Anja Caspary, Musikchefin von Radioeins (Quelle: dpa / Kai-Uwe Heinrich)
Bild: dpa / Kai-Uwe Heinrich

Interview | Musikchefin Anja Caspary - Sechs Mal Top 100: Radioeins-Jury ermittelt beste Songs

Radioeins zählt runter: An sechs Sonntagen werden die von einer Jury gewählten 100 besten Songs zu bestimmten Themen gespielt. Musikchefin Anja Caspary erzählt, wer alles abgestimmt hat - und warum Cindy und Bert sie bei der Recherche überrascht haben.

rbb|24: Anja, die Top-100-Sonntage gab es im vergangenen Sommer ja auch schon. War die Resonanz der Hörer so gut, dass Ihr die Aktion in diesem Sommer fortführt?

Anja Caspary: Genau das war der Grund. Die Hörer haben uns quasi am Telefon die Bude eingerannt. Lustigerweise haben wir ja nur eine aufblasbare Insel verlost unter allen, die mitmachen. Die Frage war: Was ist wohl die Nummer eins? Was ist der beste Berlin-Song, der dann um 19 Uhr gespielt wird? Die Hörer haben voller Inbrunst und Begeisterung getippt. Auch online konnte man mitmachen - die Zugriffe auf die Radioeins-Seite haben sich an den jeweiligen Sonntagen verdreifacht.

Wie erklärst du dir das?

Alle sind neugierig darauf, was die einzelnen Jury-Mitglieder gesagt haben. Die sind jeweils mit ihrem Konterfei und mit ihren Top 10 auf unserer Website abgebildet. Das haben so viele Leute angeklickt, dass die Zahlen wirklich exorbitant stiegen. Jetzt am Sonntag kann man sich dort zum Beispiel Campinos Top Ten der besten Coverversionen ansehen. Wir wissen also: Die Hörer stehen drauf - und das wollen wir natürlich bedienen.

Was habt ihr in diesem Jahr verändert?

Wir haben nur unsere Zählweise verändert. Vergangenes Jahr haben wir nach dem Formel-1-Modus Punkte vergeben, dieses Jahr machen wir es wie beim Eurovision Song Contest. Wie genau das Regelwerk funktioniert, ist dann auch auf unserer Webseite ganz transparent erklärt.

Wie ist die Jury dieses Mal zusammengesetzt? Wer ist neu dabei?

Ach es sind so viele. Ungefähr die Hälfte ist neu. Es ist wirklich das "Who is Who" der deutschen Musikszene. Es sind viele Musiker und Musikerinnen dabei, die Sängerin Dota zum Beispiel, Tobias Künzel von den Prinzen, die ehemalige Rosenstolz-Sängerin Anna R., Judith Holofernes, Gudrun Gut, Thees Uhlmann, Campino und auch Beatsteaks-Musiker. Dann haben wir natürlich die wichtigsten deutschen Musikjournalisten, zum Beispiel Birgit Fuß und Maik Brüggemeier vom "Rolling Stone", Markus Schneider von der "Berliner Zeitung", Daniel Koch vom "Intro", Torsten Groß, Jens Balzer. Betreiber von Plattenfirmen sind auch dabei, zum Beispiel Jörg Stempel von Amiga, Anne Haffmanns von Domino Records, aber auch Vertreter von Sony und anderen großen Plattenfirmen. Der Musikfotograf Olaf Heine ist auch dabei, außerdem Besitzer von Plattenläden und Clubs - und natürlich ganz viel Radioeins.

Wie viele sind insgesamt in der Jury?

Insgesamt sind es 100 Menschen. Es ist wirklich breit gefächert.

Du bist ja auch eine der Moderatorinnen der Aktion. Ist es nicht ganz schön schwer, zu jedem Song eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen?

Gleich der erste Sonntag ist schon mal nicht so schwer - da geht um die tollsten Cover-Songs. Da kann man dann natürlich immer erzählen, von wem das Original war und was erfolgreicher wurde. Manchmal ist es ja so, dass die Cover-Version das Lied erfolgreicher gemacht hat als das Original. Ein anderes Thema sind die Duette - da finde ich es auch nicht so schwer, dazu Geschichten zu recherchieren.

Hast du ein Beispiel für ein besonders schönes Recherche-Ergebnis?

Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass "Der Hund von Baskerville" von Cindy und Bert, nach "Paranoid" von Black Sabbath, die erste Cover-Version war, die jemals von einem Black-Sabbath-Song aufgenommen wurde. 1970 war das. Ich habe jetzt gelesen, dass die Band ganz stolz darauf war und jeder von ihnen den "Hund von Baskerville" als Single besitzt.

Was hat dich an den Top 100 total überrascht?

Ohne jetzt schon zu viel zu verraten: Ich hätte zum Beispiel unter den Top 10 der Soul-Songs mehr Frauen erwartet.

Was kannst du noch verraten?

(überlegt) Ich kann zumindest sagen: David Bowie, der voriges Jahr mit "Heroes" bei den Berlin-Songs ganz vorne lag [radioeins.de], ist dieses Mal seltener dabei, sein Freund Iggy Pop dafür häufiger.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Vanessa Witzki.

Sendung: Radioeins, 08.07.2018, 09:00 Uhr

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    "Radioeins-Jury ermittelt beste Songs" - das sagt schon alles!
    Nämlich gar nichts bzw. kann der Sender mit seinem Altklug-Oldieklassiker-Musikgeschmack mal wegtreten.
    Das ist wieder mal nur das Gedöhns des Senders, 100 Menschen wow, wahrscheinlich der gesammte Radio eins - Fritz staff die alle Musik studiert haben.
    Ich kanns nicht mehr hören: Heroes was ist denn daran so besonders, das man das immer noch ableiern muss?
    Aber der Sender ist bekannt für anstrengende , unmelodische Mucke.

  2. 4.

    Die Musik ist die letzte Zuflucht Peter,
    an die sich der Strauchdieb klammert,
    bevor seine Ohren beim who is who vom Stamm abfallen.
    Deshalb schüttle dein Haar für mich...

  3. 3.

    Dafür wird die Jury schon sorgen das solch ein“ Kram“ nicht bei Radio Eins gespielt wird. Wäre ja noch schöner. Eben das zeichnet zum einen diesen guten Sender aus, sich wohltuend von der rechten Musik zu distanzieren.

  4. 2.

    Da gehören aber auch Böhse Onkelz oder Freiwild mit rein (!)

  5. 1.

    Das who is who der deutschen Musikszene? Muss man das als Musikchefin sagen oder auch glauben? Selten. So. Gelacht.

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