Selah Sue bei einem Konzert im Festsaal Kreuzberg (Quelle: imago/Martin Müller)
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Audio: Inforadio, 6.6.2018 Hendrik Schröder | Bild: imago/Martin Müller

Konzertkritik | Selah Sue im Festsaal - Die Frau ist wirklich eins mit ihren Songs

Die Belgierin Selah Sue ist in den Benelux Staaten ein echter Star. Ihr wilder Mix aus Soul, HipHop und anderen Spielarten hat sie auf drei erfolgreichen Alben verewigt. Aktuell ist sie auf Tour - am Dienstag war sie ganz groß im Festsaal Kreuzberg. Von Hendrik Schröder

Am Anfang leuchten nur ein paar schwache blaue Lampen die Bühne aus. Pianist und Cellist setzen sich an ihre Instrumente, spielen ein inniges, leises Intro. Der Pianist trägt trotz der Hitze im Saal eine Wollmütze, dafür ist sein Hemd offen, der Cellist hat baumdicke Unterarme und ein weiches Gesicht.

Behutsam, in sich gekehrt eröffnen sie das Konzert. Und was machen einige der geschätzten vierhundert gut gelaunten jungen Leute in Sommerklamotten im proppenvollen Festsaal? Sie unterhalten sich einfach weiter.  Ein Geraune und Geschnatter wabert durch den Raum, minutenlang, obwohl das Konzert schon los gegangen ist. Wie unsensibel, wie respektlos ist das den Musikern gegenüber? Vor allem, weil das weite Strecken des Gigs über bei den ruhigen Stellen so bleibt. Warum machen die das? Warum schmeißt die keiner raus? Das Konzert wird dann glücklicherweise so grandios, dass auch das Gequatsche nichts daran ändert.

Ironisches Grinsen, riesige Stimme

Während des Intros hört man Selah Sue's Stimme erst nur dem Off, dann kommt sie unter mächtigem Applaus auf die Bühne. Ihre Haare sind hoch toupiert, riesige Ohrringe baumeln fast bis auf die Schultern, sie trägt schwarze enge Hosen und ein spitzbübisch ironisches Grinsen auf den rot geschminkten Lippen. Ihre Stimme ist kehlig, gekonnt krächzend, dann massig, tief, ausufernd, dann zart und zerbrechlich. Wahnsinn. Zwischendurch klingt sie, als käme sie nicht von dieser Welt, unheimlich. Und so stark.

Wie einnehmend, wie mitreißend. Vor Selah Sue steht ein Mikroständer mit zwei Mikrofonen und einem kleinen Mischpult. Bei einigen Songs, spielt und singt sie darüber zunächst kleine Melodien ein, die dann als Schleife immer wieder kehren, so schichtet sich Sound für Sound übereinander. Auf der Setlist stehen ihre bekannten Songs aus den letzten Jahren, einige davon mit ihren neuen Musikern ganz anders arrangiert und trotzdem wiederzuerkennen. Und auch einige neue Nummern. Zum Beispiel die über ihr neu geborenes Kind, die sie, so sagt sie es in einer Ansage, in der Hängematte mit dem schlafenden Kind auf der Brust geschrieben hat.

Mischung aus Tina Turner und Alanis Morissette

Durch die präzise Loop Technik klingt die dreiköpfige Band bald wie zu zehnt. Es wird lauter und lauter, rockiger, psychedelischer. Jetzt qutascht niemand mehr. Jetzt fangen die Leute an sich zu bewegen und fasziniert zuzuschauen, wie Selah Sue mit drei Stimmen gleichzeitig klingt wie eine Mischung aus Tina Turner und Alanis Morissette in neu. Und wie sie dabei jede Note mit einem aus den Tiefen ihrer Seele zu kriechen scheinenden Gesichtsausdruck illustriert.

Die Unterlippe zieht sich rauf wie bei einer Schweinerock-Band, die Stirn legt sich in tiefe Falten, dann guckt Selah Sue plötzlich listig wie Pippi Langstrumpf, blitzt später böse und aggressiv in die Menge. Es passiert ja eigentlich nicht viel auf der Bühne, da stehen und sitzen drei Leute und machen Musik, ohne Show, ohne Gimmicks. Aber allein Selah Sues Mimik zu beobachten ist den ganzen Eintritt wert, die Frau ist wirklich eins mit ihren Songs.

Zugaben auf Zuruf

Nach einer Stunde ist der reguläre Teil schon zu Ende. Selah Sue klingt hörbar verausgabt, die jüngst fehlende Routine merkt man vor allem ihrer erschöpften Stimme jetzt an, aber sie kommt dennoch für ein paar Zugaben zurück, die sie auf Zuruf der ganz treuen Fans in den ersten Reihen einfach lachend aus dem Hut schüttelt. Darunter natürlich das leichtfüßig groovende "Raggamuffin", das für letzte Begeisterungsanfälle im Publikum sorgt. Was für eine außergewöhnliche Künstlerin.

Sendung: Inforadio, 06.06.2018, 7.50 Uhr  

Beitrag von Hendrik Schröder

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