Die Toten Hosen in SO36 (Quelle: rbb / Archiv)
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Audio: Interview mit Nanette Fleig | Radioeins | 09.08.2018 | Bild: rbb /Archiv Download (mp3, 10 MB)

Interview | 40 Jahre SO36 in Kreuzberg - "Hier kann man so herumspinnen, wie man möchte"

Punk und Subkultur in Kreuzberg: Der Club SO36 feiert am Wochenende seinen 40. Geburtstag. Mitarbeiterin Nanette Fleig spricht im Interview über Nachbarschaftsstreitigkeiten, Türpolitik und das umfangreiche Jubiläumsprogramm. 

Das SO36 ist neben Quasimodo, Duncker und Huxleys einer der ältesten Clubs in Berlin. Der Club, der vorher Kino und Supermarkt war, eröffnete am Wochenende des 11./12. August 1978 mit einem Punkfestival. 800 Besucher fasst der Saal, in der Vergangenheit spielten dort Bands wie die Dead Kennedys, Bauhaus und Slime, aber auch Bilderbuch und die Beatsteaks.

Nanette Fleig ist seit mehr als zehn Jahren im SO36 zuständig für Konzertdurchführung, Pressearbeit und Buchhaltung.

rbb: Nanette, welche Bedeutung hat das SO36 für die Musik- und Kulturszene in Berlin?

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Nanette Fleig: Die Geschichte des SO36 ist lang und reichhaltig, deshalb ist auch die Wirkung immens. Es fing als wirklich total avantgardistischer, crazy Club an und alle Betreibergruppen haben über die Jahrzehnte versucht, eine weiterführende, progressive Art zu etablieren. Sie wollten neue Bands entdecken, rausbringen und offen zu sein für neue Bewegungen. In den 1990ern war Techno groß und wir hatten schon eine starke queere Szene. Als es den Begriff noch gar nicht wirklich gab, haben bei uns schon Schwule und Lesben zusammen gefeiert. Ich denke, das hatte auch immer eine gewisse Außenwirkung. Die Botschaft war über Berlin hinaus ganz klar: Hier gibt es einen Ort, an dem man so herumspinnen kann, wie man möchte. Diese Botschaft ging mit den Künstlern, Bands und den ausländischen Besuchern hinaus in die Welt.

Ihr geltet als Punkclub, obwohl ihr weit mehr veranstaltet als Punk-Konzerte. Wie strukturiert ihr eure Arbeit - gibt es bei euch auch 9-bis-17-Uhr-Schichten?

Es gibt im Prinzip alles. Wir haben natürlich auch Leute in der Buchhaltung, die jetzt nicht den ganzen Tag durchdrehen, sondern in Ruhe dafür sorgen, dass die Zahlen stimmen. Aber klar, wenn man abends mit 500 betrunkenen Punkern zu tun hat, ist das eine andere Sorte von Arbeit. Es gibt auch Leute, die kommen morgens um 6 Uhr und bereiten in Ruhe den Tresen vor. Die machen das extra früh, um ihre Ruhe zu haben. So bunt wie der Laden ist, sind auch die Leute und so unterschiedlich sind auch die Jobs.

Es war euch immer wichtig, dass die LGBT-Gemeinde bei euch ist - ganz selbstverständlich. Welche Veranstaltungen habt ihr aktuell?

Orient-Party im SO 36 (Quelle: imago/David Heerde)
Orient-Party im SO36 | Bild: imago/David Heerde

Die wichtigste Party ist jeden letzten Samstag im Monat die Gayhane. Das ist eine schwul-lesbisch-queere Party, die sich explizit an Leute mit einem wie auch immer gearteten orientalischen Background richtet. Dementsprechend ist auch die Musik. Das ist natürlich insofern etwas ganz Besonderes, weil viele Besucher einen muslimischen Hintergrund haben. Es ist nicht nur eine tolle Party, sondern auch ein wichtiger Ort der Begegnung. Wir haben zum Beispiel auch sonntags das Café Fata mit schwul-lesbischem Tanzkurs. Da dürfen natürlich auch Heteromenschen hinkommen. So offen ist der Laden dann schon auch.

Am Samstag steigt zum 40-jährigen Jubiläum des SO36 eine große Party. Was ist alles geplant?

