Archiv - Leon Bridges singt am 30.09.2016 in Detroit (Bild:imago)
Audio: Inforadio | 05.07.2018 | Magdalena Bienert | Bild: imago

Konzertkritik | Leon Bridges im Huxleys - Ein kuschliger Bademantel aus handgemachtem Soul

Zwei Monate nach Veröffentlichung seines zweiten Albums "Good Thing" ist der Soulsänger Leon Bridges am Mittwoch im Huxleys in Berlin-Neukölln aufgetreten. Mit seinem groovigen Sound im Stil der 50er und 60er Jahre überzeugt der Texaner Kritikerin Magdalena Bienert.

Die gut 1.000 Fans im nicht ganz ausverkauften Huxleys warten ungeduldig, fixieren die Instrumente auf der Bühne und jubeln, als sich endlich gegen halb zehn sieben Musiker zeigen - davon zwei für den Background-Gesang. Als Letzter springt Leon Bridges heftig kopfnickend auf die Bühne und ist sofort voll da. Er scheint ein wenig nervös. Bis zum ersten gelösten "Let's groove tonight, Berlin!" dauert es ein paar Songs.

Der 28-Jährige wickelt die Fans mit seiner Crooner-Stimme wie in einen warmen, flauschigen Bademantel. Dazu spielt die Band hervorragend und übernimmt auch sehr lässig jammend, als der Sänger nach einer halben Stunde neu verkabelt werden muss. Der Sound ist klar und Leon Bridges bewegt sich mit leichtfüßiger Anmut zu seiner Musik.

Mit seinem Vintage-Sound hat er einen Nerv getroffen

Kein Wunder, er ist ja gelernter Choreograf und sang eigentlich nur früher bei Jam-Sessions mit Schulfreunden moderne R'n'B-Songs nach. Doch Ende 2014 wurde man dank eines Beitrags auf dem texanischen Musik-Blog "Gorilla vs. Bear" auf ihn aufmerksam. Seine darin vorgestellten Songs wurden blitzschnell mehr als eine Million Mal geklickt. So bekam der junge Mann aus den Südstaaten mit seiner Vorliebe für Soulmusik der 60er einen Plattenvertrag und landete gleich mit seinem ersten Album "Coming Home" in den Top Ten der amerikanischen und englischen Charts. Leon Bridges hat einen Nerv getroffen: Er macht da weiter, wo schon Kitty, Daisy & Lewis erfolgreich mit dem Vintage-Sound spielten.

Es wird heiß im Saal

Fast zwei Jahre lang war Leon Bridges mit seinem Debüt auf Welttournee, bis er sich an die Arbeit für Album Nummer Zwei machte. "Good Thing" ist im Mai erschienen. Seine Fans im Huxleys sind bei den alten Stücken natürlich textsicherer. Paare wiegen sich mit einem Lächeln auf den Lippen im Takt und singen mit - eher leise und als sie von der Bühne aus aufgefordert werden, das laut zu tun, klappt das nicht so ganz.

Dafür werden die "beautiful Ladies" in der erste Reihe extra begrüßt. Und wenn Bridges in "Shy" darüber singt, dass ein schüchternes Mädchen heute Nacht gemeinsam mit ihm schüchtern sein könne, wird es kurz noch heißer, als es ohnehin schon in dem Saal ist.

Songs wie vertraute Bekannte

Nach einer Stunde ist der Funke endgültig übergesprungen, auch wenn da die ersten schon wieder gehen. Aber alle anderen können bei den schnellen, groovigen Songs nicht mehr still stehen. Viele Stücke klingen dabei wie vertraute Bekannte. Der moderne Geist von Sam Cooke und Percy Sledge weht durch Neukölln.

Als letztes Stück vor der Zugabe spielt Leon Brigdes das berührende Stück "River" und greift dabei das erste Mal selbst zur Gitarre und wieder auf Tradition zurück: ein Fluss, der auch in der Gospelmusik oft als Symbol für Veränderungen oder spirituelle Erlösung benutzt wird, dient auch Leon Bridges als Metapher für seine Wiedergeburt als Baptist.

Nach dem Konzert entlässt Leon Bridges die Berliner glücklich und hüftewackelnd Richtung Hermannplatz. Schade, draußen ist es noch viel zu warm für diesen kuschligen Bademantel aus handgemachtem Soul.

Sendung: Inforadio, 5.07.2018, 6.50 Uhr  

Beitrag von Magdalena Bienert

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2 Kommentare

  1. 2.

    Young, black and ver-gifted - I want Leon Bridges Back!

    Ich glaube, ich war auf dem falschen Konzert. Der Sound breiig, offensichtliche technische Probleme, die Band wirkte gehetzt und von den neuen Songs fehlte jedweder Geist von Percy Sledge und Co.. So Stelle ich mir glatten amerikanischen Südstaaten-Radio-Mainstream vor. Und: sämtliche Songs des ersten Albums wurden wesentlich schneller performt als es ihnen gut tat. Dabei hätte ein wunderbar warmes und authentisches Coming Home als Opener zusammen mit dem obligatorischen Ortsbezug (Coming Home to Berlin zB) gereicht, um die ohnehin zu lang wartende Crowd standesgemäß zu begrüßen... No way. Ich bin nach 1h gegangen. Ein Jammer!

    Ist das Foto oben eigentlich gestern entstanden?

  2. 1.

    Nun hat Frau Bienert endlich ein Konzert ganz nach ihrem Geschmack besucht. Ist mit Sicherheit auch ( so wie ich ) ein großer Soulfan. Außerdem ist das Huxleys in Neukölln genau die richtige Einrichtung für guten Soul. Nicht zu groß und auch die Akustik stimmt. Auch wenn’s jetzt nicht hierherpasst, ich habe in dieser Halle den ersten Auftritt von ZZ Top i.Berlin erlebt und der ganze Raum hat gebebt vom gutem Sound. So und nicht anders stelle ich mir auch den Abend mit Leon Brigdes vor.

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