David Byrne spielt bei einem Konzert im Tempodrom in Berlin am 27. Juni 2018 barfus (Bild: imago/Martin Müller)
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Audio: Inforadio | 28.06.2018 | Simon Brauer | Bild: imago/Martin Müller

Konzertkritik | David Byrne im Tempodrom - Barfußtanz, innovative Popmusik und leuchtende Augen

Schon beim zweiten Song riss David Byrne am Mittwochabend das Publikum im Berliner Tempodrom von den Sitzen. Er hat in den 70ern die legendären Talking Heads gegründet - und präsentiert nun Popmusik auf innovative Weise. Eines der besten Konzerte des Jahres, findet Simon Brauer.

Schon vor der Tournee zum neuen Album "American Utopia" hatte David Byrne angekündigt, dass diese Konzertreise das Anspruchsvollste sein wird, was er seit Langem gemacht hat. Und er sollte Recht behalten: Für ihn und seine Band war der Mittwochabend anspruchsvoll und anstrengend, für das Publikum ein einziger Genuss. Die Bühne am Anfang komplett leer, nur an den Seiten und hinten eingerahmt von einem Vorhang aus langen silbernen Fäden von der Decke bis zum Boden.

David Byrne im silbergrauen Anzug und barfuß, mit einem angeklebten Mikrofon an der Wange wie ein Musicalsänger. Er singt die ersten Töne, dann kommt seine Band auf die Bühne: elf Musikerinnen und Musiker, auch alle barfuß und in silbergrauen Anzügen - und alle mit vorgeschnallten Instrumenten. Bass und Gitarre natürlich, auch der Keyboarder konnte sich mit seinem Instrument frei bewegen, dazu noch sechs Trommler und Percussionisten.

Neuer Sound für alte Songs

Alle waren auf der Bühne unterwegs, haben getanzt, sich bewegt - manchmal in einer festgelegten Choreografie, dann wieder im freien Barfuß-Tanz. Das war so außergewöhnlich und mitreißend, dass schon beim zweiten Song das Publikum aufspringen und mittanzen musste.

Beim Konzert ging es einmal quer durch David Byrnes Gesamtwerk: alte und neue Sachen, Stücke, die er mit anderen aufgenommen hat - mit Fatboy Slim zum Beispiel - und auch Songs der Talking Heads. Da gab es die lautesten Jubelschreie im Publikum. Byrne und seine Band haben den alten Songs wie "Once in a lifetime" oder "Burning Down The House" einen neuen Sound verpasst: Durch die sechs Trommler war alles viel rhythmischer, kraftvoll, mit einem funky Afrobeat versehen.

Nach zwei Stunden sind dann alle mit leuchtenden Augen raus aus dem Tempodrom - und mit der Erkenntnis: Da muss also erst ein 66-jähriger Mann mit grauen Haaren kommen, um uns zu zeigen, wie man innovativ Popmusik auf die Bühne bringen kann. David Byrne im Tempodrom: Jetzt schon eines der besten Konzerte dieses Jahres.

Beitrag von Simon Brauer

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Kann ich nur unterstreichen. Ihr Beitrag erinnert mich auch an die Bassistin Tina Weymouth beim Konzert im Metropol, die nicht eine Minute stillhielt, vorgebeugt und mit einer Inbrunst den Bass bearbeitete.

  2. 2.

    Das Konzert im Metropol war eines der besten Konzerte der letzten Jahre insgesamt. Bühnendesign und Show-Choreografie war inspiriert von modernen Bühnenbildern. Die Musik neu arrangiert. Die Band in agiler Bewegung und nicht statisch auf ihre Plätze verbannt, wie bei den meisten Rockkonzerten.
    David Byrnes gesamtes Werk ist von so vielen Gesichtern und Weiterentwicklungen geprägt, wie kein anderer Künstler (außer vielleicht Bowie).
    Ich möchte anregen, dass Radioeins ein 2-stündiges Byrne/Talking Heads-Special produziert das diese Vielseitigkeit würdigt. Es wäre ein Fest, so wie am Mittwoch.

  3. 1.

    Dieser Mann ist längst zu einer Ikone seines Fachs aufgestiegen. Ich bin heute noch ein glühender Verehrer seiner Musik, besonders in der Anfangsphase waren die Talking Heads einfach grandios. Ich erlebte deren ersten Auftritt in Berliner Metropol. Es war zwar gerammelt voll, doch wollte damals noch nicht der Funke überspringen zum Publikum. Als dann Psychokiller erklang, hielt ich es nicht mehr aus und fing an zu Tanzen, wurde rüde in die Seite gestoßen. Plötzlich dreht sich vor mir ein Punk um und kommt sofort auf mich zu und schreit mir ins Ohr: was für ein Scheißvolk. Nur Du tanzt. Und dann legten wir beide erst so richtig los. Schon bekamen wir genügend Platz. Ein super Konzert damals. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie sich das auch hier im Tempodrom angefühlt hat.

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