Blick in die Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Foto: imago/Reiner Zensen)
Audio: Kulturradio | 14.09.2018 | Maria Ossowski | Bild: imago stock&people

Berliner Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" - Was der Schwabinger Kunstfund über den NS-Kunstraub zeigt

Die Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Martin-Gropius-Bau zeigt Bilder aus dem spektakulären Fund in der Wohnung von Cornelius Gurlitt - unter anderem NS-Raubkunst. Dabei stehen die Mechanismen des damaligen Kunstraubs im Zentrum. Von Silke Hennig

Fast fünf Jahre ist es her, dass der "Kunstfund" im Münchner Stadtteil Schwabing weltweit Schlagzeilen machte: In der Wohnung von Cornelius Gurlitt und später noch in seinem Haus in Salzburg waren mehr als 1.500 Kunstwerke gefunden worden: die Hinterlassenschaft seines Vaters Hildebrand Gurlitt – einer der vier "privilegierten Kunsthändler" in der NS-Zeit. Diese sollten die sogenannte "entartete Kunst", welche die Nationalsozialisten 1937/38 aus öffentlichen Sammlungen beschlagnahmten, ins Ausland verkaufen. Es stellte sich heraus, dass ein Teil der Kunst im Besitz seines Sohnes aus dieser Beschlagnahme-Aktion stammte.

Das eigentliche Sensations-Potential des Schwabinger Kunstfunds aber rührte daher, dass darin auch ein erheblicher Anteil Raubkunst vermutet wurde: Kunstgegenstände, die zwischen 1933 und 1945 "verfolgungsbedingt entzogen" wurden, also von ihren - in aller Regel jüdischen Eigentümern unter Druck und weit unter Wert verkauft werden mussten, oder bei deren Flucht oder Deportation ins Ausland mit sämtlicher Habe an den Staat fielen.

Zwei Ausstellungen zusammengeführt

Nichts davon allerdings findet Erwähnung in der "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Martin-Gropius-Bau, die sich ganz darauf konzentriert, über die Rolle der Kunst im Nationalsozialismus, über den NS-Kunstraub, seine Mechanismen und die Verflechtungen des Kunsthandels aufzuklären. Sie führt die beiden Ausstellungen zusammen, die unter derselben Überschrift bereits im November vergangenen Jahres in Bonn und in Bern den "Fall Gurlitt" beleuchteten.

In der Bundeskunsthalle in Bonn stand damals der Komplex "Raubkunst" im Mittelpunkt. Das "Damenporträt" von Thomas Couture aus dem 19. Jahrhundert, das damals kurz vor der Ausstellungseröffnung als Raubkunst identifiziert wurde, dient jetzt in Berlin als Beispiel, um die Schwierigkeiten der Provenienzforschung anschaulich zu machen: Denn die Zuordnung zur Sammlung des ermordeten jüdischen Politikers George Mandel war nur möglich durch eine kleine Notiz, der zufolge das Damenporträt von Couture, das Mandel gehörte, ein repariertes Loch auf Brusthöhe hatte – genau wie das Bildnis, das bei Cornelius Gurlitt gefunden wurde. 

Auf der Suche nach Raubkunst bei Cornelius Gurlitt

Geschäfte in NS-Zeit gezielt intransparent

Im Kunstmuseum Bern, das Gurlitt zum Alleinerben bestimmt hat, wurde dagegen gezeigt, was aus Gurlitts Besitz eindeutig der Beschlagnahme-Aktion "Entartete Kunst" zuzuordnen ist. Dabei handelt es sich um Kunst, welche die Nazis aus öffentlichen Sammlungen entfernen ließen, und bei der es keine Rückgabe-Ansprüche gibt. Für alle Werke, bei denen solche Ansprüche nicht ausgeschlossen werden konnten, hat die Bundesrepublik Deutschland die Herkunfts-Erforschung übernommen.

Anhand von Geschäftsbüchern und Korrespondenzen macht die Ausstellung anschaulich, wie Hildebrand Gurlitt und andere ihre Geschäfte in der NS-Zeit gezielt intransparent gemacht haben und warum sich die Provenienzforschung oft so schwierig gestaltet. Die meisten der rund 200 gezeigten Bilder, Grafiken und Skulpturen sind daher mit dem Vermerk "aktuell kein Raubkunstverdacht" versehen – soll heißen: Ein solcher Verdacht hat sich weder bestätigt noch konnte er widerlegt werden.

