Montage: Gedicht von Barbara Köhler auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf (Quelle: ASH)
Audio: Inforadio | 30.08.2018 | Gespräch mit Kulturredakteurin Anna Pataczek | Bild: ASH/Montage

Gomringer-Werk bleibt in klein - Neues Gedicht für die Alice-Salomon-Hochschule steht fest

Das umstrittene Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wird durch ein Werk der Lyrikerin Barbara Köhler ersetzt. Sie hat es eigens dafür geschrieben. Gomringers Werk, als sexistisch kritisiert, darf aber nun doch bleiben - in klein.

Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin erhält ein neues Gedicht an der Fassade. 

Es stammt von Barbara Köhler und soll im September nach der "überfälligen Komplettsanierung" der Südfassade angebracht werden, heißt es in der Pressemitteilung der Hochschule. Die Preisträgerin des Alice-Salomon-Poetik-Preises habe das Gedicht eigens für die Hochschule geschrieben.

Im Januar 2018 hat sich die Hochschule entschlossen, das bisher dort angebrachte Gedicht "avenidas" durch ein anderes zu ersetzen. Angehörige der Hochschule, insbesondere aus dem Allgemeinen Studentenausschuss (Asta), hatten moniert, das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer könne Frauen gegenüber als diskriminierend aufgefasst werden.

Sechs Mal "sie"

Von der Hochschule hieß es nun, das neue Gedicht nehme die Debatte über die Neugestaltung der Fassade inhaltlich auf. Auch seien einzelne Buchstaben des Gedichtes "avenidas" von Eugen Gomringer als Auslassungen in die Buchstaben des neuen Gedichtes verwoben.

Das ist der Wortlaut des Gedichts:

SIE BEWUNDERN SIE
BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN:

SIE WIRD ODER WERDEN GROSS
ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO

STEHEN SIE VOR IHNEN
IN IHRER SPRACHE

WÜNSCHEN SIE IHNEN
BON DIA GOOD LUCK

"avenidas" soll auf einer Edelstahl-Tafel im Sockelbereich neu angebracht werden, versehen mit einem Kommentar von Eugen Gomringer.

Das Gedicht Gomringers lautet:

Alleen 
Alleen und Blumen 

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Das auf Spanisch verfasste Gedicht Gomringers wurde 2011 an der Fassade angebracht.

Debatte über Zensur und Kunstfreiheit

Der Beschluss, Gomringers Gedicht zu entfernen, hatte eine Debatte über die Kunstfreiheit ausgelöst. Der Deutsche Kulturrat und die Schriftstellervereinigung PEN warnten vor Zensur. Berliner Kultureinrichtungen wie die Akademie der Künste am Pariser Platz hängten das Werk aus Protest öffentlich aus. Die Zensur von Kunst habe in Deutschland eine verheerende Tradition und dürfe sich nicht wiederholen, hieß es.

Zu dem neuen Gedicht schreibt die Künstlerin nun in der "Zeit": "Ich habe den Vorschlag gemacht, der Hochschule ein Gedicht zu schenken, um eine Debatte, die nach meinem Dafürhalten gründlich schief lief, womöglich in eine andere Richtung zu bewegen, sie vielleicht ein bisschen ad absurdum zu führen."

Ab jetzt wird regelmäßig gewechselt

Der Rektor der Hochschule, Uwe Bettig, kündigte an, die Südfassade werde nun alle fünf Jahre für die Darstellung von neuer Kunst zur Verfügung gestellt.

Die Alice Salomon Hochschule mit Sitz in Berlin-Hellersdorf bietet nach eigenen Angaben Bachelor- sowie Masterstudiengänge für Soziale Arbeit, den Gesundheitsbereich sowie Erziehung und Bildung im Kindesalter an. Derzeit sind etwa 3.700 Studierende eingeschrieben.

Sendung: Abendschau, 30.08.2018, 19.30 Uhr

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13 Kommentare

  1. 13.

