Anhalter Bahnhof, Berlin-Kreuzberg (Quelle: Imago/Schoening)
Audio: Inforadio | 18.07.2018 | Sigrid Hoff | Bild: Imago/Schoening

Exilmuseum am Anhalter Bahnhof - "Unser Thema ist das ganze Exil - quer durch alle Milieus"

Das geplante Berliner Exilmuseum ist endlich auf der Zielgeraden. Ein Neubau soll her und auch ein symbolträchtiger Ort dafür ist gefunden. Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller kämpft seit Jahren für ein solches Haus. Von Sigrid Hoff

Noch ist es nicht viel mehr als eine Idee – doch bald könnten die Pläne für ein Exilmuseum in Berlin konkrete Gestalt annehmen. Wenn es nach den Initiatoren um Bernd Schultz, Kunsthändler und Mitbegründer des Auktionshauses Villa Grisebach, geht, würde die neue Institution auf einer Freifläche hinter der Portalruine des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg-Friedrichshain entstehen. Noch ist das Gelände als Grünfläche ausgewiesen. Doch der Bezirk steht dem Vorhaben der Initiative positiv entgegen und hat bereits die Änderung des Bebauungsplans angekündigt.

Die Idee für ein Exilmuseum wird von einer in Gründung befindlichen privaten Stiftung verfolgt. Schirmherrin ist Herta Müller, die bereits 2009 in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Einrichtung eines solchen Museums forderte. Sie hatte beklagt, dass ein Ort in Deutschland fehle, an dem der "Inhalt des Wortes Exil an einzelnen Schicksalen entlang" dargestellt werde. Am Beispiel des Exils im Nationalsozialismus könne sich eine junge Generation mit Aspekten der Flucht wie Fremdheit, Angst und Heimweh auseinandersetzen, dies sei "Erziehung zur Anteilnahme".

Exil-Museum hat Kollwitz-Museum verdrängt

Das Museum soll, wie Gründungsdirektor Christoph Stölzl erklärt, ein Haus der Geschichten werden mit einer multimedial aufbereiteten Ausstellung, die die Schicksale der ins Exil getriebenen Künstler schildert. Dabei sollen alle Genres von der Literatur über Musik und Kunst bis zur Architektur berücksichtigt werden. Man wolle sich dabei nicht nur mit bekannten Exilanten wie Klaus Mann oder Lion Feuchtwanger beschäftigen, betont Stölzl: "Unser Thema ist das ganze Exil, quer durch alle Berufe, alle Milieus, von den unbekannten kleinen Leuten bis zu den Großen, die schon ganz berühmt waren."

Als Ort hatten die Initiatoren ursprünglich eine Stadtvilla gleich neben der Villa Grisebach in der Fasanenstraße 24 vorgesehen, die dem Initiator Bernd Schultz gehört. Dem Käthe-Kollwitz-Museum, das dort seit mehr als 30 Jahren residiert, hatte er vorsorglich den Mietvertrag gekündigt. Doch dieser Standort ist jetzt vom Tisch – auch wenn das Kollwitz-Museum mittlerweile ein neues Domizil neben dem Berggruen-Museum am Schloss Charlottenburg gefunden hat. Das Thema sei so vielfältig, "dass wir mit den 600 Quadratmetern, die das Kollwitz-Museum bietet, nicht auskommen würden", begründet Bernd Schultz seinen Sinneswandel.

Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Christoph Stölzl, dem einstigen Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums, suchte er nach neuen Räumlichkeiten: "Wir haben dann gesagt, es sollte Neubau sein." Stölzl sei auf die Idee mit dem Anhalter Bahnhof gekommen, weil "es keinen auratischeren Ort geben kann".

"Das ist der große Abschiedsbahnhof"

Geplant ist ein Gebäude mit etwa 5.000 Quadratmeter Nutzfläche hinter dem denkmalgeschützten Portal des Anhalter Bahnhofs. "Das ist der große Abschiedsbahnhof - die herzzerreißenden Szenen, die sich dort abspielten, werden in vielen Biografien geschildert", schwärmt der Historiker Stölzl. Das Exilmuseum passe aber auch in die Geschichtslandschaft der Umgebung mit der Machtzentrale der Gestapo, heute das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors.

Schließlich sei auch ein Dialog mit der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung im Deutschlandhaus gegenüber des Anhalter Bahnhofs denkbar. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist bereits dabei, den Bebauungsplan für das Areal zu ändern. Die Bezirksverordneten seien von der Idee des Exilmuseums an diesem Ort begeistert, sagt Stölzl. Gerade hier, in dem von Migration geprägten Bezirk, glaubt der designierte Museumschef, ließe sich der Bogen zur Gegenwart schlagen: "Das passt in das Mosaik dieses Bezirks". Wenn alles nach Plan laufe, könne man vielleicht noch in diesem Jahr einen Architekturwettbewerb vorbereiten.

Das Exilmuseum entsteht in privater Trägerschaft, der Kunsthändler Bernd Schultz gibt das Startkapital – und will sich dafür von seiner Sammlung von Zeichnungen aus fünf Jahrhunderten trennen, die im Herbst versteigert werden soll: "Die sollen den Beitrag leisten, dass wir die ersten sieben Jahre in Ruhe, ohne Staat, das Projekt fördern können." Nur so, glaubt er, ließe sich der ehrgeizige Zeitplan umsetzen. Die ursprüngliche Idee war, bereits 2019 mit dem Museum an den Start zu gehen. Jetzt hofft der 77-jährige Initiator, das Haus in etwa fünf Jahren eröffnen zu können.

Sendung: Inforadio, 18.07.2018, 9 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

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