Infos über Gurlitt hinter der Wand

Zu den bisherigen sechs gesicherten Raubkunstfällen kamen unmittelbar vor Ausstellungseröffnung vier weitere hinzu: Kleinformatige Zeichnungen des 18.Jahrhunderts, die sich allerdings im Nachlass von Cornelius Gurlitts Schwester Benita befanden. Rechtmäßige Eigentümer sind die Nachfahren der französisch-jüdischen Familie Deutsch de la Meurthe. Ihre Familiengeschichte (nur die jüngste Tochter überlebte den Holocaust) ist eine von mehreren "Opfer-Biographien", die diese "Bestandsaufnahme Gurlitt" stärker in den Blick rückt, als die vorangegangenen Ausstellungen.

Überhaupt wird hier ein anderer Akzent gesetzt: Cornelius und Hildebrand Gurlitt rücken in den Hintergrund, dienen eher als Aufhänger für einen allgemeineren Überblick, wie der Kunstraub im "Dritten Reich" vor sich ging. Zwar steht auch hier am Ausstellungsanfang der Koffer von Cornelius Gurlitt, in dem die Fahnder damals zahlreiche grafische Blätter von Liebermann, Picasso usw. fanden. Aber wer etwas über Gurlitt selbst erfahren will, muss hinter der Wand suchen, vor der dieser Koffer liegt. Von der laufenden Debatte um den Umgang mit dem alten Mann will die Ausstellung erkennbar Abstand halten. 

So werden einige heikle Fragen zu Konsequenzen aus dem Fall Gurlitt ausgeklammert. Die Komplexität des Themas Raubkunst und wie wir noch heute über solche "Hinterlassenschaften", über Kunst und Kunsthandel mit dem "Zivilisationsbruch" zwischen 1933 und '45 verstrickt sind, wird dennoch mehr als deutlich.  

Sendung: Inforadio, 14.09.2018, 06.00 Uhr

Beitrag von Silke Hennig

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Auch sechs Bilder, die eventuell auf Kunstraub schließen lassen, sind sechs Bilder zu viel.

  2. 5.

    Korrektur: ich meinte im oberen Text den grauen Kasten links

  3. 4.

    im grauen Kasten oben rechts gibts dazu differenziertere Aussagen:

    https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2017/11/buchvorstellung-berlin-remy-der-fall-gurlitt.html

  4. 3.

    Gurlit war kein Opfer sondern Täter bzw. Täterprofiteur ! Der Vater hat sich eine Kunstsammlung von u.a. geraubter Kunst zusammengeklaut. Nicht gerettet ! Dann hätte er sie nach dem Krieg zurückgegeben oder zur Aufarbeitung weitergegeben wenn keine Besitzer mehr zu finden waren.

  5. 2.

    Nur sechs der gut 1500 Werke konnten bisher klar als NS-Raubkunst identifiziert werden. Insofern ist die im Artikel gemachte Aussage:

    Zitat: "Das eigentliche Sensations-Potential des Schwabinger Kunstfunds aber rührte daher, dass darin auch ein erheblicher Anteil Raubkunst vermutet wurde: Kunstgegenstände, die zwischen 1933 und 1945 "verfolgungsbedingt entzogen" wurden, also von ihren - in aller Regel jüdischen Eigentümern unter Druck und weit unter Wert verkauft werden mussten, oder bei deren Flucht oder Deportation ins Ausland mit sämtlicher Habe an den Staat fielen."

    nicht richtig bzw. überholt..

  6. 1.

    wo anders las ich, das nur eine Handvoll der Bilder der sogenannten Nazi-Raubkunst zugeordnet werden konnte.
    Hat der alte Gurlitt mit seinem Handeln nicht auch die Bilder vor der Vernichtung gerettet?
    Ein Aspekt der leider vernachlässigt wird, wohl um das schändliche Handeln der Ermittlungsbehöreden mit seinem Sohn zu relativieren.
    Beide haben die Kunstwerke immerhin für die Nachwelt aufbewahrt und nicht etwa verhökert.

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