Das kann man eigentlich gar nicht alles aufzählen. Das Wichtigste sind natürlich tolle Bands wie Femme Krawall aber auch Käptn Blauschimmel. Wir haben vor der Tür einen Bus, damit auch die Nachbarschaft ein bisschen was mitkriegt. Wolfgang Müller talkt mit diversen Protagonisten und Protagonistinnen aus Kreuzberg. Dann haben wir drei Floors. Wie man das in der Halle bewerkstelligt, ist ein bisschen lustig. Die Leute, die uns kennen, können sich das vorstellen. Wir deklarieren auch unseren Eingangsbereich zum Floor und haben dann unterschiedliche DJs. Wir haben eine Feuershow, wir haben Esels Alptraum mit einer politischen Jodel-Performance - und viele Überraschungen.

Vor einigen Jahren haben sich Nachbarn über das SO36 beschwert. Wurde der Streit mittlerweile beigelegt?

Tatsächlich hat sich vor zehn Jahren nur eine einzige Person massiv beschwert. Wir haben das Glück, dass unsere Nachbarn zum größten Teil auch mit uns größer und älter geworden sind. Das heißt, sie haben sich irgendwie dran gewöhnt - und so laut sind wir auch nicht mehr. Um den Konflikt damals beizulegen, mussten wir für fast 100.000 Euro sehr umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen ergreifen. Wir haben baulich eine zweite Wand einziehen müssen. Seitdem halten wir die Grenzwerte ein.

Mit einem außergewöhnlichen Konzert traten die Toten Hosen in Kreuzberg zur Rettung des Klubs SO36 an. (Quelle: rbb)
Mit einem außergewöhnlichen Konzert traten Die Toten Hosen in Kreuzberg zur Rettung des Klubs SO36 an | Bild: rbb

Insgesamt sterben in Berlin immer mehr Clubs. Kann es passieren, dass auch das SO36 irgendwann vor dem Aus steht?

Na ja. In seiner 40 Jahre langen Geschichte war der Laden ja auch schon mehrfach geschlossen. Er stand öfters vor dem Aus - aus finanziellen Gründen. Gleich die erste Gründergeneration mit Martin Kippenberger musste nach nicht einmal einem Jahr aufgeben. Der zweite Pächter, Hilal Kurutan, in der Türkei aufgewachsen, hat über das SO36 viel Integrationsarbeit geleistet, von türkischen Hochzeiten bis hin zu Popkonzerten. Auch er musste aus finanziellen Gründen aufgeben, nachdem ihm der Laden 1986 bei einem Konzert der Band Black Flag zerdroschen wurde, wahrscheinlich von einem Agent Provocateur der Polizei - man weiß es nicht so genau, es ließ sich nicht nachweisen. Dann war der Laden mal kurz besetzt, dann gab es eine Zwischennutzung, er musste wieder geschlossen werden, weil er total ruiniert war. Wir betreiben den Club nun seit 1990 und seither geht es gut.

Wie ist das Verhältnis zwischen Touristen und Einheimischen? Beim Berghain hat man ja das Gefühl, jeder Tourist muss da irgendwann mal hin...

Ein bisschen gibt es dieses Image bei Punk-Fans oder bei Menschen, die sich für die Subkultur der 1980er Jahre in West-Berlin interessieren. Das SO36 ist schon ein Magnet, der interessierte Touristen anlockt. Das hängt aber von der Veranstaltung ab. Es gibt Veranstaltungen, da kommen fast keine Auswärtigen und es gibt welche mit vielen Touris. Wir haben auch ein spannendes Stamm-Touri-Publikum, das zur 80er-Jahre-Party aus Italien oder England mit Billigfliegern anreist.

Gibt es denn bei euch auch so eine strenge Tür-Politik wie im Berghain?

Wir machen keine optisches Selektion à la "Dein Image passt nicht zu unserem Laden". Aber Leute, die sturzbetrunken, aggressiv oder sonst was sind, kommen natürlich auch bei uns nicht rein.

Die Fragen stellte Christiane Falk, Radioeins

Sendung: Radioeins, 09.08.2018, 13.40 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Den Artikel finde ich etwas flach, das SO hat mehr Stories als queere Tote Hosen.

    Was mich aber richtig wundert, Kippenberger gehörte doch gar nicht zu den Gründern, er hat sich und sein Kunstkonzept doch erst später eingekauft?

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