Bassist Tony Levin von "King Crimson" spielt mit Hilfe der von ihm erfundenen "Funk Fingers"
Audio: Inforadio | 02.07.2018 | Jens Lehmann | Bild: imago stock&people

Konzertkritik | Rockband King Crimson im Admiralspalast - Unglaubliche Soli und Feuerwerk im Kopf

Was die britische Rockband King Crimson am Sonntagabend durch den Berliner Admiralspalast dröhnen ließ, war fast schon mathematische Musik. Der Auftritt war für Jens Lehmann der Beweis, dass eine Band auch ohne große Bühnenshow das Publikum von den Sitzen reißen kann.

Super, jetzt hab' ich Nackenschmerzen. Bei dieser Musik muss man aber auch einfach zum Kopfnicker werden. Diese fetten Riffs, diese schweren Akzente! Klingt jetzt so, als sei ich bei einem Heavy-Metal-Konzert gewesen. Aber King Crimson kann sowas auch. Vor allem mit acht Musikern auf der Bühne, davon alleine drei Drummer. Die machen ordentlich Druck, können aber eben so viel mehr als nur hard'n'heavy.

Offiziell firmiert King Crimson unter Progressive Rock. Aber Mastermind Robert Fripp hat schon immer etwas andere Vorstellungen von Musik gehabt als viele seiner Kollegen bei Yes, Genesis, Pink Floyd und Co. Fripp wird ja nicht umsonst "Mr. Spock of Rock" genannt: Was da an diesem Abend in den Saal des Admiralspalastes dröhnt, ist irre kompliziertes Zeug. Ein Kollege hat mal geschrieben: Was in Crimson-Stücken in zehn Minuten passiert, würde bei anderen Acts für eine ganze Karriere reichen.

Gehirn verschaltet sich neu

Harmoniewechsel, Taktwechsel, Stimmungswechsel, von Fernsehmelodien-Seligkeit à la Dave Grusin über Folk bis hin zu Jazzrock-Lärm und Metal: Es ist, als würde sich ein Teil meines Gehirns während des Konzertes komplett neu verschalten. Das liegt wohl auch daran, dass man sich voll und ganz auf diese fast schon mathematische Musik konzentrieren kann.

Denn die große Bühnenshow ist nun wahrlich nicht zu sehen. Natürlich ist das beeindruckend, wie Gavin Harrison, Pat Mastoletto und Jeremy Stacey hinter ihren riesenhaften Schlagzeugen sitzen und sich die rhythmischen Bälle zuwerfen, dass man aus dem Grinsen gar nicht mehr raus kommt.

Unglaubliche Soli vom Höckerchen

Der Rest der Band steht dahinter, als seien sie ihre eigenen Statuen. Da ist Tony Levin - genauso wie Robert Fripp schon 72 - und noch immer der coolste Bassist der Welt, zumal auf seinem eigens entwickelten Chapman-Stick. Da sind der geniale Saxophonist Mel Collins und Sänger und Gitarrist Jakko Jakszyk.

Und neben ihnen Fripp selbst, auf einem Höckerchen. Er schaut sich das Ganze stoisch von der Seite an - und schüttelt doch unglaubliche Soli aus dem Ärmel. Und die alten Stücke wie "In the Court of the Crimson King", "Lark's Tongues In Aspic" oder "Starless" klingen dabei unheimlich modern.

King Crimson sind für mich der lebende Beweis dafür, dass man keine Choreo, keine Strobogewitter und keine Pyrotechnik für die Rock-Show des Jahres braucht, die die Fans im Admiralspalast von den Sitzen reißt. Bei dieser Musik - vor allem, wenn sie so perfekt gespielt wird - gibt's das Feuerwerk gleich im Kopf.

Korrektur: In einer früheren Version des Beitrags hatten wir versehentlich ein falsches Foto verwendet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.  

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Als eierschaukelnder Rentner mit geringer Rente gehe ich schon lange nicht mehr zu Konzerten zu überhöhten Eintrittspreisen. Auch der Admiralspalast hat unverschämt hohe Ticketpreise. Was die Band anbelangt, so war es nicht die Origalbesetzung und das R.Fripp recht abgehobene Kopfmusik macht, ist bekannt( Fripp und Eno z.B.). Daran hätten Sie( als junger Mensch? ) denken sollen. Ich empfehle, nochmal in Ruhe zuhause die Kopfhörer aufsetzen und die guten Alten Platten am besten auf Vinyl zu hören. Übrigens hat die Gruppe damals gerne das gute alte Mellotron eingesetzt. Darin schon besteht ein Unterschied zu den damaligen Pink Floyd und andere Bands.

  2. 4.

    Dem kann ich mich nur anschliessen.
    was vor 40 Jahren lange Zeit innovativ war
    ist heute nur ein Abziehbild ihrer selbst.
    Rentner beim Eierschaukeln zeigen das die sich nicht weiterentwickelt haben.
    Abschreckende Selbstverliebheit mit rythmisch
    uninspirierenden Getrommels.
    95 € für Unteres Mittelmass auf hohem Niveau.
    Keine Empfehlung
    bizarre Langeweile zum akademischen Einpennen auf -
    Sorry Leute nein Danke wie können so gute Musiker so schlecht sein und arrogant obendrein.
    Das liegt vielleicht an den unkritischen Publikum und Kritikern

  3. 3.

    Unsere Empfindung + Feedback dieses Gigs gestern Abend ist leider eine andere. Wir waren entsetzt mit welcher Selbstgefälligkeit der virtuose Purismus dieser Herrschaften abgefeiert wird.
    Kein Konzept. Keine Show. Nicht den geringsten Anspruch das Publikum wirklich abzuholen. Soundmix im Sinne eines zeitgemäßen Sounds - leider nur befriedigend. Licht + Visuals ? Mangelhaft.
    Das was die Musiker Fripp bis Levin zelebrieren ist auf jeden Fall gekonnt - aber eben überhaupt nichts Neues.
    Wir haben uns gelangweilt.

  4. 2.

    Ja, es war wirklich wieder ein unglaubliches Konzert! Und die 3 Schlagzeuger harmonierten noch besser, als 2016 an gleicher Stelle. Faszinierend auch, wie flink Robert Fripp mit seinen 70 Lenzen auf der Klampfe ist. Und: Es ist noch immer Kopfmusik, die man sich nicht nur auf der Zunge, sondern in den allerletzten Hirnwindungen zergehen lassen muss! Fast perfekt abgemischt kam sie auch noch daher, so dass man auch viele musikalische Details wahrnehmen konnte! 5 von 5 Sternen!! Perfekt!

  5. 1.

    Schade, wieder ein sehr gutes Conzert versäumt ( leider auch aus Geldmangel ). Früher nannten wir die Musik von King Crimson: reine Kopfmusik. Für die zahllosen LSD Reisen. Aber auch ohne Droge ein wahrer Hörgenuß ohnegleichen. Robert Fripp „solo“ hingegen muß man mögen, ich beziehe mich da eher auf die Ursprungsformation. Trotzdem meinen Dank an Jens Lehmann für diesen tollen Artikel.

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