Szene aus "EΞΟΔΟΣ I Exodos" von Sasha Waltz & Guests (Bild:
Audio: Inforadio | 21.06.2018 | Anna Pataczek | Bild: Sasha Waltz & Guests/Stylianos Tsatsos

25 Jahre "Sasha Waltz and Guests" - "Wir sind angekommen in Berlin"

Immer wieder drohte Sasha Waltz mit dem Weggang von Berlin. Jetzt feiert die designierte Staatsballett-Leiterin das 25-jährige Bestehen ihrer Tanzcompagnie - mit Wiederaufführungen und einer Neuproduktion. Von Anna Pataczek

Sasha Waltz kommt gerade aus einer Probe ihres neuen Stücks. Noch bleiben ein paar Wochen bis zur Uraufführung am 23. August im Berliner Radialsystem - und noch sind einige Fragen offen: Wie wird die Schlussszene? Sollen die Zuschauer die ganze Zeit umherwandern können? Auf alle Fälle soll niemand für die Dauer des Stücks einen festen Sitzplatz zugewiesen bekommen, so viel steht schon mal fest. "Ich möchte den Raum öffnen", sagt Sasha Waltz. Die Halle und der Saal im Erdgeschoss des Radialsystems sollen bespielt werden.

"Exodos" heißt die Neuproduktion mit 26 Tänzerinnen und Tänzern ihrer Compagnie. Nur ein Jahr nach ihrem vorigen Stück "Kreatur" [Rezension von Anna Pataczek] bringt die Choreografin erneut ein Werk in Berlin heraus. Dabei dreht sich dieses Mal alles um das titelgebende griechische Wort für "Ausgang" – aus dem sich für Sasha Waltz eine lange Assoziationskette ergibt. So markiert "Exodos" nicht nur (Not)Ausgänge, sondern steht umgangssprachlich auch für Ausgehen, für Nachtleben. Die Suche nach einem Sehnsuchtsort, Flucht und Migration, die biblische Geschichte um den israelitischen Auszug aus Ägypten – und damit die aktuellen Migrationsbewegungen – schwingen für die Choreografin ebenfalls mit und werden von ihr zur Zeit in, wie sie sagt, "rohe, archaische" Bilder gepackt.

Sechs Repertoire-Klassiker an verschiedenen Spielorten

Das in New York und Berlin ansässige Soundwalk Collective steuert wie beim Vorgänger-Stück "Kreatur" die Musik bei. Federico Polucci, mit dem die Compagnie schon mehrmals zusammengearbeitet hat, entwirft die farbigen Kostüme. Dazu bedient er sich aus dem Fundus der Compagnie, recycelt alte Kostüme zu ganz neuen Kombinationen. In 25 Jahren Geschichte hat sich da eine Menge angesammelt. So schließt sich zum Jubiläum ein Kreis.

Der 25. Geburtstag wird gefeiert. Neben der Neuproduktion "Exodos" werden sechs Produktionen aus dem Repertoire an verschiedenen Spielorten in der Stadt bis in den kommenden Sommer wieder aufgeführt: "Roméo et Juliette" mit drei Gastsolisten der Pariser Oper, "Orfeo", "Körper", "Kreatur", "Continu" und "Sacre".

"Man sieht das Alter - und das ist wunderschön"

Viele der Tänzerinnen und Tänzer der Uraufführungen sind bis heute mit auf der Bühne zu erleben. Die erste Generation ist heute mehr als 40 Jahre alt, die älteste Tänzerin sogar 60. "Sie identifizieren sich mit unserem Repertoire", freut sich Sasha Waltz. "Wenn ich sie tanzen sehe, bewegt mich das. Man sieht das Alter - und das ist wunderschön."

Durch zahlreiche Gastspiele im In- und Ausland kann die Choreografin ihren Ensemblemitgliedern langfristige Perspektiven bieten und Wegbegleiter an sich binden. Das sah 2014 noch ganz anders aus. Das Land hatte der Compagnie damals mehr Fördergelder verweigert, Waltz drohte gar mit Weggang. Die festen Verträge mit ihren Tänzerinnen und Tänzern musste sie auflösen. Inzwischen hat sich die Lage stabilisiert. Berlin hat die Subventionen angehoben, die Kompanie wird mit 2,3 Millionen Euro unterstützt. Acht feste Stellen gibt es mittlerweile wieder. "Wir sind angekommen in Berlin", sagt Jochen Sandig, Mitbegründer, Compagnie-Direktor und Ehemann der Choreografin.

Waltz bleibt in Compagnie auch als Staatsballett-Chefin aktiv

Das Jubiläumsprogramm von "Sasha Waltz and Guests" wirkt wie eine Bilanz. 2019/2020 wird Sasha Waltz zusammen mit dem Schweden Johannes Öhman die Leitung des Berliner Staatsballetts übernehmen. "Eine Zäsur ist das aber nicht", sagt die 55-Jährige. Zumal sie ihre Compagnie nicht aufgeben wird. Pro Jahr will sie eine Premiere kreieren, im Turnus abwechselnd für "Sasha Waltz and Guests" und das Staatsballett. "Außerdem werde ich andere Künstler einladen, mit der Compagnie zu arbeiten, so dass wir auch so das Repertoire erweitern", sagt sie. Das Workshop-, Bildungs- und Künstleraustausch-Programm von "Sasha Waltz and Guests" soll zudem noch ausgebaut werden.

Dass das Land Berlin kürzlich das  Radialsystem V gekauft hat, bedeutet Stabilität für die Compagnie, die zwar keinen festen Ort hat, in dem Tanz- und Kulturzentrum in Friedrichshain aber probt und auftritt. "Wir sind Mieter - und jetzt ist unser Vermieter eben das Land Berlin", sagt Jochen Sandig. "Die Gefahr der Spekulation um das Gebäude konnte abgewendet werden. Wir hoffen sogar, dass hier zukünftig noch mehr Kultur stattfinden kann."

Sendung: Inforadio, 21.06.2018, 12:55 Uhr

Beitrag von Anna Pataczek

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