HustensaftCocktail (Grafik: rbb|24)
Audio: Fritz | 05.06.2018 | Henrike Möller | Bild: rbb|24

Opioide als neue Trenddroge im Hip-Hop - "Shawty, bist du auf Lean?"

Hip-Hop hat eine neue Trenddroge: Opioide. Dazu gehören Codein, Oxycodon und andere starke Schmerzmittel. In den USA spricht man bereits von der schlimmsten Drogenkrise überhaupt. Aber deutsche Rapper glorifizieren den tödlichen Hustensaft. Von Henrike Möller  

Als "Money Boy" vor sechs Jahren den Track "Codein in meinem Eistee" veröffentlicht, versteht kaum jemand, wovon der durchgeknallte Österreicher überhaupt redet. 2012 hat in der deutschen Rap-Musik noch keiner von Codein gehört. Heute sieht das ganz anders aus: "187 Straßenbande" zeigen in ihren Instagram-Stories, wie sie Lean mixen - ein Drink aus Sprite, zerkrümelten Bonbons und codeinhaltigem Hustensaft. Der Kreuzberger "Fruchtmax" erzählt seinen Followern auf Twitter: "Gestern auf Lean eingeschlafen. Pizza war ganze Nacht im Backofen auf 250 Grad".

Und Nimo reimt auf wattige Slowmo-Synthies: "Sip Sip, Lean, Lean, Lean!" Doch ist "Lean" nur Material für Songtexte oder konsumieren die Künstler die Szene-Droge wirklich selber?

Hippe Nischen-Droge?

"Halb-halb", glaubt der Berliner Rapper und Money Boy-Schützling "Hustensaft Jüngling". "Es gibt sehr viele, die das behaupten. Aber die, die es wirklich nehmen, sind noch nicht die ganz großen Player im Rap-Game."

Der Berliner Rapper Mauli sagt, er selbst habe noch keine Opioide genommen. Hinter der Bühne bei Konzerten und Festivals seien die Schmerzmittel aber definitiv ein Thema. "Ich stand nie daneben, als sich jemand sowas reingezogen hat", erzählt er. "Aber natürlich reden die drüber: 'Ja klar, hab ich mir Xanax reingezogen, war voll verrückt.' Oder: 'Hab neulich mal Lean getrunken, war ungefähr wie 50 Joints'".

Der Reiz an Opioiden und ähnlichen Substanzen sei zuallererst ein pragmatischer, meint Indie-Rapper Kex Kuhl: Es gehe um Aufmerksamkeit. "Wenn ich heute in einem Song sage, dass ich einen Joint rauche, schockt das niemanden mehr. Vielleicht ist das die Absicht dahinter, einfach einen draufsetzen zu wollen." Wobei es Grenzen gebe, so Kex Kuhl. "Sie können ja schlecht sagen, sie ballern Heroin, das ist nicht so sexy."

Attraktiv könnte auch die vermeintliche Vorreiterrolle sein, die Rapper innehaben, wenn sie als eine der ersten in Deutschland über Opioide rappen, glaubt der Berliner Hip-Hop-Journalist Alex Barbian. "Natürlich orientiert man sich imagemäßig sehr stark am großen Bruder, dem amerikanischen Rap, und gibt sich damit sehr nah am Puls der Zeit."

Bonez MC fackelt eine Spraydose ab. RAF Camora lässt das unbeeindruckt: Er hockt lässig in der Gegend rum. (Foto: Auf! Keinen! Fall!)Bei Bonez MC sieht man "Lean" in den Videos und bei Instagram.

Wie in Watte gepackt

Doch wenn es nur um Image geht, warum sollte man Opioide dann wirklich nehmen? "Um runterzufahren", sagt "Hustensaft Jüngling". Er selbst trinke regelmäßig codeinhaltigen Hustensaft. "Man wird bisschen müde und es ist alles so ein bisschen langsamer. Man selbst wird langsamer. Das ist alles wie in Zeitlupe."

Es fühle sich an, wie in Watte zu liegen, beschreibt der Arzneimittel-Forscher Gerd Glaeske den Effekt von Opioiden. Alles sei gedämpft und dämmerig. "Genau diese Gefühle möchte man erleben. Sich von sich selbst distanzieren. Man fühlt sich dann auch psychisch sehr weit weg von der Situation, in der man ist."

Der Berliner Rapper Punch Arogunz war mehrere Jahre krankheitsbedingt stark abhängig von Opioiden. Unter ihrem Einfluss sei er gleichgültiger geworden, sagt er: "Dinge, die einen vorher wirklich belastet haben, belasten einen plötzlich nicht mehr. Und das lässt einen übermütig werden. Die Angst vor Konsequenzen ist weg. Man kann ja alles betäuben."

Gegen der Stress der U30er

Auch sein Rap-Kollege Mauli beobachtet, dass das Bedürfnis nach Betäubung wächst: "Das bietet sich ja an, wenn man sich mit seinen Gefühlen nicht so auseinandersetzen möchte, so in seiner eigenen Blase zu leben. Wie Auswandern ohne Auswandern." Gefühle und ein Bewusstsein für die eigene Emotionalität seien heute viel stärker ausgeprägt als früher, glaubt Journalist Alex Barbian: "Da macht ein gesteigertes Verlangen nach Schmerzmitteln Sinn."

Die Erklärung der American Psychological Association geht in eine ähnliche Richtung: Die heutige Generation habe viel mehr Stress, sei mehr Druck und mehr Reizen ausgesetzt als alle Generationen zuvor. Das liege am angespannten Arbeitsmarkt genauso wie am übermäßigen Technik-Gebrauch. Opioide wäre demnach ein Mittel, um sich dieser Gesellschaft zu verweigern.

Der Sänger Hustensaft Jüngling steht bei einem Konzert der «Glo Up Dinero Gang - Money Boy und Hustensaft Jüngling» im Yaam (Quelle:dpa/Christophe Gateau)Hustensaft Jüngling glaubt, es geht um Abwechslung gegen die Langeweile

Opioid-Krise in Deutschland?

Gut möglich, dass Opioide den Zeitgeist der Generation U30 einfangen, wenn sie von der Hip-Hop-Szene in ganz Deutschland verbreitet werden. Das jedenfalls ist die Befürchtung des Drug Research Centers in Frankfurt, des Bremer Arzneimittelforschers Gerd Glaeske und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Eine rasant steigende Zahl an Schmerzmittelabhängigen, wie derzeit in den USA, erwarten die Experten allerdings nicht: In Deutschland werde ganz genau kontrolliert, welcher Arzt aus welchen Gründen Opioide verschreibt. Ein Missbrauch werde dadurch enorm erschwert. Durch ihre geringe Verfügbarkeit hatten Opioide also nicht das Zeug zur Massendroge. Als Trenddroge könnte sie das aber nur noch attraktiver machen – auch mit Hilfe der Hip-Hop-Szene.

Alles über Opioide zum Hören

Opioide im Deutsch-Rap: Warum werden sie genommen?

Download (mp3, 4 MB)
photocase.com

Beitrag von Henrike Möller

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2 Kommentare

  1. 2.

    Bonez immer höflich, Codein macht's möglich, nicht so geil, weil so gesehen ist Drogen nehmen auch tödlich

  2. 1.

    Hustensaft und Codein. Eigentlich nichts neues. Nur die Mixtur hat sich verändert. Schon Anfang der 70er Jahre gab es Menschen die sich mit Hustensaft ne Dröhnung verpasst haben. Auch da hab’s schon Warnungen. Grundsätzlich gibt es immer wieder Medikamentenmissbrauch. Valeron, Mandrax um nur ein paar zu benennen.

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