Jay-Z und Beyoncé haben sich am Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion vor 60.000 Fans feiern lassen. (Quelle: AP/dpa/Rourke)
Audio: Inforadio | 29.06.2018 | Henrike Möller | Bild: AP/Rourke

Konzertkritik | Jay-Z und Beyonce im Olympiastadion - Die große Liebe perfekt inszeniert

Jay-Z und Beyoncé haben sich am Donnerstagabend im Berliner Olympiastadion feiern lassen. Ob für ihre Liebe nach schwierigen Zeiten oder das Imperium, das sie sich aufgebaut haben, war am Ende nicht ganz klar. Von Henrike Möller

 

Die Rollenverteilung ist von Anfang an eindeutig: Jay-Z ist der, der Stimmung macht, der die Leute mit seinen Solo-Songs dazu bringt, mit den Armen nach vorne zu wippen. Der auch mal lächelt. Der auch mal was sagt. Wenn auch nur ein kurzes: "Macht mal Lärm, Berlin!". "Ohne Jay-Z wäre es ein bisschen langweilig gewesen", sagt eine Besucherin nach dem Konzert am Donnerstagabend im Olympiastadion.

Und Beyoncé - sie ist die perfekte, die überprofessionelle Entertainerin. Wie sie da im Glitzerbody über den ins Publikum hineingelassenen Laufsteg stolziert, wirkt sie wie eine Eroberin, eine Imperatorin, die auf ihr Volk hinabschaut. Der entsprechende majestätische Umhang kommt dann auch mit Outfit Nummer sieben. Lila ist er. Dazu ein knapper Einteiler mit Diamanten-Optik.

Für viele Besucher bleibt Beyoncé unnahbar

Jay-Z bleibt im Gegensatz zu seiner Queen B lässig: Er trägt Jeans und verschiedene Jacken. Bis auf sein Anfangsoutfit - einen strahlendweißen Anzug.

Hand in Hand schreiten Beyoncé und Jay-Z zu Beginn des Konzerts auf die Bühne. Die ersten zwanzig Minuten gehören nur ihnen. Keine Tänzer - die kommen erst später. Nur die Demonstration ihrer Liebe, die sie wiedergefundenen haben, nach schwierigen Zeiten - und das soll jeder sehen. Sie bezirzen sich, werfen sich innige Blicke zu, zumindest oberflächlich.

Tatsächlich bleibt Beyoncés Miene die ganzen zwei Stunden über regungslos. Sowohl bei ihren eigenen Songs als auch bei den etwa zehn Tracks, die sie gemeinsamen mit Jay-Z performt. So exzellent Beyoncé auch singt, so sexy sie auch tanzt, für viele Besucher bleibt sie bis zuletzt unnahbar. "Sie hat nicht einmal zum Publikum geguckt. Die hat einfach nur straight ihr Programm durchgezogen", bedauert ein Fan. "Teilweise dachte ich mir, Mädchen, da stehen so viele, die auf dich gewartet haben, auf ein Foto oder so – das fand ich ein bisschen unmenschlich."

Tänzerinnen in knappen Outfits und "Feminist"-Schriftzug

Diesen Eindruck können auch die vermeintlichen Privataufnahmen von Beyoncé und Jay-Z nicht wieder umkehren, die zwischen den insgesamt fast 40 Songs an riesige Leinwände projiziert werden. Beyoncé mit dickem Babybauch. Beyoncé mit ihren Kindern. Beyoncé und Jay-Z, wie sie im Bett liegen. "Sie versuchen diese 'real big Love' zu zeigen, aber so richtig kommt das nicht rüber. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das war alles nicht so ganz echt", glaubt eine Besucherin. Außerdem seien dieselben Clips schon auf ihrer ersten gemeinsamen Tour gelaufen.

Auch andere Besucher zeigen sich etwas enttäuscht. "Viele bekannte Songs haben gefehlt wie 'Halo' und 'Single Ladies'", klagt einer. Viel Lob gibt es allerdings für die Tänzerinnen in ihren knappen Outfits, die man diverser nicht hätte casten können. Ebenso die Band, die zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern besetzt ist. Ob sie wirklich live spielt, bleibt bis zuletzt offen. Mehr politische und gesellschaftskritische Statements setzen The Carters aber nicht. Kurz ploppt ein "FEMINIST"-Schriftzug auf. Das war's dann aber schon. Im Vordergrund soll aber ja auch die Liebe stehen. Denn: "Everything is love" heißt schließlich die neue gemeinsame Platte und an der Leinwand projiziiert steht groß "This love is real".

"Auch meine Ururenkel werden noch reich sein"

Doch die wiederkehrenden Videoausschnitte von Zimmern voller Geldscheinen lassen einen an der intendierten Message doch etwas zweifeln. Was sich nach zwei Stunden, vierzig Tracks und zwanzig protzigen Outfits einstellt, ist vor allem Respekt vor der Businesspower der Carters, die sich durch den neuen Zusammenhalt – die wiedergefundene Liebe – offenbar noch vergrößert hat.

"Auch meine Ururenkel werden noch reich sein und auf der Forbes-Liste stehen", singt Beyoncé in einem der neuen Tracks. Auf über eine Milliarde Euro wird das Vermögen der beiden geschätzt. Das Konzert endet dann auch nicht mit einem Kuss zwischen den Eheleuten Carter – der kommt zwar, aber vor dem offiziellen Ende und auch nur sehr flüchtig - nein, die beiden wählen eine andere Abschiedsgeste: Sie verlassen die Bühne in einer Siegerpose.

Sendung: Inforadio, 29.06.2018, 07:55 Uhr

Beitrag von Henrike Möller

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