m Herzen der Gewalt von Édouard Louis in einer Fassung von Thomas Ostermeier, Florian Borchmeyer und Édouard Louis (Quelle: Arno Declair)
Arno Declair
Audio: Inforadio, 04.06.2018, Ute Büsing | Bild: Arno Declair

Theaterkritik | "Im Herzen der Gewalt" - Klaustrophobische Enge, herausragende Darsteller

Thomas Ostermeier hat sich schon in "Rückkehr nach Reims" mit den Wurzeln von Homophobie und Populismus auseinandergesetzt. Jetzt zeigt er an der Berliner Schaubühne "Im Herzen der Gewalt" von Édouard Louis. Ein kathartisches Erlebnis. Von Ute Büsing

Wie hier ein Gewaltopfer versucht, wieder Souverän zu werden, geht körperlich und seelisch nahe. Soviel Wucht steckt in dieser persönlichen Geschichte. Da entblößt sich einer in sexueller und sozialer Hinsicht, um Verhältnisse offen zu legen.

Édouard Louis, der belesene schwule Aufsteiger aus der Provinz, beschreibt nicht nur die eigene Vergewaltigung und den Mordversuch durch eine Zufallsbekanntschaft. Er denkt auch die Implikationen mit: rassistische Reflexe, Homophobie und die Scham dessen, der es geschafft hat, sich aus beengten Verhältnissen zu befreien.

Vier Darsteller erzeugen klaustrophobische Enge

Dem multiperspektivischen Roman folgt Regisseur Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne durch Überblendungen der Erzählebenen. Der Tatort in Paris korrespondiert mit der Wohnung der Schwester auf dem Land, dem Polizeirevier, wo die Tat protokolliert wird, der Erstuntersuchung im Krankenhaus. Die vier herausragenden Darsteller schlüpfen in wechselnde Rollen und nehmen auch die illustrierenden Schwarz-Weiß-Videos auf.

Im "Herzen der Gewalt" entsteht so klaustrophobische Enge. Laurenz Laufenberg gibt einen jungenhaften Édouard, schüchtern und keck zugleich, der durch die Begegnung mit Reda, einem der Polizeizuschreibung nach "maghrebinischen Typ" von der Straße, aus der Bahn geworfen wird.

Der Provinzmief kehrt zurück

Nach einer zärtlichen Liebesnacht stiehlt Reda ihm Tablet und Smartphone. Zur Rede gestellt, flippt er aus, würgt Édouard, vergewaltigt ihn und zieht eine Pistole. Ein unvorhersehbarer Reflex, keine geplante Tat, glaubt Édouard, der früher selbst geklaut hat und eigentlich aus politischen Gründen keine Anzeige erstatten will.

Es war kaltblütig geplant, kontert die Schwester. Sie hält Édouard seine Naivität vor. Aber auch den offenen Umgang mit dem Schwul sein und mehr noch, seinen Stolz, es so weit gebracht zu haben: in die große Stadt, an die Uni. Wie Didier Eribon in "Rückkehr nach Reims" wird auch Édouard wieder vom Provinzmief gefangen genommen.

Viel Applaus vom Publikum

Die Milieuzeichnung der Proll-Provinz gerät allerdings in Schieflage. Was Édouards Mutter als Altenpflegerin erlebt hat, ist nicht komisch, und doch wird hier gelacht, weil daraus eine Travestienummer gemacht wird. Veralberung muss nicht sein bei der Spurensuche nach Populismus, die diese sonst so starke Inszenierung auch leisten will.

Live-Schlagzeugbegleitung und zwei Tanzszenen akzentuieren die körperliche Bedrängnis. Am Ende ist die explizite Gewaltdarstellung kaum zu ertragen. Ein kathartisches Theatererlebnis – so heftig beklatscht wie sein Auslöser, Édouard Louis.

Sendung: Inforadio, 04.06.2018, 08.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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