Stehgreif-Orchester (Quelle: Elisabeth Hardenberg)
Audio: Inforadio | 27.07.2018 | Jens Lehmann | Bild: Elisabeth Hardenberg

#FreeBrahms im Radialsystem - Ein Orchester aus 30 Dirigenten

In der Klassik gibt es immer mehr Ensembles, die ihre Musik nicht mehr in starren Konzertformaten spielen wollen. Eins davon ist das Stegreif-Orchester, das am Wochenende sein neues Programm in Berlin präsentiert. Jens Lehmann war bei den Proben dabei.

Wikipedia hilf! Was heißt eigentlich "Stegreif"? Ah ja: Es handelt sich um eine Seilschlinge, die man früher zum Aufsteigen auf ein Pferd benutzt hat. "Aus dem Stegreif" bedeutet also umgekehrt "ohne vom Pferd abzusteigen". Im übertragenen Sinn: ohne lange nachzudenken, improvisiert. Und genau darum geht es den Musikern des Stegreif-Orchesters, ein junges Ensemble aus rund 30 Musikverrückten. Die einen kommen von der Hochschule, die anderen aus dem Jazzkeller, wieder andere machen Weltmusik. Und alle zusammen komponieren sie das Standardrepertoire der Klassik neu. Juri de Marco ist ein junger, hipper Hornist mit Bart und Männerdutt - und irgendwie künstlerischer Leiter, aber irgendwie auch nicht.

Schlurfen, laufen, tanzen

"Wir haben die Vision, ohne Dirigenten zu spielen. Gleichzeitig sind wir 30 Dirigenten auf einmal, die auch noch ein Instrument spielen", sagt Juri de Marco. "Jeder kann seine Stimme auswendig, jeder weiß auch, was drum herum passiert. Und wenn man solche komplexen Strukturen mal verstanden hat, wie in einem Leadsheet im Jazz, kann man sich auch frei darüber bewegen."

Und das ist sowohl musikalisch, als auch szenisch gemeint. Nach #FreeBeethoven – der Hashtag darf natürlich nicht fehlen –, dem Premieren-Projekt mit Beethovens Vierter Symphonie vor drei Jahren, kam Schuberts Große C-Dur-Sinfonie dran. In diesem Jahr geht es noch tiefer in die Romantik hinein: Das Orchester hat sich Brahms Dritte Symphonie vorgenommen.

#FreeBrahms hatte schon im April in Berlin Premiere, kommt jetzt aber nochmal wieder: für eine Live-DVD-Produktion im Radialsystem. Und es gibt wirklich viel zu sehen. Junge, schöne Menschen schlurfen, laufen, tanzen mit ihren Instrumenten durch die Halle, finden sich immer wieder zu neuen Gruppen zusammen, Pauken und Schlagzeug werden auf beweglichen Podesten durch den Raum geschoben.

In den Proben ist viel von "Meditations-Mood" oder Energieströmen die Rede – oder davon, dass die Musiker "mit ihrem Ton auf die Reise gehen" oder "eine Wolke aufmachen" sollen. Und alle nicken und wissen, was damit gemeint ist.

Eine Symphonie als Collage

Die Musik von Brahms wird dabei zur Grundlage einer spannenden Collage aus Klassik, Jazz, Rock und - Tanztee. Jeder habe eben seine eigenen Assoziationen beim Hören oder beim Musikmachen, sagt Juri de Marco.

"Bei der einen Melodie hören wir einen Salsa dahinter, bei der anderen ein Rock-Riff. So entstehen Bausteine einer Geschichte, die wir mit der Musik erzählen können. So wie die Bilder, die ein Dirigent für seine Interpretation findet, nur dass wir sie eben radikal umsetzen."

Das ist nichts, was man in ein Programmheft schreiben könnte. Aber das Publikum soll die Musik so noch besser verstehen, ja sogar synästhetisch erleben. Und das funktioniert sowohl für Kenner als auch für Einsteiger. Die einen erinnern sich an das Original und amüsieren sich im besten Fall über die Assoziationen, die anderen erleben einen kurzweiligen Konzertabend und fragen sich vielleicht noch, wie das eigentlich im Original klingt. Das Stegreif-Orchester macht in jedem Fall klar: Jede Musik hat ihre eigene Geschichte. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt!

#FreeBrahms, das neue Projekt des Stegreif-Orchesters, ist am Wochenende gleich zweimal im Berliner Radialsystem zu sehen. Und am 4. August ist das Ensemble auch beim Detect Classic Festival im Funkhaus Berlin zu erleben.

Sendung: Inforadio, 27.07.2018, 15:55 Uhr

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