ARCHIV - 03.03.2017, Bayern, München: Der Opernsänger Jonas Kaufmann in der Staatsoper.
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Inforadio | 10.07.2018 | 10:45 Uhr | Bild: dpa

Interview | Tenor Jonas Kaufmann - "Der Respekt vorm hohen C bleibt"

Startenor Jonas Kaufmann wird als neuer Caruso gefeiert - nachdem er wegen verletzter Stimmbänder ein halbes Jahr nicht auftreten konnte. Nun ist er wieder da und mit "La Dolce Vita" in der Waldbühne zu sehen. Das Ambiente passt für ihn, sagt Kaufmann im Interview.

rbb: Herr Kaufmann, Sie treten in der Waldbühne mit berühmten italienischen Opernarien und Liedern auf. Kein klassisches Opernhaus-Programm: Nehmen Sie das dann auch lockerer wie einen leichten, lockeren Abend?

Jonas Kaufmann: Ja und nein. Ich glaube, es wäre ein Fehler so einen Abend zu unterschätzen. Vor einem Publikum von 20.000 Menschen kann man nicht locker sein im Sinne von: Da kann ich mir alles leisten. Es ist im Gegenteil so, dass das Programm einen Spagat zwischen dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert versucht. Das heißt zwischen dem, was bis vor gut hundert Jahren so genannte Popmusik war, die populären Gassenhauer, - und dem, was dann daraus im 20. Jahrhundert passiert ist. Da muss man sich schon anstrengen, damit diese Gegenüberstellung alles gleichermaßen beleuchtet und im positiven Sinne funktioniert. Aber, wenn der Abend mal anfängt, der Wettergott mitspielt und die Atmosphäre entsprechend ist, dann wird es auch für mich ein lockerer Abend, weil ich nicht viel Wert auf hehre Opernatmosphäre lege. Bei so einem Abend in so einer Umgebung unter freiem Himmel hat man eine ganz andere, intimere Beziehung zu seinem Publikum, weil die Leute locker und entspannt sind und sich nicht fragen müssen: Wie benehme ich mich in der Oper? Ich glaube zwar nicht an diese Zwangsjacke der Konvention, in jedem Fall kann man in der Waldbühne einen herrlichen, romantischen Abend genießen.

Sie haben ein Repertoire von Gladys Otelo über den Cavaradossi in Puccinis Tosca den José in Bizets Carmen bis hin zu Schuberts Winterreise aber auch italienische Lieder. Wie stellt man sich denn stimmlich auf diese Unterschiede ein?

Die stimmliche Vorbereitung ist eigentlich immer dieselbe, auch wenn das musikalische Spektrum groß ist. Es ist doch letztlich immer dieselbe Stimme mit immer derselben Technik. Die Stimme wird – zumindest bilde ich mir das ein – gesund gesungen und fühlt sich entsprechend wohl. Auch populäre Songs muss man so singen, dass die Stimme darunter nicht leidet. Natürlich ist es nicht ideal, wenn ich an einem Abend das eine Ende meines Spektrums und am nächsten Abend das andere präsentieren muss. Also sprich: einen Tristan und ein Liederabend sind nicht ganz einfach unter einen Hut zu bringen, ist aber möglich.

Sie gelten weltweit als einer der besten Tenöre. Ist das nicht manchmal auch bedrückend, weil man den Erfolg halten muss?

Das stimmt schon. Natürlich ist das auf der einen Seite sehr schmeichelhaft, dass man diesen Erfolg hatte und auch in gewisser Weise hofiert wird. Auf der anderen Seite kommt natürlich damit auch die Last der Erwartung. Diese Erwartung muss man erfüllen und zwar nicht nur dem Publikum, sondern auch sich selbst gegenüber. Ich möchte nicht dahin kommen, dass ich das Gefühl habe, ich werde nur deshalb engagiert oder nur deshalb werden die Karten gekauft, weil der Kaufmann mal ein wichtiger Name war. Wichtig ist für mich, dass die Qualität des Konzertes oder der Opernaufführung an dem Abend stimmt. Es  ist schwierig, diese Qualität, die man sich einmal erarbeitet hat und den Ruhm, den man sich erworben hat, auch zu halten und zu rechtfertigen mit den jeweiligen Aufführungen.

Apropos der Weg nach oben. Wie ist das mit dem hohen C? Ich habe gelesen, dass sie diesen Ton als Tenor gar nicht so lieben?

Lieben oder hassen – das kann ich eigentlich gar nicht so sagen. Also ich habe inzwischen eine eher dunkel gelagerte Stimme. Das war vielleicht früher nicht so. Aber seit ich die Stimme richtig benutze – oder in meinem Sinne richtig benutze – habe ich sehr viel Tiefe bis zum Bass herunter dazugewonnen habe. Dementsprechend ist es oben natürlich ein bisschen dünner geworden. Aber wenn ich mich einsinge, geht das bis zum Es, um das technisch zu sagen, Es oder E manchmal. Das heißt man hat sozusagen noch eine Terz Luft über dem magischen Ton Hohes C. Das gibt einem Sicherheit. Ich kann es wirklich nicht physikalisch begründen vielleicht höchstens psychologisch. Dieser Ton ist magisch und ist besonders, Ich kann mich kaum erinnern, dass ich jemals ein hohes C gesungen habe ohne dabei zu denken: Wow - Achtung C. Das ist schade, weil ich wahnsinnig viel Wert darauf lege, Inhalt zu vermitteln und mich in die Rolle hinein zu begeben. Und dann muss man plötzlich aus diesem Sog der Emotionen aussteigen, um das C zu singen. Dass verleidet es einem fast selbst.

Sie waren monatelang außer Gefecht gesetzt mit Problemen an den Stimmbändern. Ihr Neustart ist gelungen. Trotzdem die Frage: Was macht das im Kopf, wenn man Angst hat nicht singen zu können?

Es ist schon so, dass man, wenn man mal genügend negative Erfahrungen gesammelt hat, wahrscheinlich Schwierigkeiten hat auf der Bühne locker zu sein. Ich habe das Glück, dass es bei mir umgekehrt war. Ich habe sehr viele positive Erfahrungen gesammelt. Die wenigen negativen Momente sind nicht auf der Bühne passiert und ich habe rechtzeitig die Reißleine gezogen, weil ich gemerkt habe, das geht nicht. Ich möchte mich dieser Situation nicht aussetzen, dass ich auf der Bühne stehe und nicht weiß, ob die nächsten zwei Phrasen noch drin sind oder nicht mehr. Absagen sind dann immer schwierig, das hat manchmal auch böses Blut gegeben. Als ich Anfang letzten Jahres in Paris wieder auf der Bühne stand für Lohengrin, war das natürlich schon ein größerer Nervenkitzel als es ein Jahr vorher gewesen ist.

Das Interview mit Jonas Kaufmann führte Barbara Wiegand für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

Sendung: Inforadio | 10.07.2018 | 10:45 Uhr

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