Antonie Volkmar, Abschied der Auswanderer, 1860 (Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin)
Audio: Inforadio | 13.02.2018 | Maria Ossowski | Bild: Deutsches Historisches Museum

Ausstellung "Europa und das Meer" - Das Meer, die Sehnsucht und der Dreck

Europa als maritimer Kontinent: Die neue Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zeigt epochenübergreifend die Bedeutung des Meeres - von der Entwicklung der europäischen Zivilisation zum Zusammenwachsen Europas. Von Maria Ossowski

Das Meer: Im Tiefgeschoss des Deutschen Historischen Museums empfangen die Besucher auf 1.500 Quadratmetern transparente Wände aus Schnüren in Wellenformen. Sandbeige und himmelblau sind die dominierenden Farben.

Das Meer sehen wir heute positiv als Erholungsort oder Ressource für Meeresfrüchte und Fisch und negativ als Müllhalde für Kunststoffe. Das Meer in der europäischen Geschichte war und ist unendlich bedeutsamer. Gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße hat keiner der Erdteile mehr Berührungspunkte mit dem Meer.  

Meer als Sehnsuchts- und Imaginationsort

Europa ist ein maritimer Kontinent, besiedelt von den Küstenstädten aus. Sie spielen die Hauptrollen in den vier Themenbereichen der Ausstellung, erklärt Projektleiterin Dorlis Blume: "Der größte Bereich geht um das Meer als Herrschafts- und Handelsbereich der Europäer."  Weitere Schwerpunkte seien die Funktion als Gruppe und Grenze, also der Bereich Migration, sowie um das Meer als Forschungsrresource einerseits, seine Ausnutzung andererseits. "Im letzten Abschnitt beleuchten wir den Wandel der Wahrnehmung sowohl in der Kunst als auch im Bereich Tourismus: das Meer als Sehnsuchts- und Imaginationsort."

Schiffszwieback © National Maritime Museum, Greenwich, London | Auf der Flucht mitgeführtes Mobiltelefon © Mohammed Ebrahimi, Berlin
| Bild: National Maritime Museum, Greenwich, London | Mohammed Ebrahimi, Berlin

Relikte des harten Seemannslebens

Europa und die Weltgeschichte sind geprägt durch Hafenstädte, Venedig repräsentierte vom 12. bis 16. Jahrhundert den Seehandel. Die letzte goldene Prunkgaleere der Dogen als Nachbau en miniature zeugt mit kostbarem roten Samt, rot bemalten Rudern und goldenen Verzierungen vom Reichtum der Lagunenstadt in dieser Epoche. Dieses "Bucintoro" ist zum ersten Mal außerhalb Venedigs zu sehen.

Aus Amsterdam stammen Karten, Handbücher und Meeresatlanten. Vor allem die Niederländer prägten als hervorragende Schiffsbauer die Seefahrt im 17. und 18. Jahrhundert maßgeblich. Das Leben der Matrosen auf diesen Schiffen war hart und unromantisch. Sie besaßen oft nicht mehr als einen Löffel. Wenn sie auf See starben, was oft geschah, mussten sie, wie es sprichwörtlich heute heißt, den Löffel abgeben. In einer Vitrine liegen die Zeugnisse eines solchen ärmlichen Lebens. Das kleinste Objekt ist eine kleine Stecknadel, knapp zwei Zentimeter lang, erzählt Kurator Thomas Eisentraut. "Auf den Schiffen wurde viel geflickt: Kleidung oder auch Segel." Auch Tonpfeifen oder eine Schiffsapotheke, mit der der Skorbut bekämpft wurde, sind zu sehen.

Das Smartphone, das Flüchtlinge gerettet hat

Die Präsentation spannt einen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart: von "Europa auf dem Stier", einer Terrakottafigur aus dem 5. Jahrhundert vor Christus bis hin zum Smartphone von Mohammed Ebrahimi, der im Schlauchboot mit dem Handy navigierte und 2014 sich selbst und die mit ihm Flüchtenden rettete.

Europa war bis zum 19. Jahrhundert ein Auswanderungskontinent, Millionen verließen ihn Richtung Neue Welt. Ein vergilbtes Foto zeigt Auswanderer - Kinder, Mütter, Väter und alte Menschen - an Bord des Hochseepassagierdampfers Bremen im Jahre 1909.

Als Einwanderungskontinent für Millionen Flüchtlinge ist das Meer, das Europa umgibt, heute Brücke und Grenze gleichermaßen. Gleichzeitig reisen über 60 Prozent der Europäer zum Urlaub an die Meere. Jene Meere, die jährlich acht Millionen Tonnen Plastik aufnehmen müssen und durch die auch unsere digitale Kommunikation fließt. 90 Prozent des Internetverkehrs funktioniert über Tiefseekabel. Ein kleines Stück des ersten Transatlantikkabels von 1858 ist zu sehen. Relativ schnell sei dieses Kabel gerissen und zum interessanten Forschungsobjekt geworden, sagt Blumle. "An dem Kabel klebten Tiefseelebewesen wie Krebse, und man wusste, dass es tatsächlich Lebewesen ganz unten im Wasser gibt."

Die Ausstellung "Europa und das Meer" ist sinnlich gestaltet und spannend erzählt. Doch nicht nur das: Sie ist gleichsam kulturhistorisch anspruchsvoll wie höchst aktuell. Die Themen Migration, Umweltverschmutzung und Klimawandel beweisen dies.  

Beitrag von Maria Ossowski

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren

Archivbild - Sir Simon Rattle, Chefdirigent in der Berliner Philharmonie, nimmt den Applaus des Publikums entgegen. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
dpa/Annette Riedl

20.15 Uhr | Live aus der Waldbühne - Goodbye, Sir Simon Rattle

Abschied nach 16 Jahren: Zum letzten Mal dirigiert Sir Simon Rattle am Sonntag als Chef die Philharmoniker. Zum Abschluss musiziert er gemeinsam mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Magdalena Kozena. Der rbb überträgt das Konzert in der Waldbühne live.