François (Edgar Selge, Mitte) zwischen verschleierten Frauen in Paris (Bild: rbb/NFP/Manon Renier)
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Video: 02.06.2018 | rbb Kultur | Steffen Prell | Bild: rbb/NFP/Manon Renier

Romanverfilmung "Unterwerfung" im Ersten - "Lust an der Provokation, Bereitschaft zum Opportunismus"

Was wäre, wenn der Islam den Alltag in Frankreich bestimmen würde? Der rbb hat Michel Houellebecqs "Unterwerfung" für Das Erste verfilmt. Edgar Selge, Matthias Brandt, Titus Selge und Karin Baier über Männer- und Menschenbilder, Provokation und Werteverfall.

Paris 2022. Der Literaturwissenschaftler François (Edgar Selge) verliert seine Anstellung, als ein muslimischer Staatspräsident in Frankreich das Patriarchat und die Polygamie einführt. In seiner zunehmenden Vereinsamung erreicht ihn das Angebot des Rektors Rediger (Matthias Brandt). Der stand früher eher der neurechten Identitären Bewegung nahe, hat sich aber mittlerweile dem Islam zugewandt. Rediger bietet ihm an, seine Lehrtätigkeit an der Sorbonne wieder aufzunehmen, unter einer Bedingung: Er muss zum Islam konvertieren.

Der rbb hat Michel Houellebecqs vieldiskutierten Bestseller "Unterwerfung" 2017 verfilmt. Titus Selge (Neffe von Edgar Selge) schrieb das Drehbuch und führte Regie. Seine Fernsehadaption kombiniert Ausschnitte der gleichnamigen Theaterinszenierung von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Filmszenen.

Edgar Selge, Sie spielen den François. Was ist das für ein Mann?

François (Edgar Selge) bei einem Spaziergang durch die Straßen von Paris (Bild: rbb/NFP/Manon Renier)
Literaturwissenschaftler François (Edgar Selge), ein Trinker mit einem Faible für Studentinnen, verliert seinen Job, als ein islamischer Politiker in Frankreich Staatspräsident wird. | Bild: rbb/NFP/Manon Renier

Edgar Selge: Die Haupteigenschaften dieser "Figur" sind eine kompromisslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, ein Sprechen ohne Schere im Kopf, eine Lust an der Provokation, eine ständige Präsenz der eigenen sexuellen Träume, einer Sehnsucht nach Religion und dem Eingeständnis, in metaphysischen Dingen nicht "begabt" zu sein. Zur Figur gehören außerdem die Akzeptanz der eigenen Einsamkeit und ein Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit, das ihn zur Verzweiflung treibt. Ebenso wie die Bereitschaft zum Opportunismus, um dieser Verzweiflung zu entgehen. Ich versuche, mich als Resonanzraum für diese erzählende Figur zur Verfügung zu stellen. Der wichtigste Aspekt ist für mich der Kontakt zum Zuschauer.

Matthias Brandt, was macht die Figur des Rektors Rediger aus, der Francois vorschlägt, zum Islam zu konvertieren?

Szene aus Unterwerfung
Matthias Brandt (li) spielt den Uni-Rektor Rediger. Dieser stand früher eher der neurechten, Identitären Bewegung nahe, hat sich aber mittlerweile dem Islam zugewandt. Die rechten Bewegungen und der Islam haben seiner Meinung ganz ähnliche Ziele. | Bild: rbb/NFP/Stephanie Kulbach

Matthias Brandt: Man kann ihn als jemanden beschreiben, der sich dieser fiktiven neuen französischen Gesellschaftsform sehr schnell anpasst und versucht, für sich den größtmöglichen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen. Moralische oder ethische Skrupel scheint er nicht zu haben, deshalb klappt das auch gut. Dieser Typus war ja bei uns in der Nazizeit unter Künstlern und Wissenschaftlern auch recht verbreitet.

Titus Selge, als der Roman 2015 erschien – am Tag des islamistischen Anschlags auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo –, gab es viel Kritik und Zustimmung. Was waren Ihre Gedanken beim Lesen?

