Wilde Möhre Festival 2017
Video: Brandenburg aktuell | 09.08.2018 | Sebastian Schiller | Bild: © Wilde Möhre Festival

Festival "Wilde Möhre" in Brandenburg - Fünf Tage gelebte Utopie - und dann nie wieder?

Die "Wilde Möhre" in Göritz startet wieder in ihr Festival-Programm aus Musik, Vorträgen und Workshops zum nachhaltigen Leben. Es sollte erzwungenermaßen die letzte Ausgabe sein - doch mittlerweile besteht neue Hoffnung. Von Nadine Kreuzahler

Diskokugeln drehen sich, Kunstnebel wabert, bunte Lichter machen aus dem Wald in der Lausitz einen verwunschenen Ort. Junge Menschen tanzen mit Glitzer im Gesicht. So sieht das aus in einem Video aus dem vergangenen Jahr. Die "Wilde Möhre" ist ein verspieltes Dorf für 5.000 Festivalgäste, mit Plätzen, Hütten, und Bars, Dancefloors und Bühnen - alles aus Holz gebaut. "Es gibt so ganz viele kleine versteckte Ecken, damit der Besucher etwas entdecken kann", sagt Festivalgründer Alexander Dettke.

Das Gelände liegt in Göritz bei Drebkau auf einem alten Tagebaugebiet. Es gehört Ostrock-Legende Arnfried Schobert, besser bekannt unter dem Namen "Der Gelbe Wahnfried". Er lebt dort in einem Haus. Der Rest der riesigen Fläche war verwildert, als Alexander und seine Mitstreiter das Gelände 2013 entdeckten. Sie haben es erschlossen.

Mit dem Besitzer teilen sie die Utopie für eine bessere Welt. Die "Wilde Möhre" ist für sie Spielwiese und Experimentierfeld, fünf Tage lang gelebte Utopie. Neben fünf Floors und zwei Konzertbühnen gibt es auch Yoga und Meditation, das Essen ist vegetarisch, es gibt Workshops zum nachhaltigen Gärtnern und Konsum und Vorträge zu Kryptowährung, Big Data, Rassismus und Feminismus. 

Vielfalt und Toleranz

"Es ist eine Gesellschaftsform, die wir ausprobieren", sagt Alexander Dettke. "Ein Festival hat ja die Möglichkeit, dass man nicht nur die Musik und das Licht, sondern auch die Regeln aufstellt. Weil Menschen in diesen Raum kommen, der für sie neu ist, sind sie auch sehr gewillt, das so zu übernehmen."

Vielfalt und Toleranz - dafür steht auch der Name. Auf ihn ist Alexander Dettke gekommen, als ihm seine Frau, die Biologin ist, die wilde Möhre zeigte, die Mutter der Speisekarotte. "Ich habe die Pflanze dann mal gegen das Licht gehalten und war beeindruckt von dem Doldenblütenstamm, der so vielfältig ist."

Das Festival soll inspirieren und Denkanstöße geben - aber kommen die Leute nicht vor allem um zu feiern? "Wir wissen aus Umfragen, dass ungefähr die Hälfte der Gäste tatsächlich in diese Angebote reinstolpert. Ich finde, das ist eigentlich schon eine gute Quote", sagt Dettke. "Es funktioniert wahrscheinlich so, dass man schon mal ein Interesse hatte für ein bestimmtes Thema, aber im alltäglichen Leben ist es nicht zugänglich oder ich muss extra aus dem Haus und zu einer Lesung gehen. Hier ist es einfacher."

Der Abriss droht

Mit der Utopie könnte es aber jetzt vorbei sein: Der "Wilden Möhre" droht der Abriss. Am Anfang haben die Festivalmacher auf dem Gelände einfach ohne Genehmigung drauflos- und auch eine Ruine wieder aufgebaut. Seit zwei Jahren läuft ein Bebauungsplanverfahren. Außerdem, so Dettke, müsse das Gelände erst richtig vermessen werden, da Eigentumsgrenzen nicht feststünden, da das Gebiet vor noch nicht langer Zeit aus dem Bergbau entlassen worden sei. "Das sind Sachen, die wir bezahlen müssten", sagt Alexander Dettke. "Da sind wir bei etwas unter 20.000 Euro, allein nur um Flächen vermessen zu lassen. Das ist für uns eine gigantische Summe."

Die Bauordnungsbehörde hat den Festivalmachern jetzt mitgeteilt, dass sie die Gebäude auf dem Gelände alle abbauen müssen. "Damit ist es nicht mehr die Möhre", sagt der Festivalgründer, "denn dann würde man anders neu bauen müssen."

Vielleicht ist doch noch nicht Schluss

Auf der Facebook-Seite der "Wilden Möhre" bedauern Fans das bevorstehende Ende ihres Festivals. "Oh nein, wie traurig, so viele tolle Eindrücke, Menschen, Momente und Erlebnisse werden für mich unvergesslich bleiben", heißt es da, und "Wow. Schade für die Region".

Eine Userin fragt: "Gibt es wirklich keine Möglichkeit, die Menschen vom Bauamt anderweitig zu überzeugen?" Doch, ein bisschen Hoffnung gibt es plötzlich wieder. Im Mai gab es einen Bürgermeisterwechsel in der Großgemeinde Drebkau und Paul Köhne von der CDU will sich nun, nachdem die Veranstalter das Ende angekündigt hatten, Ende des Monats noch mal mit der "Wilden Möhre" treffen. Für Alexander Dettke kam das überraschend: "Ich dachte wirklich, das letzte Wort ist gesprochen, die Behörde hat mir klar und deutlich geschrieben: Alles muss hier weg. Aber wenn sich jetzt rausstellt, wir können das alles stehenlassen oder zumindest einen Teil, könnte man natürlich überlegen, mit der 'Wilden Möhre' weiterzumachen. Aber da will ich wirklich nicht zu viel versprechen."

Wie auch immer das ausgeht - jetzt wird erst mal bis Sonntag getanzt, gefeiert und diskutiert - so als ob es das letzte Mal wäre. Neben DJs wie Robag Wruhme, Meggy, oder Jimpster spielen Bands wie Egotronic, Abstrak Jaz und Footprint Project.

Beitrag von Nadine Kreuzahler

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Lieber Herr Pfeiffer,

    vielen Dank für den Hinweis, da ist wohl die Hand auf der Tastatur ausgerutscht ;)

    Wir haben es geändert.

    Liebe Grüße,
    die rbb|24-Redaktion

  2. 3.

    Hallo ihr Lieben. Ups das ist ein Fehler bei Euch aufgetreten. Die Wilde Möhre findet nicht in Görlitz sondern in Göritz statt. Lg.

  3. 2.

    In der Box sind Links zu weiteren Festivals, die in Brandenburg stattgefunden haben. Beste Grüße aus der rbb|24-Redaktion

  4. 1.

    Festival von "Wilde Möhre" sehr interessant. Aber warum zeigt man dann das Video vom Festival in Polen ?

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