Lina Marie Rohde (als Semele, die Liebende), Irene Fas Fita (als Ama, die schwarze Königin), Jacek Klinke (als Zagreus, der Träumer), Bille Behr (als Hestia, die Mutter), Bärbel Aschenberg (hinten im Halbschatten, als Smiller, der Mentor) und Markus Moiser (als Craal, der Wilde), v.l., während der Fotoprobe zu Dreamer auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. (Quelle: imago/Müller)
Audio: Inforadio | 10.08.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: imago/Müller

Open-Air-Spektakel "Dreamer" des Theater Anu - Zwischen Donnergrollen und Regengüssen

Das Theater Anu macht seit über zehn Jahren Theater im öffentlichen Raum. Die freie Truppe bespielt Tunnels, Parkplätze und seit sechs Jahren auch regelmäßig das Tempelhofer Feld. Dort feierte ihre neue Inszenierung "Dreamer" nun Premiere. Von Nadine Kreuzahler

"Gehört das zum Stück oder donnert es etwa?" fragt eine Zuschauerin laut, als am Anfang ein dumpfes Grollen zu hören ist. Nein, noch ist es kein Donner. Der kommt später.

Eine Spielwiese ohne Sitzplätze

Erst mal heißt es: den Eingang finden. Zum Theater Anu geht es durch den Haupteingang am Columbiadamm, dann einen Weg links rein bis zum Café Luftgarten. Dort hat sich die Truppe eine Spielwiese zwischen Bäumen abgespannt. In der einen Ecke ist ein großer, goldener Käfig zu erkennen, in der anderen eine Badewanne mit Mast, weiter hinten eine Art Thron. Es gibt weder eine klassische Bühne, noch Sitzplätze. Einige Zuschauer haben Decken oder Kissen dabei, die anderen hocken sich direkt auf den Boden oder stehen.

Mittelalter, Fantasy und moderne Technik

Ein Mann lacht völlig irre und taumelt dank Videotechnik auf einen brennenden Turm zu. Plötzlich zerspringt das Gebilde in seine Einzelteile - in fünf Schauspieler, mit transparenten Leinwänden vor dem Körper. Das alles in Kostümen, die an Mittelalter, Fantasy und Game of Thrones erinnern. Das Zusammenspiel von Videoprojektionen, und Licht- und Soundcollagen, von  Installation und Schauspiel ist typisch für das Theater Anu.

Markus Moiser (als Craal, der Wilde), Irene Fas Fita (als Ama, die schwarze Königin), Bille Behr (als Hestia, die Mutter) und Lina Marie Rohde (als Semele, die Liebende), v.l., während der Fotoprobe zu Dreamer auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. (Quelle: imago/Müller)
| Bild: imago/Müller

Jagdgesellschaften

Die freie Truppe macht seit über zehn Jahren Theater im Öffentlichen Raum und bespielt seit sechs Jahren auch regelmäßig das Tempelhofer Feld. Ihr neues Stück, "Dreamer", hat auf den ersten Blick eine simple Story: nach einer Feuerkatastrophe muss eine Dorfgemeinschaft die wilde Bestie wieder einfangen, die seit Generationen in einem Käfig im Turm weggesperrt war und jetzt fliehen konnte.

An dieser Stelle kommt das Publikum ins Spiel, das von den Darstellern in vier Gruppen - in Jagdgesellschaften - aufgeteilt wird.  Alle jagen die Bestie nun auf unterschiedliche Art, mit Netzen oder Trommeln zum Beispiel. Es geht unter großem Kichern kreuz und quer über den Rasen.

Zu viel Drama

Und dann donnert es ganz in echt. Der Wind wird immer stärker. Es blitzt. Passend zur düsteren leicht gruseligen Stimmung der Inszenierung. Aber so viel Drama bräuchte es dann doch nicht.

Die Inszenierung lebt davon, dass sich die Zuschauer frei zwischen den Bäumen bewegen. Verschiedene Szenen laufen gleichzeitig ab, man kann sie sich reihum ansehen, sie gehen drei Mal von vorne los.  Eine junge Frau  ist zu sehen, eingehüllt in ein Laken, auf das  Bilder von Krieg und blutigen Kämpfen projiziert werden. In der anderen Ecke hadert ein Mann mit seinem langen Teufelsschwanz, der ihm über Nacht gewachsen ist. Wie allen Dorfbewohnern.

Die zahme "Stummelschwanzgesellschaft"

Hier kommt eine zweite Ebene ins Stück. Die langen, fiesen Schwänze, die alle bekämpfen und gleichzeitig seltsam anziehend finden - sie stehen für das Wilde in sich selbst, die dunkle Seite, das Animalische. Zum Schluss bleibt davon nicht mehr viel übrig. Die Gesellschaft hackt sich die Schwänze ab und verkommt zur zahmen "Stummelschwanzgesellschaft".

Mitmach-Event unter Wasser

"Dreamer" stellt interessante Fragen. Aber leider hat der Himmel längst all seine Schleusen geöffnet. Was es schwierig macht, sich aufs Stück zu konzentrieren. Unbeeindruckt davon machen die Schauspieler einfach weiter. Manche im Publikum haben Regenjacken dabei, andere suchen Schutz unter den Bäumen.

"Dreamer" ist Mitmach-Event-Theater mit ein paar poetischen Momenten und inhaltlich ehrgeizig, aber der Clou ganz am Ende ist dann leider doch etwas flach.

"Dreamer" läuft vom 9. – 12.8. und vom 16. – 19.8., jeweils um 21.30 Uhr. Haupteingang Tempelhofer Feld am Columbiadamm.

Sendung: Inforadio, 1008.2018, 7.30 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Am 12.08. hatten wir dann auch das Vergnügen uns die neue Inszenierung von Anu anzuschauen.
    Leider startete das Stück nicht wie vorgesehen um 21:30h, sondern erst um 22:00h.
    Die Mischung der engagierten Schauspieler, Videotechnik und eingespielten Tonsequenzen ist durchaus interessant, aber hinlänglich bekannt. Ganz großes Manko, die Karte kostet 22-24 €, jedoch kann man sich mit einem Getränk im Café Luftgarten auf einen Liegestuhl setzen und das ganze auch kostenlos erleben, da alles nur mit Schnüren abgesperrt ist.
    Der Plot selbst war teils verwirrend, teils langatmig und nervig. Bereits nach 40 Minuten haben die ersten Zuschauer das Feld verlassen. Es gibt keine Bestuhlung, das Publikum muss mitmachen. Manche mögen das, andere weniger.
    Beim Satz "Gott ist ein großer, weißer Hase" vor einer überdimensionalen Hasenfigur haben dann noch etliche weitere Zuschauer das Weite gesucht.
    "Dreamer" ist leider überhaupt kein Vergleich zur "Großen Reise".

Das könnte Sie auch interessieren