Regisseur Titus Selge (re.) mit Regieassistentin Tatiana Merizalde Dobles (li.) am Set von "Unterwerfung" in Paris (Bild: rbb/NFP/Manon Renier)
Am Set: Titus Selge ist der Neffe von Edgar Selge. Er schrieb für die Fernsehfassung von "Unterwerfung" das Drehbuch und führte Regie. | Bild: rbb/NFP/Manon Renier

Titus Selge: Ich habe den Roman tatsächlich sofort nach seinem Erscheinen gelesen, einfach weil ich Houellebecq seit der "Ausweitung der Kampfzone" immer gelesen habe.

Darum wusste ich, dass "Unterwerfung" keineswegs von islamistischen Attentaten handelt. Trotzdem sitzt Houellebecq seit Jahren in der Schublade des Katastrophenpropheten. Da kann er schreiben, was er will. Die Leute, von denen die allermeisten seine Bücher gar nicht wirklich lesen, lassen ihn da nicht mehr raus. Ich fand es besonders schrecklich, dass er einen seiner Freunde bei dem Anschlag auf die Redaktion verloren hat, ausgerechnet als seine eigene Karikatur das Cover von Charlie Hebdo zierte.

Der Roman wurde vor der Anschlagserie in Europa geschrieben und beim Drehen in Paris haben wir bemerkt, wie sensibilisiert die Franzosen inzwischen sind. Wenn da ein Moped eine Fehlzündung an der Kreuzung hat, gehen die Leute sofort in Deckung. Insofern sind Teile des Romans durch die Wirklichkeit überholt worden. Das Grundthema, die Schlaffheit des westlichen Liberalismus, ist aber aktueller denn je.

Frau Baier, in den Film sind Ausschnitte aus Ihrer Theaterinszenierung montiert. Die Deutschen scheinen geradezu besessen von Houellebecq zu sein, was macht seine Faszination hierzulande aus?

Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg (Bild: rbb/Florian Raz)
Karin Baier ist Intendantin des Schauspielhauses Hamburg. Dort inszenierte sie auch "Unterwerfung", ebenfalls mit Edgar Selge in der Hauptrolle.Bild: rbb/Florian Raz

Karin Baier: Die Krise der Demokratie ist auch bei uns spürbar: in Terroranschlägen, in einem gewaltigen Erstarken der rechten Szene, mittlerweile auch im Bundestag, vertreten durch die AfD - und nicht zuletzt in einem schleichenden Zusammenbruch von tradierten Werten. Insofern gelingt es Houellebecq, modellhaft auch unsere Abgründe zu beschreiben – mit großer Ernsthaftigkeit und virtuoser Ironie, die natürlich auch sehr unterhaltsam ist. Dazu ist es ein spannendes Gedankenexperiment: Wird sich François als korrumpierbar erweisen? Das ist eine Frage, die man sich auch selber stellen kann und über die nach den Theatervorstellungen viel diskutiert wird, wie wir aus Zuschauerreaktionen erfahren haben.

Sendung: Das Erste, 06.06.2018, 20:15 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Mein Ansatz war und ist, dass Frankreich an der so bezeichneten Radikalisierung einzelner Muslime bzw. einschlägier muslimischer Gruppen massiv beteiligt ist. "Beteiligt" durch eben die genannten Umstände: Wir haben Euch zwar gebraucht, als Ihr Statthalter von uns im Zuge des Kolonialismus wart, doch hergekommen betrachten wir Euch keinesfalls als Vollwertige.
    So etwas hat Folgen, auch wenn das keine einzige Gewaltanwendung und keine einzige Machtphantasie rechtfertigt. Es macht sie lediglich nachvollziehbar. Das ist gewiss ein gewaltiger Unterschied.

    Hier wurden Menschen aus der Türkei "nur" aus fadenscheinigen Gründen hergeholt, zum "Wirtschaftswunder" beizutragen. Als Gäste wurden sie freilich nie behandelt.

  2. 7.

