Die Berlinerinnen Karina Papp und Anna Vladi präsentieren auf ihrer Instagram-Seite "found_on_the_street" ihre auf der Straße gefundene Mode (Quelle: rbb/Tobias Goltz)
Video: rbb|24 | 07.07.2018 | Tobias Goltz | Bild: rbb/Tobias Goltz

Interview | Modebloggerinnen von Found_On_The_Street - "Wir wollten kein Teil des Konsums mehr sein"

Tolle Klamotten liegen in Berlin auf der Straße, finden die Freundinnen Karina und Anna. Anders als andere Bloggerinnen inszenieren sie sich auf Instagram nur in den Kleidern, die sie unterwegs gefunden haben. Für sie ist Mode etwas für jeden, nicht nur für den Laufsteg.

Auf ihrer Instagram-Seite Found_On_The_Street präsentieren die Berlinerinnen Karina Papp und Anna Vladi Mode, die sie auf der Straße gefunden haben. Seit Oktober posten sie regelmäßig neue Looks mit ihren Funden von der Straße. Dabei geht es ihnen vor allem um das Thema Nachhaltigkeit. Privat gehen sie nur im Notfall mal in einen Secondhandladen.

rbb|24: Wie seid ihr zu eurem Blog "Found on the Street" gekommen?

Karina: Letztes Jahr haben wir auf einem Flohmarkt Sachen verkauft. Da habe ich zu Anna gesagt: 'Was hältst du davon, wenn wir mit den Sachen, die wir auf der Straße gefunden haben, einen Blog erstellen und unseren Lebensstil zeigen?' Seit Oktober haben wir den Blog. Die ersten Shootings haben wir in Neukölln gemacht.

Die Berlinerinnen Karina Papp und Anna Vladi haben in der Rollbergstraße in Berlin-Neukölln eine Kleiderkiste für gebrauchte Kleidung aufgestellt (Quelle: rbb/Tobias Goltz)
Kleiderkiste für gebrauchte Kleidung in der Rollbergstraße in Berlin-Neukölln. | Bild: rbb/Tobias Goltz

Was für einen Lebensstil verfolgt Ihr denn?

Karina: Wir sind kein normaler Fashion-Blog auf Instagram. Unser Hauptthema ist das Konsumbewusstsein. Deswegen wollen wir die Menschen darauf aufmerksam machen, woher die Sachen kommen. Wir zeigen, wo wir die Sachen auf der Straße gefunden haben und posten diese coolen Looks auf Instagram.

Wie seid Ihr zu diesem Konsumbewusstsein gekommen?

Anna: Durch die Zu-Verschenken-Kisten, die wir immer wieder auf der Straße gesehen haben. Vor acht oder neun Jahren habe ich meine ersten Sachen daraus mitgenommen. Ab und zu habe ich da auch schon Sachen von Gucci gefunden. Die Leute stecken nicht nur Massenmarkt-T-Shirts in die Kisten. Das sind tatsächlich gute Sachen, oft nie oder nur einmal getragen. Online gekauft, passt nicht. Was macht man? Schnell nach draußen, irgendjemand nutzt es.

Geht es Euch auch darum, Geld zu sparen?

Anna: Nein, das Geld hätten wir. Wir wollten irgendwann kein Teil des Konsums mehr sein. Wir kaufen gelegentlich secondhand. Aber nur ganz selten, wenn wir mal etwas ganz Bestimmtes brauchen. Wenn ich ein Kleid brauche, frage ich erst einmal bei meinen Freunden rum. Wenn ich dann nichts Passendes finde, gehe ich zu einem Secondhandladen.

Karina: Eigentlich will ich mein Geld nicht mehr für Klamotten ausgeben. Es gibt schon so viele Sachen in der Welt, überall. Es ist doch viel sinnvoller, die Sachen, die nicht mehr gebraucht werden, weiterzunutzen. Man kann sagen: Wir geben ihnen ein zweites Leben.

Anna: Man verändert auch seine Einstellung zu den Sachen. Man denkt nicht ständig daran, wie viel Geld man dafür ausgegeben hat und hat auch dieses Eigentumsgefühl nicht mehr so stark. Es ist einfach ein Teil, das jemand für mich dagelassen hat.

Die Berlinerinnen Karina Papp und Anna Vladi haben in der Rollbergstraße in Berlin-Neukölln eine Kleiderkiste für gebrauchte Kleidung aufgestellt (Quelle: rbb/Tobias Goltz)
Karina begutachtet ein abgegebenes Kleidungsstück in der Kleiderbox. | Bild: rbb/Tobias Goltz

Wie häufig schaut Ihr nach neuer Kleidung?

