Szene aus einem Musikvideo zu Open Air Party (Bild: HEINRICH - "Solang wir tanzen")
Video: rbb|24 | 06.09.2018 | Vanessa Klüber | Bild: HEINRICH - "Solang wir tanzen"

Berliner Clubsterben - Warum Berlins Partyszene immer öfter an illegalen Orten feiert

Clubs und Partylocations verschwinden aus der Mitte Berlins, dafür steigt die Zahl der illegalen Freiluftpartys. Clubbetreiber und Politiker wollen die Partys in die Legalität heben. Jule Kaden und Vanessa Klüber haben sich zum Ende der Saison in der Szene umgesehen.

Zwei Stunden vor Aufbaubeginn unter freiem Berliner Himmel gibt einer der Veranstalter den Standort auf Facebook durch. Er nutzt Geo-Koordinaten, denn die Party wird in einem Waldstück im Westen der Stadt nahe der Autobahn steigen: "Geheime Location. Wir werden ab 16 Uhr da sein und schätzen eure Unterstützung beim Aufbau!"

Aufgebaut werden sollen ein DJ-Pult, Soundsystem, Lichtmaschinen, Lampions und Girlanden, eine Verkaufstheke und Kästen mit Bier und mit Wasser. Genehmigt ist das alles nicht.

Hinter der verbotenen Party steckt ein "vor Kurzem gegründetes Kollektiv". Wird die Party von jemandem entdeckt, der sich daran stört, werden Ordnungsamt oder Polizei sie beenden.

Szene aus einem Musikvideo zu Open Air Party (Bild: HEINRICH - "Solang wir tanzen")
Szene aus einem Musikvideo zu einer Party im Wald. Vor allem junge Leute feiern gerne spontan, aber immer öfter auch unangemeldet und nicht genehmigt. | Bild: HEINRICH - "Solang wir tanzen"

Die Ausmaße sind riesig

Illegale Partys in Berlin sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Ausmaße sind riesig. Liese Kingma von der Clubcommission Berlin e.V., einem Netzwerk für Clubkultur, spricht von geschätzten 30.000 Partybesuchern im Monat in der Open-Air-Saison. Die Schätzungen stammen von Daniel Piller, der eine Erhebung im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführt hat. "In den letzten zwei Jahren ist die Szene um 30 Prozent gewachsen, würde ich sagen", so Kingma.

"Rasant wachsende Followerschaft"

Fabian, 24, organisiert solche wild wuchernden Feiern und spricht von einer "rasant wachsenden Followerschaft". Er kommt aus Bayern, arbeitet am Theater. Im Illegalen agiert er sozusagen hobbymäßig - und nach eigenen Angaben, ohne dabei Geld zu verdienen. Seinen echten Namen will er auf keinen Fall veröffentlicht sehen. Die Infos gibt es nur per Telefon.

Social Media, Mail und Mund-zu-Mund-Propaganda

Die Partys seien schnell über ein Facebook-Event oder über Mails an Freunde organisiert, der Rest sei Mund-zu-Mund-Propaganda, sagt Fabian. Man beschreibe meistens eine Art Geburtstagsfest und gebe sich als privater Veranstalter aus. Mit offiziellen Clubpartys, die Fabians Veranstalter-Kollektiv auch organisiert, könne man solche Open-Air-Gigs dann finanzieren. Einnahmen kommen außerdem über den Getränkeverkauf auf den Partys im Wald und Spenden herein.

Warum das Ganze, wenn es in Berlin doch vermeintlich eine riesige Party- und Clubszene aller Musikrichtungen gibt?

Lichter auf einer illegalen Party im Wald (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)
Illegale Party in einem Waldstück im Westen Berlins. | Bild: rbb|24/Vanessa Klüber

"Wir wollen nur tanzen und Spaß haben"

Der 24-Jährige spricht von "Raumnahme" und "Recht auf Stadt", sehe "staatliche Regeln nicht als Maxime". Für ihn sei das auch politische Arbeit. "Wo andere mit Autos die Luft verpesten und die Stadt anderweitig schädigen, "wollen wir nur tanzen und Spaß haben und das im öffentlichen Raum."

Keine Türsteher, Eintrittsgeld, Dresscode, Kontrollen, keine Sicherheit

Die Party des "vor Kurzem gegründeten Kollektivs", nennen wir sie "Kollektiv-Party", ist typisch für eine der vielen Feierevents. Es wird aufgerufen, "Weiblichkeit, weibliche Energie zu feiern", was mit ungefähr gleichvielen Frauen und Männern zwischen 20 und 40 schon um 18 Uhr beginnt.

Die Musik ist entspannt: Soul Funk, Deep House, Minimal Techno, Tribal, Ethno Techno. Das Publikum trägt eher schlichte Kleidung, manche Neo-Hippie-Stil mit weiter Kleidung, Blumen, Schmuck. Fast alle sprechen Englisch, viele Spanisch. Ein Mann macht eine kleine Fackel-Show.

Wer zur Party will, muss vorher durch einen komplett dusteren Wald laufen. Erst nach vielen Schritten in den Forst hinein ist Musik zu hören, die dann wenige Meter vor dem DJ-Pult immerhin so laut ist, dass Partystimmung aufkommt. Zudem schirmen Bäume die Lichtstrahlen weitgehend nach oben ab.

Es gibt keine Türsteher, kein Eintrittsgeld, keinen Dresscode, keine Kontrollen, keine Sicherheit.

Auch keine Gewissheit, dass die Party wie geplant bis in die frühen Morgenstunden weitergehen wird, im Gegenteil.