    "Einschlägig" steht im Kontext der Gewaltanwendung und des Versuches einer von Houellebecq bezeichneten Übernahme. Das ist in der "Gemeinschaft der Muslime" klar eine Minderheit.

  3. 6.

    @Helmut Krüger(4) ... Man mag zu dem Film in DE und F "seine" Meinung haben.
    Zu Ihrer Meinung, "einschlägige" Muslime (was meinen Sie mit einschlägig?) wären eine,
    so verstehe ich Sie, unbedeutende(?) Minderheit, gebe ich zu bedenken,
    Politiker sind auch eine Minderheit.

  4. 5.

    Nicht nur Frankreich hat ein Problem mit der Moslem-Zuwanderung.
    Frankreich verändert sich massiv und die französischen Juden flüchten wegen der anhaltenden Antisemitismus.

    Der "traditionelle Antisemitismus" aus rechtsextremen und konservativ katholischen Kreisen gehe zurück, sagt der Historiker Georges Bensoussan.

    Jetzt komme die Gewalt von linken Anti-Zionisten und von Islamisten. Eine These, die an Tabus rührt. Die Mainstreammedien hierzulande wollen darüber nicht gern reden.

    Stattdessen kommen jetzt verwegene Forderungen etwa der CDU Hamburg, nach „Begrenzung auf vier Kinder mit Flüchtlingshintergrund“ in einer Klasse, weil Integration ansonsten nicht funktioniere. Die Herrschaften aus Hamburg scheinen die Realitäten nicht zu kennen. Mit dieser Forderung könnte man in Berlin faktisch die Schulen schließen.

  5. 4.

    Katastrophismus und eine 5-vor-12-Mentalität hat noch nie zu etwas geführt. Auch die ursprüngliche Anti-AKW-Bewegung ist zur Ökologiebewegung herangereift und hatte damit Breitenwirkung erzielt. Aus einer oftmaligen simplen Anti-Auto-Position sind vernetzte Verkehrssysteme entstanden, auch wenn das den Alltagstrott so vieler, die nicht um ihre Wahlfreiheit wissen, noch nicht richtig aufgebrochen hat. Aber die Sache ist nicht mehr vom Tisch zu kriegen.

    Das ist bei der ausgesprochenen Angstmacherei Michel Houellebecqs anders. Wenn es einschlägige Muslime, die in Reihen der Muslime eine Minderheit darstellen, nicht gäbe, Houellebecq würde sie glatt erfinden.

  6. 3.

    Oh, ein Blick in unsere nahe Zukunft, das ist ja prima :-)
    In dem Film schreiben wir das Jahr 2022... noch wäre also die Zeit gegenzusteuern, aber ich befürchte, dass die Mehrheit(gefühlt) bereits deutlich gemacht hat, dass sie durchaus bereit ist, sich "als korrumpierbar zu erweisen".

  7. 2.

    Wenn es ein Problem gibt in Frankreich, dann ist es die unaufgearbeitete koloniale Vergangenheit, weshalb viele Kollaborateure und deren Nachfahren nach der jeweiligen Unabhängigkeit nach Frankreich gingen. Dort wurden sie allerdings alles andere als willkommen geheißen. Mit allen Folgen, die das eben so hat. Wer zwischen Baum und Borke geraten ist, neigt eben eher als andere zu extremen Verhaltensweisen.

    Das Zweite ist das Einpferchen von Menschen im jeweiligen Großraum von Millionenstädten in die so bezeichneten Banlieus, Trabantenstädte, gegenüber denen die Wohnkomplexe der DDR noch das wahrste Paradies waren. Schlichte Stapelware, bei Erbauung ohne jegliche Infrastruktur. Das ist der wesentliche Ausgangspunkt bei allen gesuchten Auseinandersetzungen mit den "Flics".

    Ich habe Houellebecq daran keine Kritik üben gehört, Paris, Marseille und Lyon wohnungspolitisch migrantenfrei zu bekommen.

  8. 1.

    Jeder Jeck ist anders an Karneval, gelle!

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