    Die meisten Kerle interessiert so etwas einfach nicht. Ich kann mir jedenfalls schwer vorstellen,dass die männlichen Studenten die treibende Kraft dahinter waren. Das ist wie in Sachen Inneneinrichtung der Wohnung,da handeln so gut wie alle Typen nach der Devise: Du hast recht und ich hab meine Ruhe. (Ja,das beruht auf meinen Erfahrungen)

  2. 12.

    Der Fall wird wohl noch lange bei mir an erster Stelle stehen,wenn es darum geht zu zeigen,dass auch die angeblich Schlauesten ganz schnell die Dümmsten sein können. Ich kann darüber nur noch lachen.

  3. 11.

    Sexistisch? Nur wenn man ideologisch völlig verbohrt ist und von Literatur und Literaturgeschichte keine Ahnung hat, kann man Gomringers Gedicht als sexistisch bezeichnen. Genauso gut könnte man alle Frauen-Darstellungen Picassos als sexistisch bezeichnen. Was ist aus unserem akademischen Nachwuchs geworden? Armes Deutschland!

  4. 10.

    Was gab es nicht alles zu lesen, auch auf diesen Seiten, an allen möglichen Ausformungen von Sexismus, von subtil bis gewaltlegitmierend. Die Debatte an der Hochschule wurde seitens Hochschulleitung durchaus äußerst fragwürdig geführt: Statt politologisch, soziologisch oder untergeordnet rechtswissenschaftlich zu betrachten, waren alle Beteiligten, ASH und das Haus für Poesie, nur an harmonischer Gesichtswahrung interessiert. Es wurde geredet, in dem man nicht redete. Das stellt einen dauerhaften Makel für die ASH dar, die in zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen und tatsächlichen Podiumsdiskussionen Vertretende vom MBR, apabiz, KOP einlud und für kritischen Dialog stand. Auch die NSU-Monologe gastierten an einem Abend dort. Es ist also viel möglich, auch und gerade mittels Kunst. Dass nun der Hochschulleitungswille wider allen Abstimmungen durchgesetzt und eine Fortsetzung dieser Farce per Tafel initiert wird, steht dafür, dass man vielleicht doch nicht so akademisch ist.

  5. 9.

    Der BER ist nichts dagegen. Hui.

  6. 8.

    Männer erhebt euch. Das sage ich euch als (getandene) Frau (die über soviel sinnlose Diskussionen nur den Kopf schütteln kann).

  7. 7.

    Mein Gott, was fuer "Probleme" angesichts Chemnitz ... da wundern wir uns ueber Chemnitz?

  8. 6.

    Nö, es können in dem neuen Gedicht auch Gedichte oder Menschen oder sowohl als auch mit dem Sie gemeint sein.
    Auch wenn ich die Aktion der Hochschule für völlig überzogen halte wünsche ich dem neuen Text godd luck in dieser meschuggnen Zeit.

  9. 5.

    Na nun können ja die Männer ihr Veto einreichen....nachdem die DAMEN fast ins Koma fielen bei dem jetzigen Text...lasst doch die Wand einfach WEIS....und keiner muss sich mehr aufregen...

  10. 4.

    Ich glaube nach dieser unsäglichen Diskusion über das Gedicht, ist es bereits diskriminierend als Mann an dieser Schule zu sein. Ob das im Geist der guten Alice war und ist, ich weiß nicht.

  11. 3.

    Das neue Gedicht diskriminiert die Männer.
    In einer Zeit, wo man schon für seine Meinung diffamiert und verunglimpft wird, scheint es egal. Hoffen wir also auf bessere Zeiten.

  12. 2.

    Schön das nun die Fassade alle 5 Jahre neu gestaltet werden kann( wie der ASFH-Rektor sagt), dann kann immer alles politisch-korrekt bemalt werden.
    Wenn dann mal die AFD ins Regierungsboot mitgenommen wird, können auch ein paar Zeilen von Dietrich Eckart an die Fassade gepinselt werden.

  13. 1.

    Das neue Gedicht diskriminiert die Männer.
    In einer Zeit, wo man schon für seine Meinung diffamiert und verunglimpft wird, scheint es egal. Hoffen wir also auf bessere Zeiten.

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