Der Proberaum von Stadtruhe ist miniklein - nur etwas mehr als 15 Quadratmeter groß. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Bild: rbb/Elias Franke

Proberaummangel in Potsdam - "Wie Ratten im Labor"

Potsdams Musikszene hat ein Problem: Sie findet keine Probenräume. Sobald ein neues Quartier bezogen wird, müssen die Bands wieder raus. So geht es auch der Fête de la Musique-Band Stadtruhe. Sie werden ganz aus Potsdam gedrängt. Von Jule Kaden und Elias Franke

Das orangefarbene Stirnband von Gitarrist Thomas lässt sich schon fast auswringen. Dabei steht die Tür nach draußen offen. "Wir sind klitschnass und haben erst einen Song gespielt." Der Schwindelanfall sei auch nicht weit, sagt Stadtruhe-Sängerin Laura Walter tief und schnell atmend. Sie steht inmitten ihres kleinen, mit schwarzen Schaumstoffpanelen ausgekleideten Proberaums, ein Ventilator macht mächtige Umdrehungen. Auch den anderen vier Bandmitgliedern tropft der Schweiß vom Gesicht.

Stadtruhe - Lea, Thomas, Laura, Jan, Vico - aus Potsdam sind in sechs Jahren Bandbestehen bereits drei Mal umgezogen. Umzug vier steht im Herbst an (Quelle: rbb/Elias Franke)
Stadtruhe: In Sechs Jahren Bandgeschichte - drei Mal Proberaumwechsel | Bild: rbb/Elias Franke

Doch eigentlich hat die fünfköpfige Rock-Band ein viel größeres Problem: Sie sind echte Musiknomaden. Seit sechs Jahren gibt es die Truppe um Sängerin Laura Walter und Schlagzeuger Vico Grottschreiber. In dieser Zeit sind die Potsdamer Musikerinnen und Musiker bereits drei Mal umgezogen. Der nächste Proberaumwechsel steht schon auf dem Plan, obwohl die Umzugskisten gerade einmal ausgepackt sind.

Sängerin Laura ist genervt vom ständigen Umziehen und Neueinrichten. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Sängerin Laura ist wütend und enttäuscht. | Bild: rbb/Elias Franke

Genervt, wütend und enttäuscht

Momentan proben Stadtruhe am Potsdamer Stadtrand. 200 Euro Miete zahlen Sie für einen der extra privat aufgestellten weißen Container in Bergholz-Rehbrücke, die sonst typischerweise auf Baustellen stehen. Ihr Raum ist rund 15 Quadratmeter groß. Aus ihrem letzten Proberaum in Babelsberg mussten sie Ende März raus. "Wir sind sehr genervt und wütend darüber, dass wir ständig umziehen müssen", sagt Sängerin Laura. Jedes Mal Arbeit rein stecken, Zeit investieren, es sich gemütlich machen und dann doch: Wieder eine Kündigung, wieder "alle Zelte abreißen". Enttäuschung pur, sagt die Potsdamerin. 

Die Proberaumcontainer am Rand von Potsdam in Rehbrücke. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Die Proberaumcontainer in Rehbrücke. | Bild: rbb/Elias Franke

Vom Stadtkern an den Stadtrand gedrängt

Zu Beginn hat die Band - die ihren Stil als "facettenreiche Rockmusik" beschreibt, die "mit dem Pop flirtet und mit der restlichen Musikwelt liebäugelt" - im alternativen Kultur- und Wohnzentrum "Archiv" im Stadtzentrum geprobt. Doch feuchte Wände und Schimmel führten bald dazu, dass die Band den Proberaum wieder verlassen hat. Danach ging es in die "Alte Brauerei" am Brauhausberg. Anfang 2014 sind den über 100 Potsdamer Kulturschaffenden, darunter 25 Bands und etlichen Fotografen, Malern und Schriftstellern jedoch die Proberäume und Ateliers gekündigt worden, um das Gelände zu Wohnraum zu machen. Fast geschlossen konnten Stadtruhe und die anderen Musiker anschließend in der Ahornstraße in Babelsberg unterkommen. Doch nach angekündigten Mieterhöhungen und einem Streit mit dem Vermieter, war auch dort im März 2018 Schluss und Stadtruhe zogen in die Proberaumcontainer um: Eine Proberaumodyssee von der Innenstadt an der Havel über ein Industriegebiet in Babelsberg an den Stadtrand nach Bergholz-Rehbrücke. 

Weil es bei 32 Grad zu heiß im Proberaum ist, wird draußen geübt. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Stadtruhe am Stadtrand. Noch. | Bild: rbb/Elias Franke

Doch jetzt reichts erst mal im Container: Nach einem Song verlegen Stadtruhe wegen der Hitze die Probe nach draußen. Neben der geringen Größe und hohen Temperaturen in dem Metallkasten gibt es noch ein Problem: Keine funktionierenden Toiletten. Bei 32 Grad im Schatten ist das je nach Windrichtung besonders geruchsintensiv und führt während der akustischen Probe in der Sonne immer wieder zu belustigtem bis genervten Gelächter. "Wenn du hierher kommst, bist du froh wieder nach Hause zu kommen", sagt Drummer Vico Grottschreiber. Die Optik, die Abgeschiedenheit, alles: "Ich fühl mich wie eine Laborratte". Über längere Zeit im Proberaum aufhalten, mal noch ein Bierchen trinken und abhängen sei nicht drin, sagt der Schlagzeuger. 

