ein ganz anderes Kaliber in jeder Hinsicht ist Sebastian Hartmanns Inszenierung von Björn SC Deigners "In Stanniolpapier", produziert für das eigene Repertoire des DT. Zum einen bricht sie mit den Konventionen der Autorentheatertage, deren Finale die Lange Nacht der Autoren bildet: Zu sehen war das Stück "in einer Fassung von Sebastian Hartmann" - zu stark waren die Veränderungen, die am Originaltext vorgenommen wurden, als dass man von einer tatsächlichen Uraufführung sprechen könnte. Im Programmheft ist das Wort deshalb durchgestrichen.

Die Jury, die drei Texte ausgewählt hatte, ließ eine Erklärung verteilen, in der sie sich von Hartmanns Inszenierung distanziert. "Auftrag und Zweck der Autorentheatertage sehen wir ausschließlich darin, neue, noch nicht uraufgeführte Texte zu diskutieren und zu bewerten und nicht freie Text-Bearbeitungen von Regisseuren", heißt es darin.

Tatsächlich nutzt Hartmann den Text für seine Inszenierung in den Kammerspielen des DT nur als Steinbruch. Die Hauptfigur Maria, Missbrauchsopfer und Prostituierte, bleibt bestehen - ansonsten nur wenig. Oft bleiben nur noch aneinandergereihte einzelne, im Stakkato geschriene Wörter übrig. Dass Hartmann mit dem Text so umgeht, kann allerdings niemanden überraschen, der schon Arbeiten von ihm gesehen hat. Am DT zum Beispiel hat er "Berlin Alexanderplatz" komplett auf den Kopf gestellt und sich aus dem Mammutroman "Ulysses" nur wenige Einzelteile genommen. Bleibt die Frage: Wieso beauftragt man Hartmann überhaupt erst mit einer Uraufführung? Es war absehbar, dass das schwierig werden könnte.

Bis an die Grenzen des Ertragbaren

Hartmann mutet nicht nur Jury und Autor, sondern auch den Zuschauern deutlich mehr zu als die beiden tatsächlichen Uraufführungen des Abends zusammen. Mit dem Missbrauchs- und Prostitutionsdrama geht er immer wieder an die Grenzen des Ertragbaren - den Vorwurf, "torture porn" zu betreiben wird er sich gefallen lassen müssen.

Linda Pöppel wird von Manuel Harder und Frank Büttner bedrängt und vergewaltigt, immer wieder. Zu sehen ist das fast ausschließlich als Live-Video, groß projiziert auf eine Leinwand und auf einen grauen Rohbau, der sich darunter auf der Drehbühne beständig weiterbewegt.

Pöppel schreit, weint, sabbert. Nackt versucht sie sich immer wieder zu befreien - und schmiegt sich immer wieder an ihre nackten Mitspieler. Das ist eindringlich, geht an die Nieren - und lässt beim Gedanken an das transportierte Frauenbild doch einen sehr schalen Nachgeschmack zurück.

Sendung: radioeins, 22.06.2018, 13 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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