Eddie Vedder von Pearl Jam auf der Bühne (Quelle: dpa/Roberto Silvino)
Audio: Inforadio, 6.7.2018, Simon Brauer | Bild: NurPhoto

Konzert | Pearl Jam in der Waldbühne - Laut, verschwitzt und aus vollem Herzen

In den 90er Jahren war die Stadt Seattle im US-Bundesstaat Washington die wichtigste Stadt für alternative Rockmusik. Von all den Alternative Rock-Bands ist nur eine übrig geblieben: Pearl Jam. Und die war in der Berliner Waldbühne. Von Simon Brauer

Ja, Pearl Jam lebt. Das hat die Band am Donnerstag beim ausverkauften Konzert vor 22.000 Menschen in der Waldbühne eindrucksvoll bewiesen. Seit über 25 Jahren ist Pearl Jam ohne Pause aktiv - und "Alive", der erste und immer noch größte Hit der Band, hat im Lauf der Jahre eine neue Bedeutung bekommen. Eigentlich geht es um den Fluch des Überlebens: Ein junger Mann erfährt überraschend, dass sein leiblicher Vater schon lange tot ist und er ohne ihn weiterleben muss. Die Pearl-Jam-Fans haben das Lied aber zu einer Hymne auf das Leben gemacht. Ja, wir leben noch, lasst uns das Leben feiern und die Musik.

Tausendfache Energie

Auf den ersten Blick wirkt Pearl Jam wie eine altmodische Rockband, die in die Jahre gekommen ist. Vier Männer Anfang/Mitte 50 in Jeans und T-Shirt, mit Bass, Schlagzeug, zwei Gitarren und einem Sänger. Kein Laufsteg ins Publikum, kein Konfetti, keine Spezialeffekte. Nur das Licht wechselt mal von grün auf rot, mal von blau auf gelb. Aber vom ersten Moment an ist die Energie der Band zu spüren. Die überträgt sich auf das Publikum, vertausendfacht sich, geht wieder zurück auf die Bühne und die Musiker drehen weiter auf.

Das begeistert auch diesen Fan, der die Band zum ersten Mal live erleben konnte: "Viele sagen, das ist eine der besten Livebands des Planeten, und das habe ich heute bestätigt bekommen. Man hat das Gefühl, sie spielen für sich selbst, aber auch ganz viel für das Publikum." Eine Frau ergänzt: "Mich hat berührt, wie der Sänger mit seinen eigenen Texten mitgegangen ist." Und ein Fan aus Österreich fasst zusammen: "Das ist einer der Gründe, warum die Band immer noch so erfolgreich ist: Die Musiker leben von der Energie und geben das, was sie kriegen, auch wieder zurück."

Die Band bringt Europa zusammen

Die Band schafft es immer wieder, diese besondere Stimmung zu erzeugen. So auch am Donnerstagabend unter freiem Himmel in Berlin. Und das bringt die Menschen zusammen: junge Fans, die deutlich jünger sind als Pearl Jam, und ältere, die seit Anfang der 90er Jahre dabei sind. Außerdem Menschen aus ganz Europa: Spanien, Italien, Schweiz, Niederlande, Polen – viele der Fans kommen nicht nur zum Berliner Konzert, sondern reisen der Band bei der kompletten Europatournee hinterher. Denn: Jedes Pearl-Jam-Konzert ist anders; nie werden an zwei Abenden die gleichen Songs in der gleichen Reihenfolge gespielt.

Coversongs von den Stones, Pink Floyd und Neil Young

Überraschend waren vor allem die Coverversionen: Sänger Eddie Vedder erzählt erst vom Ausflug mit seinen beiden Töchtern ins Berliner Mauermuseum, dann spielt die Band "Comfortably Numb" vom Pink-Floyd-Klassiker "The Wall". Das Publikum ist begeistert; bei einer anderen Coverversion eher irritiert: Pearl Jam spielt "Angie" von den Rolling Stones. Ein musikalischer Gruß an die Bundeskanzlerin, die aus Sicht der Band – trotz der aktuellen Lage – immer noch besser mit Flüchtlingen umgeht als der US-Präsident.

Nach zweieinhalb Stunden und fast 30 Songs endet das mitreißende Pearl-Jam-Konzert mit einem Stück von Neil Young - und einem Ehrengast an der Gitarre: J Mascis von der Alternative-Rockband Dinosaur Jr kommt auf die Bühne, ebenfalls ein Veteran des 90er-Jahre-Rock. Die meisten Fans feiern Pearl Jam aus nostalgischen Gründen – aber die Band schafft noch etwas anderes: Sie ist der perfekte Gegenentwurf zur aktuellen Musikwelt, die von Algorithmen bestimmt wird, von Klicks, Beats und Streams. Die Band aus Seattle hat in Berlin wieder einmal gezeigt, dass es auch anders geht: nämlich laut, verschwitzt und aus vollem Herzen.

Beitrag von Simon Brauer

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ein wunderbares Konzert bei herrlichem Wetter in stimmungsvoller Kulisse. Selbstverständliches Miteinander vieler Nationen unberührt vom Seehofer-Theater, Multi-Kulti wie es schöner kaum geht. Und eine Band in grandioser Spiellaune mit großer Leidenschaft und Emotionalität und Eddie mit ganz starker Stimme.

  2. 2.

    Das Konzert war schon schön. In früheren Jahren hat's aber länger gedauert als 2,5 Stunden. Dass in der Waldbühne spätestens um 22.30 Uhr Schluss ist, sollte für die Band keine Überraschung gewesen sein. Die beiden Zugabenblocks waren dann ja auch ziemlich kurz.

  3. 1.

    Da bekommt man beim lesen schon Gänsehaut - toller Bericht über die beste Band der Welt.
    Keep On Rockin’ in the Free World !!

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