Mitglieder der Gruppe Circus Sonnenstich vom Zentrum für bewegte Kunst trainieren und proben ihr Stück Wabi-Sabi. (Quelle: Stefanie Loos)
Video: zibb | 02.06.2018 | Heiderose Häsler | Bild: Stefanie Loos

Artisten mit Down-Syndrom - Circus Sonnenstich lädt zur Geburtstagsgala im Admiralspalast

Ein Artistenzirkus für Menschen mit Down-Syndrom: Als der Circus Sonnenstich vor 20 Jahren in Berlin gegründet wurde, gab es keine Vorbilder für ein solches Projekt. Am Wochenende feiert der Zirkus sein Jubiläum im Admiralspalast. Von Cora Knoblauch

"Menschen ohne Behinderung können das doch viel besser und ästhetischer, warum machst Du das überhaupt?" Solche Fragen musste sich der Berliner Sozialpädagoge Michael Andrees anhören, als er 1997 beschloss, gemeinsam mit einer Handvoll interessierter Teenager einen Artistenzirkus zu gründen. Die meisten von ihnen leben mit dem Down-Syndrom. Ob Menschen mit Behinderungen Bühnenkünstler sein können, fragt Andrees heute, 20 Jahre später, niemand mehr. Er hat bewiesen, dass es geht. 

Einige der jungen Frauen und Männer von damals sind noch heute dabei und werden am Samstag und Sonntag bei der Gala im Berliner Admiralspalast auf der Bühne stehen. Kurz vor der Premiere gibt es noch viel zu tun. Wo genau wird die Musikerin auf der Bühne Platz finden? Werden die Diabolo-Artisten von rechts oder links auftreten? Hochkonzentriert ist das Team, vier Profi-Artisten unterstützen Zirkusgründer Andrees und seine Frau, die Theaterregisseurin Katharina Andrees, bei der Show.

"Der ist so gut, so professionell"

Einige seiner Künstler sind mittlerweile so gut in ihrer Disziplin, dass sie selbst Workshops geben. Florian Klotz zum Beispiel trainiert nicht nur mit dem Circus Sonnenstich, sondern auch regelmäßig mit einem professionellen Diabolo-Spieler der Staatlichen Artistenschule Berlin, ein Artisten-Tandem - und er bringt anderen das Jonglieren mit dem Diabolo bei.

"Florian hat nicht nur eine Liebe zum Diabolo, sondern eine wissenschaftliche Begeisterung", sagt Andrees. Der heute 27-Jährige habe zwei, drei Jahre gebraucht, in denen er immer wieder an Grenzen stieß. Aber dann sei irgendwann der Punkt gekommen, an dem sich bei Florian alles gelöst habe. "Seitdem entwickelt der Tricks, bei denen man denkt: Das gibt es doch überhaupt nicht! Ein Mensch, der ihn von außen sieht, denkt dann: Habe ich das Recht, diesen Menschen behindert zu nennen? Der ist doch so gut, so professionell, der hat so eine Ausstrahlung!"

Für Andrees und sein Team spielt die Behinderung seiner Artisten keine Rolle, zumindest nicht im Training: "Mich hat von Anfang an interessiert, mit jedem Menschen herauszukitzeln, was seine persönliche Exzellenz sein könnte. Das war die Herausforderung. Ich wusste nicht, ob es gelingt, aber es ist gelungen", freut sich Andrees.

Mitglieder der Gruppe Circus Sonnenstich vom Zentrum für bewegte Kunst trainieren und proben ihr Stück Wabi-Sabi. (Quelle: Stefanie Loos)
Zweimal pro Woche wird trainiert. | Bild: Stefanie Loos

Nicht nur teilhaben, sondern auch Hilfe geben

Natürlich stößt das Sonnenstich-Team auch manchmal an Barrieren. Viele der jungen Menschen arbeiten in Behindertenwerkstätten - oder aber wie Ragna Ronacher (30) auch auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Arbeitgeber nehmen nicht immer Rücksicht auf Trainingszeiten oder Aufführungstermine des Zirkus. Außerdem ist da noch das Thema Geld: Die finanzielle Ausstattung des Circus Sonnenstich ist abhängig von Sponsoren und Projektbezogenen Fördermitteln. Die reichen meist vorne und hinten nicht.

Der Circus Sonnenstich ist für seine Künstler viel mehr als ein Hobby. "Dieser Zirkus ist mein Leben", sagt nicht nur Ragna. Zweimal pro Woche wird trainiert, der Zusammenhalt in der Gruppe ist groß und herzlich. Die Artisten loben und motivieren sich gegenseitig. Wer einen Hänger hat, wird von den anderen angefeuert. Zusammen proben sie hier nicht nur für eine starke Show. "Sie arbeiten an starken Seelen", sagt Michael Andrees. "Menschen mit einer Behinderung bekommen ihr Leben lang Hilfe und manche haben wirklich die Schnauze voll, Hilfe zu bekommen. Es ist so wichtig, alle Trainingsprozesse so zu organisieren, dass jeder Mensch Hilfegeber sein kann. Das stärkt die Seele total, wenn man nicht nur Teilhabe hat, sondern auch Teilgeber ist und wirklich auch den anderen Menschen Dinge mitgeben kann."

Sendung: radioBerlin 88,8, 02.06.2018, 06.00 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Danke für diesen schönen Artikel. Ich habe die Artistinnen des Circus Sonnenstich schon live gesehen und war begeistert. Ich kann allen Interessierten nur empfehlen sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Für morgen habe ich gerade noch zwei Karten bekommen. Ca. 30 freie Plätze gab es noch... ;)

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