SchauspielerInnen: Frederic Phung, Lisa Klabunde und Amelie Koeder in dem Theaterstück <<Phantom (Ein Spiel)>> im Gripstheater Berlin. (Quelle: bildbuehne.de/Baltzer)
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Theaterkritik | "Phantom" am Grips Theater - Eine putzende Romni und Versager-Männer

Um Arbeitsmigration aus Osteuropa geht es im neuen Stück "Phantom" am Berliner Grips Theater. Und eigentlich soll es um die Migranten selbst gehen, die Arbeiterinnen und was mit ihnen passiert. Aber genau diese Tiefe fehlt dem Stück. Von Ute Büsing

 

Fünf Schauspieler jagen ein Phantom. Sie heften sich auf die Fährte einer Kopftuch tragenden jungen Frau aus Osteuropa, die sie der Einfachheit halber "Blanca" nennen. Sie ist Bulgarin, sie ist Romni und sie ist auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland geraten. Aber ist sie auch diejenige, die ihr Neugeborenes in einem Fast-Food-Restaurant abgelegt hat? Bei Burger & Co. beginnt die fetzige, laute und schnelle Spurensuche. Darin geht es um unbedachte Zuschreibungen, rassistische Stereotypen, Sozialschmarotzerklischees.

Schlacht der Klischees

Allein, was hier an Vorurteilen geknackt werden soll, bleibt über zwei Stunden zumeist in der bloßen Bebilderung stecken. Da wird ein Klischee nach dem anderen rausgehauen, aber kaum je unterlaufen. Schon in Lutz Hübners und Sarah Nemitz Stückvorlage fehlt die Tiefenschärfe. Und Petra Zieser setzt in ihrer ersten Regie am Grips, wo sie schon in "Linie 1" auf der Bühne stand, auf starke Typisierung der Figuren, anstatt sie differenziert agieren zu lassen. "Höchst manipulatives Klischeetheater!" heißt es einmal selbstironisch.

Aber mit der Ironie ist das so eine Sache. Denn der Klischeebruch soll dadurch vollzogen werden, dass die Schauspieler jederzeit auch sich selbst spielen und sich dabei - aus der Rolle gefallen - krasse Klischees um die Ohren hauen. Damit wird die undifferenzierte Betrachtung sogar noch verdoppelt. Zu selten gelingt eine Feinzeichnung der Blanca, die sich drei Schauspielerinnen teilen. Sie markieren sich jeweils durch ein traditionelles Tuch über der weißen Einheitskleidung, die das Ensemble trägt.

Ein Blick auf die "deutsche Unterschicht"

Blanca also: Sie wird von ihrer Roma-Familie im Bus nach Deutschland geschickt. Dort soll sie es besser haben und beim Vetter Arbeit finden. Betteln will sie nicht. Sie geht Spargelstechen, in die Fabrik und zur Putzkolonne. Sie emanzipiert sich, auch von den Forderungen ihrer Familie, der sie, der "Schutzengel“,  fast ihr gesamtes Geld überweist. Sie wird abgezockt und schlägt zurück. In der zweiten Spielhälfte trifft sie auf die prollige, verwahrloste Hartz IV-Empfängerin Annika und geht ihr zur Hand.

Da wird dann noch mal ein ganz neues Schaufenster aufgemacht, eines auf die deutsche Unterschicht nämlich, ebenso klischeegesättigt wie der Blick auf die Arbeitsmigrantin Blanca. Die will wenigstens arbeiten, Annika nicht. Im gesellschaftlichen Abseits stehen aber beide und es hilft wenig sie - komisch - gegeneinander auszuspielen. Alle Männer in diesem mit einer hübschen Märchenprojektion angereicherten Phantom-Spiel sind übrigens Sexy-Versager-Machos. Ein Missverständnis.

Sendung: Inforadio, 08.06.2018, 7.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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