Musiker spielen auf dem People-Festival 2018 im Funkhaus Berlin (Bild: _waldwest)
Inforadio | 20.08.2018 | Jakob Bauer | Bild: _waldwest

Konzertkritik | People Festival Berlin - Fast schon spirituell

Im Berliner Funkhaus hat am Wochenende ein außergewöhnliches Festival stattgefunden. Außergewöhnlich nicht nur, weil über 160 renommierte Pop-Künstler dabei waren, sondern auch, weil alles, was dort zu sehen und zu hören war, erst letzte Woche entstanden ist. Von Jakob Bauer

Was sie gleich sehen werden? Wen sie gleich hören werden? Wissen sie nicht. Trotzdem sind die Zuschauer jetzt schon voller Vorfreude, denn vielleicht wartet ja der norwegische Singer/Songwriter-Guru Erlend Øye hinter der noch verschlossenen Tür der Hallway Studios. Oder Ausnahmesängerin Leslie Feist. Oder sogar Techno-Ikone Boys Noize? Alles möglich. Alles falsch – für den Moment. Denn drin wartet unbändiger Krach: Zwei Schlagzeuger dreschen wie verrückt auf ihre Sets ein, während zwei Elektroniker mit ihren analogen Synthesizern und ein introvertierter Bassist versuchen, dieses rhythmisch hochkomplexe Geballer mit noch mächtigere Krachschichten anzureichern, sodass eine zünftige Wall Of Sound entsteht.

Grenzenlose Experimentierfreude

Ein radikaler Einstieg für diesen Festival-Sonntag, aber damit muss man rechnen beim People-Festival. Besser gesagt: Damit darf man rechnen. Denn die grenzenlose Experimentier- und Spielfreude, die musikalische Neugierde, die in allen Ecken des wunderschönen Funkhaus-Geländes vibriert, ist Teil des Konzepts.

Die 160 beteiligten Künstler haben sich hier eine Woche lang getroffen, um gemeinsam neue musikalische Ideen zu formulieren und in Konstellationen zusammenzuarbeiten, die man in der freien Wildbahn sonst nicht findet. An diesem Wochenende öffnen sie ihre Werkstatt, um die Ergebnisse dem Festivalpublikum zu präsentieren.  Zum Beispiel das Berliner Kollektiv Stargaze, das zusammen mit Indie-Folk-Superstar Bon Hiver und The National-Gitarrist und Festivalveranstalter Aaron Dessner in traurig-tröstlich-schönen Kammer-Pop-Gefilden wühlt.

Wer spielt wann und wo?

Das Line-Up ist gespickt mit internationalen Größen. Nur: Wer wann wie auf welcher der acht Bühnen spielt, weiß keiner. Das soll zu Unvoreingenommenheit und Überraschung animieren und ist Teil des Konzepts. Es gibt sieben Besucher-Gruppen, die jeweils einen eigenen Zeitplan haben: Während zum Beispiel die Gruppen 5 und 7 um 16:40 Uhr im Studio 2 eine atmosphärisch dichte, bedrohlich-schöne Tanzperformance mit Live-Musik erwartet, hat Gruppe zwei Pause.

Naja, nicht so ganz, denn auch im Hof des Funkhauses wartet tonnenweise Musik. Zum Beispiel auf der Waldbühne, vor der das junge, schöne und hippe Publikum gerne genussvoll in der Wiese liegt und verträumt den zarten Klängen der skandinavischen Band Efterklang lauscht. Die haben sogar ihren eigenen Chor dabei, der im Wechsel mit Sänger Casper Clausen meditative, dänische Verse vorträgt. Woanders erklingt ein Klavier und plötzlich fangen überall auf dem Hof verschiedene Musiker an zu spielen.

Eine Oase für die Stars

Man muss sich schon etwas in die Ohren stopfen und die Augen verbinden, um nicht von dieser gemeinschaftlichen, einzigartigen, kreativen Stimmung überrollt zu werden – und das im positivsten aller Sinne. Das liegt vor allem daran, dass die Künstler hier sind, weil sie es wollen und nicht, weil sie müssen.

Sie bekommen keine Gage, es gibt kein Sponsoring, es geht nur um das Zusammensein und das Musikmachen. Viele sitzen selbst im Publikum, wenn sie nicht gerade spielen, tanzen und klatschen, freuen sich für ihre Kollegen und haben ein glückliches Grinsen im Gesicht. Man hat das Gefühl, im komplizierten Pop-Business ist dieser Ort für die Stars eine Oase: Hier können sie die Musik machen, die sie wollen und nicht die, die sie sollen. Der kreative Vibe, der wie ein Wind über das Gelände weht, ist unvergleichlich

Eigentlich unfassbar

Wer nur minimal interessiert an Popkultur ist, hat hier die Möglichkeit, eines der Wochenenden seines Lebens zu erleben. Die Nähe zu den Künstlern, die Intimität der Werkstattkonzerte, die vielen Überraschungen, die tolle Akustik, die friedliche Stimmung, die musikalisch kratzigen Herausforderungen und die harmonieseligen, zum Heulen schönen Momente voller Pathos – das alles ist beseelend, nachhaltig eindrücklich, fast schon spirituell und in seiner Großartigkeit eigentlich unfassbar.

Beitrag von Jakob Bauer

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