1968 wurden die Überreste der im Zweiten Weltkrieg zerstören Ganisonkirche in Potsdam gesprengt. (Quelle: imago/epd)
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Sprengung der Garnisonkirche vor 50 Jahren - Eine Potsdamer Kirchenruine als Politikum

Es ist das wohl umstrittenste Bauprojekt Potsdams - der Wiederaufbau der Garnisonkirche. Vor 50 Jahren entschied die DDR-Führung, die kriegszerstörten Überreste der Kirche zu sprengen - trotz der Proteste von Potsdamer Bürgern.

Das Ende der Potsdamer Garnisonkirche kam ausgerechnet an einem Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit: Vor 50 Jahren, am 23. Juni 1968, wurde der Turm der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt. Das Bauwerk, das vielen auch heute noch als Symbol des preußischen Militarismus und des NS-Regimes gilt, fiel zu einem riesigen Schuttberg zusammen.

Proteste Potsdamer Bürger wurden übergangen

Die Proteste der Heilig-Kreuz-Gemeinde und von Potsdamer Bürgern hatten nichts genutzt. Der Vorschlag, die Überreste der Kirche als Kriegsmahnmal zu erhalten, wurde von den Potsdamer Stadtverordneten mehrheitlich abgelehnt. Immerhin vier von ihnen stimmten gegen die Sprengung - obwohl Walter Ulbricht, erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, persönlich den Abriss der Ruine gefordert hatte. Die preußisch-militärische Kirche passte nicht in sein ideologisches Konzept und stand dem Aufbau eines sozialistisch geprägten Potsdamer Stadtkerns im Weg.

Der ersten Sprengung widerstand der Turm

In Etappen wurde die Kirchenruine dann gesprengt. Die immer noch 60 Meter hohen Überreste des Kirchturms machten es den Experten allerdings nicht einfach. Bei einem ersten Sprengversuch am 19. Juni 1968 blieb eine Hälfte des Turms stehen. Erst bei der zweiten Sprengung vier Tage später fiel der Kirchturm endgültig. Brandenburgs erster Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD), damals als Kirchenjurist für das Bauwerk zuständig, war bei der Sprengung dabei. Es sei beeindruckend gewesen, wie dieser Turm widerstanden habe, erinnerte er sich später.

Fürsprecher und Gegner führen erbitterten Streit

Stolpe gehört zu den prominentesten Befürwortern des Wiederaufbaus der Garnisonkirche. Er empfinde das "auch als Wiedergutmachung der ideologisch bedingten Sprengung von 1968", erklärte er. Doch der Wiederaufbau der Kirche ist heftig umstritten. Mehrere Initiativen wenden sich dagegen; darunter evangelische Christen, die in der Garnisonkirche eine Stätte des preußischen Militarismus sehen, oder auch der einstige brandenburgische Denkmalpfleger Detlef Karg, der die Millionen für den Wiederaufbau lieber in den Erhalt noch bestehender Kirchen stecken würde.

Ein Baustopp böte die Chance, die Bürger bei der Oberbürgermeisterwahl im September zu dem Neubau der einstigen Militärkirche zu befragen, sagte der Sprecher der Initiative "Potsdam ohne Garnisonkirche, Simon Wohlfahrt, am Samstag. Wohlfahrt erinnerte daran, dass im Jahr 2014 mehr als 14.000 Potsdamer in einem Bürgerbegehren gegen den Wiederaufbau gestimmt hätten. Ein möglicher Bürgerentscheid sei aber von der Stadtverordnetenversammlung verhindert worden.

Den Befürwortern gilt der Turm dagegen als Wahrzeichen Potsdams, das im Stadtbild fehle. Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam will die die Kirche als "Bürgerkirche" und als einen Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit wieder aufbauen.

Soldatenkönig, Napoleon, Hitler

Auf Befehl des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. entstand von 1734 an der evangelische Kirchenbau für die Angehörigen des Hofstaats und der Garnison. Sie war mit ihrem knapp 90 Meter hohen Turm das höchste Bauwerk der Stadt. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt besuchte Napoleon die Gruft der Garnisonkirche, in der sowohl Friedrich Wilhelm I. als auch Friedrich der Große begraben waren. 1933 war die Garnisonkirche Kulisse für den "Tag von Potsdam", als Reichspräsident Paul von Hindenburg die Hand von Reichskanzler Adolf Hitler schüttelt – ein Symbol für den Schulterschluss zwischen Nationalsozialisten und Konservativen. Am 14. April 1945 bombardierten britische Flugzeuge Potsdam. Das Kirchenschiff der Garnisonkirche brannte aus, der Turm mit dem Glockenspiel stürzte teilweise ein.

