Tanzszene im Singspiel "Im Weißen Rössl" am Renaissance Theater Berlin (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 02.07.2018 | Ute Büsing | Bild: imago

Frühkritik | Renaissance Theater Berlin - Umjubelte "Im Weißen Rössl"-Neuauflage zum Saisonausklang

Es ist das meistgespielte Musiktheaterstück aller Zeiten: das Sommerfrische-Singspiel "Im Weißen Rössl". Jetzt hat es das Berliner Renaissance Theater zum Saisonausklang neu aufgelegt und die Premiere war umjubelt. Von Ute Büsing  

Ein holzgetäfelter Wirtsraum mit überragendem Hirschgeweih und das Zimmer mit Alpenaussicht ein Stockwerk höher sind die Sehnsuchtsorte im Salzkammergut. Denn da "ka'mer" gut lustig sein, wissen gestresste deutsche Großstädter, die zur Sommerfrische durch die Glasdrehtür bei "Rössl"-Wirtin Josepha Vogelhuber einfallen – obwohl der miesepetrige berlinische Trikotagenfabrikant Giesecke erst vom Charme alles Österreichischen, einschließlich Lederhosen, Dirndl und Jodlern, überzeugt werden muss. Eine Paraderolle für Boris Aljinovic, der einmal mehr den Menschen hinter der Maske kenntlich macht.

Traditions-Bretterknaller mit modernen Elementen

Der Rest ist doch ganz schön Rummelplatz. Torsten Fischers zweieinhalbstündige Inszenierung bedient routiniert die Klischees, die dem Bretterknaller von 1930 um den deutsch-österreichischen Kulturenkonflikt mit der Musik von Ralph Benatzky zugrunde liegen. Allem voran natürlich die vertrackten Liebesdinge, die vom neunköpfigen Ensemble zum Teil in mehreren Rollen verhandelt werden.

Zahlkellner Leopold - bei Musicalsänger Andreas Bieber ein gut geölter Allround-Sympath - wirbt auch mal punkig um die Wirtin, von Winnie Böwe stimmsicher operettig getragen. Der forsche Anwalt Siedler erliegt Giesecke-Tochter Ottilie, einem Girlie in fetzigen Jeans, das hier übrigens Papas Telegramme per Smartphone-SMS weitergibt. Einziger Bruch in einem Gesamtkunstwerk, das stilistisch irgendwo in der Fernsehunterhaltung der 1970er-Jahre verortet ist - überwiegend auf kreischbunt eingenordet, wie bei Gieseckes Trikotagen-Konkurrent Sigismund Sülzheimer, der das lispelnde Klärchen im feuerlöscherroten Anzug umgarnt.

Krachlederne Inszenierung

Mit der legendären liebevollen "Rössl"-Aneignung der Bar jeder Vernunft 1994 kann es diese das Krachlederne betonende Inszenierung nicht aufnehmen. Trotz Walter Kreye, der gleich doppelt als reiselustiger Professor Hinzelmann und Kaiser Franz Joseph vertreten ist. Hörenswert ist, wie Musicalstar Angelika Milster in der aufgewerteten Rolle der Postbotin nicht nur fürs Jodeln zuständig ist, sondern auch bluesige und soulige Noten hinzufügt und Harry Ermers Band die ganze Chose im Swing grundiert. So oder so: das Premierenpublikum jubelt.

Weitere Aufführungen von "Im Weißen Rössl" stehen von Mittwoch bis Sonntag im Berliner Renaissance Theater auf dem Spielplan.

Sendung: Inforadio, 02.07.2018, 7:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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