Janko Lauenberger mit seiner Gitarre (Quelle: imago)
Audio: Inforadio | 02.08.2018 | Autor: Heiner Martin | Bild: imago

Interview | Sinti- und Roma-Gedenktag - Sinto Janko Lauenberger: "Wir sind Teil der deutschen Kultur"

Am 2. August ist der internationale Gedenktag an den Genozid an den Sinti und Roma. Anlass, mit dem Berliner Sinto Janko Lauenberger zu sprechen – über seine Familie, das Leben in Deutschland und über sein Buch "Ede und Unku – die wahre Geschichte".

Janko Lauenberger ist 42 Jahre alt. Als Sohn zweier Sinti wuchs er im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg auf. Er ist Musiker, ausgebildet von seinem Vater, dem Gründer der DDR-Kultband "Sinti Swing Berlin". Lauenbergers Urgroßcousine ist Unku, bekannt aus dem Jugendroman "Ede und Unku", der in der DDR Pflichtlektüre an den Schulen war und die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Jungen Ede und dem Mädchen Unku erzählt. Unku wurde 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordet. Gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer hat Janko sich auf die Spuren von Unku gemacht. Ihre Recherchen haben sie in dem Buch "Ede und Unku – die wahre Geschichte" niedergeschrieben.

rbb: Herr Lauenberger, wie kam es zu dem Buch?

Janko Lauenberger: Tatsächlich war es gar nicht meine Idee. Die Journalistin Juliana von Wedemeyer, mit der zusammen ich das Buch geschrieben habe, wollte einen Zeitungsartikel über Sinti in Deutschland schreiben. Bei den Recherchen ist sie auf mich gestoßen. Wir haben uns in Berlin getroffen, haben uns unterhalten über dieses Thema und haben sehr schnell gemerkt, dass in dem Thema viel mehr Energie steckt, als ein kleiner Zeitungsartikel wiedergeben kann. So enstand die Idee ein Buch zu schreiben.

Was haben Sie dann über ihre Urgroßcousine Unku in Erfahrung gebracht?

Da waren viele schöne Sachen, aber auch Erschreckendes. Zum Beispiel waren wir in vielen Archiven, im Berliner Bundesarchiv, haben alte NS-Akten durchwühlt, über meine ganze Familie, aber auch über Unku hauptsächlich. Dabei haben wir erschreckende Einzelheiten gefunden. Sehr erschreckend war zum Beispiel, wie die NS in ihrem Briefverkehr untereinander über uns sprachen und wie sie über Unku vor allem sprachen.

Ist denn das Trauma dieser Verfolgung von Sinti und Roma durch die Nazis auch heute noch präsent, zum Beispiel auch in den Köpfen junger Menschen?

Sie ist immer noch präsent, natürlich. Gerade in der zweiten Generation, der meiner Eltern, ist sie noch sehr stark, denn das Leiden, das ihre Eltern hatten in dieser Zeit, das überträgt sich natürlich auch auf die Kinder.

Wie sieht denn die Lebensrealität von Sinti und Roma heute in Deutschland aus?

Es ist sehr unterschiedlich, denn alleine der Unterschied zwischen Sinti und Roma ist ja schon enorm groß. Wir haben zwar die selben Herkunfsländer, Indien und Pakistan, aber nach 600 Jahren, die wir mittlerweile hier sind, unterscheiden wir uns doch wirklich sehr voneinander. Wir haben nicht mehr dieselbe Sprache, unsere Sprachen haben sich unterschiedlich entwickelt. Auch wie wir uns in der Regel in der Familie verhalten, ist sehr anders geworden. Aber im Großen und Ganzen geht es den Sintis in Deutschland supergut.

Klischees, Vorurteile, Ausgrenzung. Gibt's das noch?

In den 90er Jahren hat das sehr stark abgenommen. Wir deutschen Sinti haben keine Diskriminierung mehr erfahren. Nur jetzt gerade, in der Zeit der neuen Zuwanderung von überall, sind wir wieder mit in diesem Paket. Also, es ist eigentlich unglaublich, wir sind seit 600 Jahren hier, aber sobald etwas kommt, sind wir mit im Paket drin, dann heißt es wieder Sinti und Roma.

Was muss passieren, damit man da wieder rauskommt? Wie muss man dagegen vorgehen?

Das ist eine gute Frage. Wir probieren ja schon seit 600 Jahren, dass Deutschland erkennt, dass wir ein Teil der Kultur sind und dass die deutsche Kultur auch uns gehört. Es geht einfach ums Bewusstsein. Man muss sich bewusst machen, dass der Sinto, der in Deutschland lebt, schon 600 Jahre hier ist und keinerlei Immigration hinter sich bringen muss. Ich meine, wir sind nicht erst seit vorige Woche hier. Ich hoffe, dass das Buch dazu beiträgt. In dem Buch werde ich viel darüber aufklären und viel davon erzählen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Heiner Martin.

Sendung: Inforadio, 02.08.2018, 09:25 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    "Wir deutschen Sinti haben keine Diskriminierung mehr erfahren." Das stimmt weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart, speziell in Deutschland. Es ist leider traurige Realität, dass Rassismus gegen Rom*nya u. Sint*ezze relativ weit verbreitet war u. ist. Umfragen zeigen immer wieder, dass rassistischen Aussagen in dieser Richtung ca. 60% der Befragten u. teils weit mehr zustimmen.

    Amaro Foro, RomaniPhen, der Zentralrat sowie das Dokumentations- u. Kulturzentrum Deutscher SInti u. Roma, die Amadeu-Antonio-Stiftung, ReachOut bzw. KOP bieten genügend Informationen darüber, dass es dabei mitnichten um vergangene, temporäre Diskriminierungen geht. Es ist unstrittiger Konsens, dass diese Form des Rassismus weit verbreitet ist. Das hätte man durchaus im Artikel einordnen können.

    Leider impliziert der letzte Frageblock, was eine Minderheit selbst gegen die Diskriminierung durch die "Mehrheitsgesellschaft" machen könne - sehr hierarchischer Stil u. nicht auf Augenhöhe.

  2. 1.

    Lustig was hier mittlerweile behauptet wird, also war der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation der Übeltäter. Nein, nicht überzeugt.

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