Im vergangenen Herbst begannen die Arbeiten für den Wiederaufbau des Turms. Inzwischen sind alle Gründungspfähle im Boden versenkt, die die Fundamentplatte aus Stahlbeton tragen sollen. Diese soll im Spätsommer hergestellt werden. Zunächst soll für gut 26 Millionen Euro der bloße Turm entstehen, ohne barocken Zierrat und Turmhelm. Das bezuschusst die Bundesregierung als "Projekt von nationaler Bedeutung" mit zwölf Millionen Euro. Die evangelische Kirche gibt Darlehen in Höhe von insgesamt fünf Millionen Euro. Für die endgültige Fertigstellung des Turms fehlen der Stiftung allerdings bislang noch rund zehn Millionen Euro, die durch Spenden zusammenkommen sollen.

Sendung: Brandenburg aktuell, 23.06.2018, 19.30 Uhr

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 7.

    Kaum ein Bauwerk beinhaltet so viel Facetten der deutschen Geschichte wie die Potsdamer Garnisonkirche. MIt allem drum und dran.

    Für Menschen, die die Welt in Schwarz und Weiß einteilen, muss das Schwarze weg, damit das Weiße gilt. Aus den Augen aus dem Sinn. Menschen, die Dinge wandeln wollen, neigen nicht zu einem strikten Schwarz-Weiß-Bild, sondern begreifen die Beschäftigung mit derartigen Facetten gerade als Chance. Mithin die Entscheidung, ob einem engen Geschichtsbild oder einem weiten Geschichtsbild gefolgt werden soll.

    Dem engen Geschichtsbild geht es vor allem darum, immer wieder zu bekunden, auf der einzig richtigen denkbaren Seite zu stehen. Dem weiten Geschichtsbild geht es darum, Dingen wirklich auf den Grund zu gehen, eben zu lernen. So, wie es heute schon in der Nagelkreuzkapelle praktiziert wird.

    Dem weiten Geschichtsbild zu folgen, das war der Grund bspw. für Wolfgang Huber, Vorsitzender des Kuratoriums zu werden.

  2. 6.

    Ist das hier ein SadoMaso-Kanal oder was? Das Rechenzentrum als Architektur zu bezeichnen. Stark. Für sie haben Schlüter Stüler Schinkel aber auch Pey oder Jahn und Van der Rohe umsonst ihre Arbeiten verwirklicht. Warum mischen sie sich ein? Sie erkennen doch gar nichts.

  3. 5.

    Ich vermisse in ihrem Text das wunderbare Rechenzentrum. Das ist ein Ort, auf den die Potsdamer stolz sein können!

  4. 4.

    MIch ärgert, dass Reiche, wie der Millionär Günther Jauch (aber nicht nur der), hier solche Entscheidungen abseits demokratischer DIskussionen mittragen, indem sie durch ihre extremen finanziellen Mittel (1,5 Millionen "Spende") Fakten schaffen.

  5. 3.

    Zurerst einmal - ich werde das Rechenzentrum vermissten :-) als Ur-Wessi bin ich gleich nach der Wende jedes WE durch Potsdam und das Havelland gefahren - in Potsdam gab es da tatsächlich noch Bauwerke aus den Spät-Sechzigern/Siebzigern, deren Architektur in Westen ja bereits längst wieder verpönt war. Heute erst sieht man den Chique, das Urbane dieser Epoche wieder mit "liebenden" Augen, also ich werde diesen Baustil vermissen. Er verschwindet.
    Trotzdem halte ich mindestens den Turm der Kirche für genauso Epochen-prägend wie das RZ. Ideologisch losgelöst von der Verdammnis der DDR wegen seiner Rolle als Ausweich-Tagungsort einer fragwürdigen Veranstaltung ist der Turm ebenso wichtig für das Stadtbild wie die anderen wiederhergestellten Bauten in der Disneyland-Innenstadt Potsdams. Die Touristen werden es lieben!
    Schön wäre es, das Alte mit dem Neuen zu verbinden, Turm und Rechenzentrum zu erhalten. Eiermann-Bau und Gedächtniskirche. Das geht. Wenn man mutig ist.

  6. 2.

    In 'der Freitag' - Ausgabe vom 21.6.18 findet sich ein Artikel "1968 Ende einer Ruine" - ich kann die Lektüre nur empfehlen zum Thema "Sprengung aus rein ideologischen Gründen" , Haltung der Kirchenleitung zum Einsatz von Geldmitteln und der Entscheidung, welche Kirche wieder aufbegaut werden soll (Garnison oder Nikolai), aber auch die politische Einstellung des Gemeindekirchenrates vor 1945.
    Leider ist der Beitrag online für den nicht eingeschriebenen Nutzer nicht zugänglich. Da heißt es also Zeitung kaufen.

    Ich frage mich auch -immer wieder- ob die evangelische Kirche sonst keine Kirchenbaustellen hat und warum hier eine Pfarrstelle geschaffen wurde, obwohl in vielen Landgemeinden Stellen vakant sind.

  7. 1.

    Eine ehemalige Garnisonkirche als Bürgerkirche aufbauen? Unglaubwürdig weil unlogisch!

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