Archivbild: Die Schauspielerin und Sängerin Meret Becker stellt am Ostermontag (25.04.2011) in Berlin mit ihrer Band "The Tiny Teeth" ihr neues Konzert "berliNoise" vor (Quelle: dpa/Knosowski)
Audio: Inforadio | 26.06.2018 | Magdalena Bienert | Bild: dpa

Frühkritik | Meret Becker im Festsaal Kreuzberg - Fernweh, Sägespäne und ein Hase

Meret Becker kennt man als Berliner Tatort-Kommissarin, aber nicht alle haben sie auch schon mal einen ganzen Abend singen gehört. Dabei schafft sie es in ihrer Show "Le Grand Ordinaire" Fernweh, Sägespäne und einen Hasen elegant miteinander zu verknüpfen. Von Magdalena Bienert

Meret Becker kommt auf die Bühne und sieht aus wie eine Mischung aus Sahnebaiser und Braut. Sie trägt ein weißes, unten rüschiges, oben raffiniert durchsichtiges Kleid und sucht sich vorsichtig auf der sehr vollen Bühne ihren Platz. Ihre Finger gleiten zuerst über den Rand eines überdimensionalen Cognacschwenkers und erzeugen einen eigenartigen Ton. Noch fast rein akustisch beginnt sie ihren ersten Song.

Der rote Faden durch das Programm heißt Zirkus

Erst holt sie ihre Band und dann ihre singende Säge dazu. Dem Handwerkszeug entlockt sie mit einem Geigenbogen traurig-wimmernde Melodien, es rieseln Sägespäne von der Decke und eine kleine Strickleiter fällt herab - einfach so. Der rote Faden - oder eben die Strickleiter durch das sehnsuchtsvolle Programm mit Fernwehgarantie - heißt Zirkus. So verwundert es kaum, dass irgendwann das siebte Mitglied des Ensembles, Harvey, der Plüschhase, etwas zaubern darf. Natürlich gespielt von einem der Musiker.

Beckers Band sind alles andere als "winzige Zähne". The Tiny Teeth sind fünf Musiker im besten Alter und, wie ihre Dompteurin, Multiinstrumentalisten. Holzblasinstrumente treffen auf Tuba und Trompete, Akkordeon auf Gitarre und Klavier auf Banjo. Dazu kommt eine Glasharfe, ein Brummkreisel oder ein Kinderklavier. Auch in eine Muschel wird geblasen, ein Fön dient als Soundkulisse und natürlich sind da immer wieder Sägen - eine große und ein kleiner Fuchsschwanz.

Und dann knöpft sich Becker ihr Rüschenunterkleid ab

Die Geschichten dieses Abends erzählen von Reisenden und Liebenden, vom  Zirkus, der einen traurigen, braunen Fleck auf der Wiese hinterlässt, vom Taschendieb im Varieté und von Seemännern auf dem rauen Meer. Mal singend, mal erzählend, mal quietschend und laut, dann wieder leise und zerbrechlich. In englischen, französischen oder deutschen Texten.

Meret Becker, die bereits in den 90er Jahren als Chansonette in Berliner Varietees und Kabaretts aufgetreten ist, singt und tanzt und hat bis heute eine große Leidenschaft für Zirkusnummern. Sie selbst sagt von sich, sie sei eine "kleine Artistin". Und als diese knöpft sie sich ihr Rüschenunterkleid ab und schwingt sich nun nur noch im Body auf einen Ring, der über ihr baumelt und biegt und beugt sich darin, zart und elegant, aber immer wieder auch mit selbstironischen Momenten.

Sie fände es albern in eine beschränkende Altersschublade gesteckt zu werden, sagte Becker in einem Interview. Und wirklich auch nur sehr kurz denkt man (bewundernd!) an ihr schnödes Alter, aber auch nur, weil sie so fabelhaft am Luftring hängt. Auf der Bühne ist die Sängerin und Schauspielerin Mädchen und Grande Dame zugleich, aber auch Artistin, Steuerfrau und vor allem stimmliche Abenteurerin.

Ein unkonventioeller, aber hochmusikalischer Abend

Der Festsaal Kreuzberg ist bestuhlt und die Zuschauer sehr diszipliniert, Meret Becker braucht eigentlich gar kein Mikrofon, so still ist es. Aber bei ihrer Edith-Piaf-Persiflage ist es doch gut. Denn wenn sie "La Vie en rose" gurgelt (mit Schluck aus dem Flachmann), muss man das einfach laut hören. Dazu hält sie einen Luftballon-Mops an der Leine. Zum Schreien komisch.

"Le Grand Ordinaire" ist ein herrlich unkonventioneller, aber hochmusikalischer Liederabend mit einer zauberhaften Meret Becker.

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