Stadtruhe-Schlagzeuger Vico fühlt sich wie eine "Laborratte" im Proberaumcontainer. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Schlagzeuger Vico fühlt sich wie eine Laborratte | Bild: rbb/Elias Franke

Für Stadtruhe bleibt nach dem Stadtrand nur eines: "Wir gehen weg."

Im September folgt dann der vierte und bestenfalls letzte Umzug ins 30 Minuten entfernte Werder an der Havel. Vico findet es schade und traurig, "aus der eigenen Stadt vertrieben zu werden, weil die Stadt nichts macht". Vor allem, sagt er, weil die Band dennoch weitermache, um eben ihrer Heimatstadt Kultur zu bieten.

Die Potsdamer Band Stadtruhe bei einem Auftritt. (Quelle: rbb/Elias Franke)
Stadtruhe bei ihrem Auftritt zum Potsdamer Selbsthilfetag Anfang Juni 2018 | Bild: rbb/Elias Franke

Trotz mehrer Anfragen war die Stadt für ein Interview nicht bereit und verwies schriftlich darauf, dass sie bestrebt sei, langfristige Lösungen zu schaffen. So lange wollen Stadtruhe nicht warten: Der neue Proberaum in Werder hat zwar keine Fenster, ist aber mit etwa 50 Quadratmetern drei Mal so groß wie der rund 15 Quadratmeter große Container. Vico scherzt: "Ich glaube sogar, es könnte die Stadtruhe-Altersresidenz werden." Das wünscht er sich zumindest und grinst. Dafür nehmen sie auch den weiteren Fahrtweg sowie damit entstehende Mehrkosten in Kauf. Denn das Bitterste an der ganzen Proberaumsituation sei für den Schlagzeuger am Ende: "Wir proben in einer anderen Stadt, um die Kultur wieder in unsere Heimatstadt zu bringen." Vico zuckt mit den Schultern. "Schade, aber ist halt so."

Stadtruhes nächster Gig ist am 21. Juni zur Fête de la Musique, dem weltweiten umsonst und draußen (Straßen-)Musikfestival, an dem auch Potsdam teilnimmt. 

Sendung: Brandenburg aktuell, 18.06.2018, 19.30 Uhr

Beitrag von Jule Kaden, Elias Franke

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 5.

    Na wenn sie meinen, ich denke dass die genannten Probemöglichkeiten für Hobbymusiker dann erst recht ausreichen.
    Jedenfalls besser als den Menschen in Wohnungen auf den Wecker zu gehen.
    Mit der Scheune dachte ich eher an Vollzeitmusiker, also wir haben das früher jedenfalls auch nicht einfach gehabt, doch waren nicht so viele Möchtegern-Künstler am Start. Dann reden wir am Thema vorbei. Ich denke Musik oder Arbeit. Viel Spaß noch mit der Arbeit.

  2. 4.

    Diese Stadt ist einfach voller Bonzen, die hier gern ihr Disneyland haben möchten, da passen Bands, egal ob alt oder jung, die einen Proberaum suchen und brauchen einfach nicht rein. Es gibt hier einfach keine Proberäume, wir proben auch unter widrigen Bedingungen auf 10 qm, bei Hitze nutzt der beste Ventilator nichts und insbesondere Schlagzeuger spielen ihr Instrument nun mal sehr körperlich, da wäre ein adäquater Luftaustausch schon angebracht und funktionierende WC sind wohl selbstverständlich. In dieser Stadt läuft so einiges schief, aber es zählt eh nur die Kohle, ich sag nur gute Nacht Potsdam und Kommentare die aus Unwissenheit entstehen sind hier einfach mal nicht angebracht.

  3. 3.

    Sie haben aber eine negative Sicht auf die Musikszene. Und wie es mir erscheint auch keine sonderlich realistische. Die wenigsten Musiker, die sich innerhalb der Szene bewegen, können von ihrer Kunst leben. Wir bspw. haben alle Studien- und/oder Ausbildungsabschlüsse und befinden uns in Vollzeitstellen. Gerade daher ist es schwierig, nach 8 bis 9 Stunden Arbeitszeit noch über ne Stunde zum Proberaum aufs Land in die Scheune zu fahren. Und sie werden es nicht für möglich halten: Musiker müssen proben. Dabei spielen gute Probebedingungen auch eine Rolle. Da geht uns, entschuldigen Sie die Formulierung, ein Szenecafe am Arsch vorbei.

  4. 2.

    Ratten im Labor sind dem Tode geweiht und haben keinerlei Wahl des Lebensortes - also eine Bitte an die betroffenen Musiker: nicht mit gefangenen Tieren in einem Labor vergleichen - die können nicht entrinnen - Ihr müsst leider umherziehen und in engen Kabuffs üben - so leid wie mir es auch tut - aber dieser Vergleich hinkt gewaltig.

  5. 1.

    Gibt halt zu viele davon, die Musik machen wollen. Abi > Uni > Abbruch > Musik > keine Nachfrage, ein Plagiat scheucht das nächste. Die Musikszene ist langweilig geworden. Vielleicht sollten sie nicht in der Stadt proben, sondern auf dem Land, da werden bestimmt viele Scheunen vermietet. Aber da kann man ja nicht nach der Probe im Szenecafé abhängen und sich über die böse Welt auslassen. Sie können doch froh sein, dass es zwar enge Locations, aber immerhin Möglichkeiten gibt zu proben, was wollen die denn?!

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