Gebäude in der Europacity in Berlin am 19.08.2015 (Foto: imago/Westend61)
Video: Abendschau | 14.07.2018 | Christian Walther / Interview: Sascha Hingst | Bild: imago/Westend61

Architektin gegen Monotonie in Berlin - "Wir brauchen Gebäude, in denen mal was anderes passiert"

Die Gebäude rund um den Berliner Hauptbahnhof ziehen immer wieder Kritik auf sich. Die Bemühungen des Senats reichten nicht aus, kritisiert die Architektenkammer im rbb. Es brauche ein grundlegendes Umsteuern.

Schlichte, nüchterne Fassaden, viel Grau in Grau mit schlitzförmigen Fenstern, die wie Schießscharten wirken, oftmals besteht ein gesamter Block aus einem einzigen Haus, wie etwa beim Bundesforschungsministerium: Aus architektonischer Sicht ist das Quartier rund um den Berliner Hauptbahnhof ziemlich monoton.

Das sieht auch Christine Edmaier so, Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Das liege daran, dass auch die Nutzungsstruktur sehr monoton sei, sagte sie am Samstag im rbb. "Das sind nur Bürobauten und Hotels. Es gibt keine Mischung. Die Läden sind im Bahnhof selbst", so Edmaier in der Abendschau.

50 Herzt Gebäude (Quelle: rbb)
Positivbeispiel: Gebäude von 50Hertz am Berliner Hauptbahnhof | Bild: rbb

Dass etwa bei Bürogebäuden auch Anderes möglich sei, zeige etwa das Gebäude des Stromnetzbetreibers 50Hertz. "Das gefällt mir ganz gut", sagte Edmaier. "Der Unterschied ist, dass dort ein Bauherr war (...), der diese Büros für sich ganz individuell gebaut hat – auch mit sehr großen Räumen, mit sehr neuen Formen des Arbeitens." Bei den anderen Gebäuden seien stattdessen "Zellen über Zellen" - egal, ob das Büros oder Hotels seien.  

"Nicht: ein Block - ein Haus"

Nach der bereits sehr lauten Kritik, die die sich schon an den ersten dort fertiggestellten Häusern entzündet habe, habe sich zwar etwas verändert, sagt Christine Edmaier. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher habe versucht, über Architektenwettbewerbe für abwechslungsreichere Fassaden zu sorgen - auch mit einem gewissen Erfolg: "Man sieht jetzt, dass die Architekten sich bemüht haben, trotz der immer gleichen Funktion, die dahinter ist, die Fassaden so ein bisschen aufzulockern."

Aber letzlich nütze auch das nichts. "Solange immer das Gleiche dahinter ist, wird man das einem Haus auch ansehen. Wir brauchen Gebäude, in denen mal was anderes passiert: zum Beispiel Wohnen, Arbeiten, Hotel, alles gemischt ist. Und wir brauchen Blöcke, die aus einzelnen Häusern bestehen – und nicht: ein Block - ein Haus."

Fast nur Neubauten auf dem Arreal

Die Gebäude rund um den Hauptbahnhof sind größtenteils - wie der Bahnhof selbst auch - Neubauten und wurden zu einer ähnlichen Zeit errichtet. In der Europacity, die sich vor allem nördlich des Bahnhofs erstreckt, startete etwa 2010 der Bau des Hochhauses von Total. Südöstlich des Bahnhofs errichtete beispielsweise das Bundesbildungsministerium am Kapelle-Ufer bis 2014 einen Neubau.

Sendung: Abendschau, 14.07.2018, 19:30 Uhr

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Antwort auf [erdenmensch125] vom 16.07.2018 um 13:31
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8 Kommentare

  1. 7.

    Im Grunde genommen bräuchte es eines Gestaltungsverständnisses, eines Gestaltungsbeirates. Das allerdings ist dann schillernd, soweit ein Teil "verkopfter Architekten" da drinnen sitzen, denen bodenständige und gegenüber Fußgängern anschauliche Architektur ein Graus ist. Es bräuchte eine Kultur der Demut, die sich mit Innovation paart, denn Beides ist kein Widerspruch.

