Archivbild: Anna Calvi beim Les Vieilles Charrues Festival in Carhaix, Frankreich 2005. (Quelle: dpa/Marie)
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Konzertkritik | Anna Calvi im Berghain - Das Gitarren-Biest ist erlegt

Die britische Pop-Musikerin Anna Calvi hat am Dienstagabend mit einem extravaganten Auftritt im Berliner Berghain einen stolzen Vorgeschmack auf das kommende Album "Hunter" und ihre Europa-Tour gegeben. Nur Calvis Gitarre musste leiden. Von Victor Buzalka

Der Konzertabend in den heiligen Hallen des Berghain beginnt am Dienstag mit zwei sehr entspannten DJ-Sets: Den Anfang macht die irische Synthie-Pop-Band Evvol, gefolgt von der britischen Indie-Künstlerin Planningtorock. Die Stimmung ist ausgelassen, das überdimensionierte Industrieloft ist rot-blau ausgeleuchtet und füllt sich langsam mit einem gut durchmischten internationalen Publikum.

Beim Hören der schwelenden elektronischen Wave-Sounds und der karibischen Dance-Beats im Vorprogramm wird deutlich: Die Anlage im Berghain gewährleistet trotz der kalten 18 Meter hohen quadratischen Beton-Tanzhalle eine herausragende Tonqualität.

Anna Calvi auf dem Laufsteg

Das eigentliche Konzert beginnt etwas verspätet mit einem eindringlichen Orgelsound, unterstützt von Bass und Schlagzeug. Schließlich betritt auch Anna Calvi Gitarre spielend die Bühne und bewegt sich dann weiter über einen sechs Meter langen, vor die Bühne gebauten Laufsteg bis zu ihrem Mikrofon, das sich erhöht mitten im Publikum befindet.

Von ihrem Podest aus performt Calvi theatralisch und selbstbewusst zunächst Songs ihres in Kürze erscheinenden Albums "Hunter". Beim Gospel-Pop-artigen "Away", inszeniert sie sich im blauen Scheinwerferlicht als zart singende Heilige, den bassgetriebenen Artrock-Song "Indies or Paradise" schmückt Calvi mit kreischenden Gitarrensoli und hymnenartigem Gesang aus. Beim Pop-Drama "Don't Beat the Girl out of My Boy", der ersten Single-Auskopplung des Albums, steigert sich Calvi gewaltig in Rage, legt die Gitarre bei Seite und räkelt sich schließlich kreischend auf dem lichtdurchfluteten Plexiglas-Boden ihres Bühnenlaufstegs.

Diese sehr überstürzte körperliche Performance kommt zwar übertrieben künstlich und dadurch auch etwas witzig rüber, dem Publikum gefällt die Showeinlage allerdings sehr gut und so drängen sich die Jünger um Anna Calvi, um ihr beim Sich-Winden zuzusehen.

Mit dem rhythmisch starken und hitverdächtigen Singalong-Song "As a Man" unterstreicht Calvi, dass Themen wie Sexismus, Gender-Konformismus,  gesellschaftliche Ausgrenzung und weibliche Selbstermächtigung auf ihrer neuen künstlerischen und vielleicht auch politischen Agenda ganz weit oben stehen. Unbedingt lesenswert diesbezüglich ist das Statement zu "Hunter" auf Anna Calvis Internetseite.  

Atemberaubende Stimme

Nach einem vielversprechenden Auftakt spielt Anna endlich einen ihrer alten Hits und es geht ein Raunen durchs Publikum. Mit ihrem Rock-Chanson "Suzanne And I" feierte sie 2011 einen ihrer ersten und größten Erfolge. Die internationale Musikpresse stürzte sich damals auf das junge Talent und lobte das Debütalbum "Anna Calvi" in den Himmel.

An sich ist die britische Sängerin und Gitarristin schon eine Sensation – mit sechs Jahren lernte Wunderkind Anna Geige spielen, mit acht Jahren widmete sie sich zusätzlich der Gitarre. Zu ihrer musikalischen Früherziehung zählten Jimi Hendrix, Django Reinhardt, Elvis Presley, Edith Piaf, Maria Callas und Komponisten wie Messiaen, Ravel, Debussy. Anna Calvi hat erfolgreich Musik und Geige studiert, ihr Gitarrenspiel gilt als virtuos und ihre Stimme ist opernhaft, kraftvoll und umfasst mehrere Oktaven.

Das zeigt sich auch bei Ihrer Darbietung des Blues-Chansons "I'll Be Your Man", einem weiteren Song ihres Debütalbums – ihre Stimme ist atemberaubend. Calvi stolziert rastlos auf der Bühne umher und legt ein weiteres kreischendes Gitarrensolo auf das Laufsteg-Parkett. Es scheint Calvis Prinzip zu sein, dass jede Harmonie eine Disharmonie, jede Melodie einen Gegenpol und jede Liebesgeschichte den Kummer braucht, um wahre Stärke entfalten zu können. Das Publikum wird derweil von Stroboskoplicht geblendet, bis dieser weitere Höhepunkt der Calvi-Show ein jähes Ende findet.

Mitsingen nahezu ausgeschlossen

Zwischen den Songs bleibt kaum Zeit für ein paar nette Worte - es findet fast keine Kommunikation zwischen Calvi und dem Publikum. Trotzdem sind die Zuschauer  ganz bei ihr, auch wenn man zu der Musik nicht wirklich tanzen kann und das Mitsingen nahezu ausgeschlossen ist.

Von der zierlichen kleinen Frau in dunklem Hosenanzug, rotem Latex-Top und weißen Stiefeln mit hohen Absätzen geht eine gewisse Faszination aus, sie gilt in Musik-, Mode- und Theaterkreisen mittlerweile als Stil-Ikone. Entdeckt und gefördert wurde sie unter anderem von Brian Eno und Talking-Heads-Frontmann David Byrne, sie arbeitete mit dem Theaterregisseur Robert Wilson zusammen und auch auf Karl Lagerfeld soll sie einigen Eindruck gemacht haben. So trägt sie nicht nur gern Haute Couture, im vergangenen Jahr begleitete sie Modeschauen bei der Londoner Fashion Week musikalisch, sie ist immer wieder in Mode- und Lifestylemagazinen abgebildet.

Tritte auf die E-Gitarre

Beim neuen Song "Alpha" verhält sich Calvi weniger salonfähig. Angefeuert von afrikanischen Drums und Industrial-Klängen schmeißt sie ihre Fender-Telecaster-Gitarre (ihr Markenzeichen) nach einem weiteren Hall- und Effekt-überladenen-Solo auf den Laufsteg und tritt immer wieder auf das Instrument ein, sodass die Rückkopplungen als Höhepunkt einen recht erträglichen Krach ergeben. Anna hat das Biest erlegt und lässt sich vom Publikum feiern, während sie mit großen Flamenco-Gesten auf dem Laufsteg auf und abgeht.

Vermutlich zeichnet sich an dieser Stelle ein Trend für die kommenden Konzerte des britischen Avantgarde-Multitalents ab – die Chansons und Rockopern, sowie das Modeschauspiel werden wohl Bestandteil ihrer Auftritte bleiben, allerdings werden die Konzerte weitaus extrovertierter ausfallen als auf vergangenen Tourneen.

Beitrag von Victor Buzalka

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