Anna: Es ist nicht so, dass wir am Wochenende nach Prenzlauer Berg fahren und uns sagen: 'Lass mal gucken, was die Reichen und Spießigen auf die Straße gestellt haben.' Wir gehen nie absichtlich auf die Jagd.  Man muss einfach neugierig sein. Ich fahre zum Beispiel jeden Tag von Neukölln nach Charlottenburg mit dem Rad zur Arbeit. Und wenn meine Gier groß ist, dann halte ich kurz vor einer Kiste und schaue rein, was drin ist. Das passiert meistens ganz spontan. 

Aber man findet diese Kisten doch sicherlich nicht überall, oder?

Anna: Die Zu-Verschenken-Kisten stehen in fast allen Bezirken in Berlin - die meisten in Kreuzberg und Neukölln. Da werden manchmal sogar ganze Schränke mit Klamotten auf die Straße gestellt. Mittlerweile findet man die Kisten aber auch dort, wo man es überhaupt nicht erwartet. Letzte Woche war ich in einem kleinen Dorf in Brandenburg und habe dort zwei Zu-Verschenken-Kisten gesehen. Da kamen mir fast die Tränen. Es war in einer Straße mit ein paar Häusern. Kirche, Freiwillige Feuerwehr, ein See und dazu noch ein bisschen Wald. Und dann auf der Straße: Zwei Zu-Verschenken-Kisten. Es ist also keine Sache, die es ausschließlich in Berlin gibt.

Die Berlinerinnen Karina Papp und Anna Vladi präsentieren auf ihrer Instagram-Seite "found_on_the_street" ihre auf der Straße gefundene Mode (Quelle: rbb/Tobias Goltz)
Karina Papp und Anna Vladi schauen sich die neu abgegebenen Klamotten an. | Bild: rbb/Tobias Goltz

Findet Ihr alles, was Ihr gerne hättet?

Karina: Grundsätzlich ist es wirklich so: Ich kann für alle Anlässe Kleidung finden. Sachen für die Arbeit, für Partys, für verschiedene Events. Auch verschiedene Stile, verschiedene Größen. Aber natürlich kann man nicht mit einer bestimmten Idee auf die Straße gehen und denken: 'Jetzt finde ich ein Paar Hosen für mich.' Das funktioniert nicht. Aber wir haben uns beide ein paar Sachen gewünscht und innerhalb von einem halben Jahr haben wir sie auch gefunden.

Habt Ihr gar kein Ekelgefühl, wenn Ihr Sachen von der Straße nehmt?

Anna: Ich empfehle immer, erstmal eine eigene Kiste herauszustellen. Beim nächsten Mal stellt man sich vor, jemand anderes hätte es genauso getan. Dann ist es gar kein Problem mehr.

Nun geht es Euch ja nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern schon auch um Mode. Was macht Euren Stil aus?

Anna: Unser Stil ist bunt und anders. Wir lassen uns einfach inspirieren von dem, was wir finden – in Neukölln zum Beispiel auch pakistanische oder türkische Kleider. Man muss einfach mutig sein und die verschiedenen Stücke auf kreative Weise miteinander kombinieren.

Karina: Genau, Fashion ist etwas für jeden. Man muss kein Model oder Designer sein, um kreative Klamotten zu tragen.

Anna: Das ist auch einer unserer Hashtags #fashionsindwir. Es ist doch auch langweilig, sich alles nur von einem Catwalk abzugucken und die Sachen dann im Laden oder online zu kaufen.

Auf Eurem Instagram-Account habt Ihr mehr als 16.000 Follower. Welche Reaktionen gibt es?

Anna: Es gab einmal eine wirklich interessante Diskussion unter unseren Followern. Einige meinten: 'Die Kisten sind doch für Obdachlose.' Nach dem Motto: 'Was denkt ihr euch eigentlich?' Dann haben andere geantwortet: 'Wir stellen unsere Kisten für alle raus, die etwas gebrauchen können.'

Karina: Einige schreiben uns auch, dass sie bisher gar nicht wussten, dass dieser Lebensstil existiert. Und dann bedanken sie sich bei uns. Das ist sehr inspirierend für uns, weil wir sehen: Da entwickelt sich etwas.

Das Interview führte Tobias Goltz.

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