    Wie also ein derartiges Gremium besetzen?
    Wie zum Verständnis kommen?
    Das ist auch mir selbst ein Rätsel.

  2. 6.

    Der Fehler liegt in diesem Fall daran, dass Senat oder Bezirk ihre Leitungsfunktion nicht wahrgenommen haben. Warum eigentlich? In vielen Fällen haben die Baubehörden auf die Gestaltung der Fassaden z.B. im Zoo Viertel
    Einfluss genommen.

  3. 5.

    Schön, dass dieses Thema endlich mal diskutiert wird. Allerdings beglücken uns die Bauherren und Architekten nicht nur am Hauptbahnhof, sondern allerorten in Berlin mit ihren schrecklichen Bauten. Bei Lückenbauten fallen diese meist weniger auf. Wenn es um ganze Quartiere geht, ist das Bild jedoch überall dasselbe. Man schaue sich nur die Gegend an der Eastside-Gallery an. Klar werden überall nur Büros oder Hotels gebaut. Aber deswegen muss doch nicht jede Fassade nach Schema F errichtet werden. Hotels wurden auch früher gebaut. Warum sieht dann das Adlon nicht so armselig aus?
    Als oberstes Prinzip gilt doch heute: „Billig muss es sein“ oder „Für Berlin wird’s schon reichen“. Ich finde, wir Berliner sollten uns wehren. Wenn die Immobilienfonds nicht selber auch etwas Ansehnliches in der Stadt hinterlassen wollen, dann sollte die Politik sie dazu zwingen. Was mal eben in wenigen Monaten billigst hier hochgezogen wird, verschandelt schließlich das Stadtbild für zig Jahre.

  4. 4.

    Es müsste wieder viel kleinteiliger und differenzierter gebaut werden anstatt grosse monotone Blöcke. Das lässt sich allerdings nur schwer mit der Profitmaximierung der am Bau Beteiligten bzw. dem ganzen derzeitigen Wirtschaftssystem vereinbaren. Der Fehler liegt also letztlich im Gesamtsystem und verschandelt weiterhin die Stadt und die Landschaft.

  5. 3.

    Berlin wird nicht umsonst "Stadt der Schuhkarton-Architektur" genannt. Überall steht im gähnenden Arkaden-Bauhausstil ein nutzloser Miniblock in 08/15-Optik. Es geht nichts mehr.

  6. 2.

    Einfallslos, nüchtern und schlicht ist die Bebauung um den Hauptbahnhof, der ja bekanntlich auch nie richtig vollendet wurde. Dieses Areal ist ein Spiegelbild der Politik oder wer hat hier wegweisende Lösungen im Angebot?
    Es ist aber für viele Menschen die hier arbeiten nicht wirklich wahrnehmbar, da der Blick nur auf Handy, Laptop und ähnlichem klebt. In einer solchen Umgebung sind keine guten Arbeitsergebnisse zu erwarten, hier werden keine Ideen geboren, bestenfalls wird noch verwaltet.

  7. 1.

    Ich möchte mich der Kritik der Architektenkammer oder Teilen davon anschließen. Die Gebäude am Hauptbahnhof mögen rein technisch und ökologisch auf dem neuesten Stand sein, Urbanität strahlen sie nicht aus. Eher verkörpern sie eine Mondlandschaft. Wie sich da wirkliches Leben drumherum entwickeln soll, ist mir ein Rätsel.

    Es gibt m. E. keine guten und keine schlechten Architekten, nur solche, die sich in den jeweiligen Ort einfühlen und welche, die von weiter Ferne aus ihre Bauten konzipieren. Und so wirken die Bauten denn auch: seelenkalt. Entgegen meines Naturells lasse ich die Umgebung des Hauptbahnhofs eiligen Schritts hinter mir, um selbst bei augenblicklicher Tropenhitze nicht zu erfrieren.

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