Genehmigungen für Freiluftpartys laut Ordnungsamt Charlottenburg

  • Örtlichkeit

  • Geräuschentwicklung

  • Abgabe von Speisen und Getränken

  • Anzahl der zu erwartenden Gäste

  • Jugendschutz

80-90 Prozent der Partys aufgelöst

Die Reaktionen von Polizei und Ordnungsamt, wenn eine Party entdeckt wird, sind offenbar sehr unterschiedlich. "Das geht dann von einem freundlichen ‚Wir haben euch bemerkt, es gibt Anwohnerbeschwerden, bitte dreht leiser, einen schönen Abend noch‘ bis zu einer sofortigen Auflösung der Veranstaltung", sagt Fabian.

Laut Kingma von der Clubcommission werden immerhin 80 bis 90 Prozent der Partys aufgelöst. Dann droht eine Strafzahlung im vierstelligen Bereich. Die Solidarität in der Partyszene, um diese Kosten zu stemmen, ist laut Fabian groß: "Wenn es zur Strafzahlung kommt, sind viele bereit, finanziell zu unterstützen." Aber im Ganzen achte man schon im Vorhinein sehr stark darauf, niemanden zu stören.

Doch meist hilft das alles nichts. Oft sei die Polizei so früh aufgetaucht, dass Fabian davon ausgeht, dass sie vorher "auf Facebook rumstalkt und Zivilfahnder auf Partys einschleust".

Polizei setzt Zivilfahnder auf illegalen Partys ein

Dass die Polizei Berlin in sozialen Netzwerken Ausschau halte, sei nicht richtig und auch nicht notwendig, "da solche Events in der Regel eine Außenwirkung haben und damit auch der Polizei bekannt werden", heißt es von der Berliner Polizei in einer Mitteilung an rbb|24.

"Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz" jedoch würden insofern verfolgt, dass "einzelne, verdächtige Teilnehmerinnen und Teilnehmer von solchen ‚Veranstaltungen‘ von Polizistinnen und Polizisten in zivil beobachtet werden", wie es weiter heißt.

Der Umgang mit Drogen auf den illegalen Partys ist noch offensichtlicher als in den Clubs.

Ketamin, Pilze, LSD, Cannabis

Auf der heutigen "Kollektiv-Party" haben sich viele in der Dunkelheit auf Decken gesetzt. So genannte Grinder zum Verpulverisieren von Cannabis wechseln die Hände. Auf der Tanzfläche fragt jemand herum: "Will jemand Ketamin?" und zeigt dabei sein Handydisplay mit weißem Pulver.

Eine DJane ist offenbar auf Pilzen und nicht begeistert davon, gleich auflegen zu müssen. Der Ketamin-Mann erzählt, er habe gerade unter anderem "ein Viertel LSD" genommen und umarmt bei jeder Gelegenheit andere, die gerade vorbeikommen.

Schrumpfende legale Berliner Open Air Szene

Die genehmigte Open Air Szene, die Berliner Clubszene und die illegalen Partys - so ganz lässt sich das nicht voneinander trennen. Veranstalter illegaler Partys machen auch legale Partys in Clubs – und umgekehrt. Oder man startet mit illegalen Partys und etabliert sich dann in der Szene, wie Fabian es häufiger unter Bekannten erlebt habe.

Doch die legale Berliner Open Air Szene hat zu kämpfen. Ausufernde Bürokratie, Lärmbeschwerden, Verlust von Immobilien und Freiflächen und Gentrifizierung lassen sie schrumpfen.

Clubszene und Politiker an einem Tisch

Die Clubcommission, sagt Liese Kingma, wolle jedoch die "soziokulturelle Identität Berlins beibehalten" – und Partyveranstalter seien als Graswurzelbewegung wirklich wichtig für die Stadt.

Sie leitet seit März das Projekt "Model Space". Es bringt unter anderem Politiker, Universitäten und die Clubszene zusammen mit dem Ziel, die verbotenen Waldfeiern in die Legalität zu heben – und es allgemein zu erleichtern, Open Air Partys zu organisieren. Derzeit seien 14 Genehmigungen mit 10 verschiedenen Ämtern zu koordinieren mit einer Bearbeitungszeit von rund acht Wochen und Kosten von bis zu 800 Euro.

Um das zu ändern, soll "Model Space"die Grundlage für ein neues Freiluftpartygesetz darstellen.

"Wachsende politische Unterstützung"

"Im Moment haben wir dafür wachsende politische Unterstützung", so Kingma.

Tatsächlich heißt es im Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün: "Künftig sollen Bauplanung, Investoren und Musik- bzw. Clubkultur noch stärker Hand in Hand arbeiten. Die Koalition strebt die Entwicklung von Orten im öffentlichen Raum an, die unbürokratisch für nicht kommerzielle Musik und Partyveranstaltungen unter freiem Himmel genutzt werden können."

Workshops, wie man "richtig" feiert

Bevor es möglicherweise ein neues Freiluftpartygesetz gibt, wird weiter illegal gefeiert, mindestens bis in den September hinein. Liese Kingma erklärt, dass sie Workshops anbietet, in denen sie Partymachern erklärt, wie man "richtig" feiert. Eine direkte Unterstützung der illegalen Partyszene streitet sie ab.

"Mach es so verwantwortungsbewusst und konfliktfrei wie möglich", sagt sie. Das heißt: "Respektiere die Natur, bleibe in gewissen Zeit- und Lautstärke-Limits."

Fabian ergänzt: "Jeder soll darauf achten, dass es kein grenzüberschreitendes Verhalten gibt. Wer rotzbesoffen ist, rumpöbelt, sexistisch oder rassistisch auftritt, soll die Party verlassen."

Liese Kingma (Quelle: rbb/Toma Garus)Liese Kingma von der Clubcommission. Sie leitet das Projekt "Model Space" und möchte die Freiluftparty-Szene retten

Die Musikboxen versagen

Auf der "Kollektiv-Party" an diesem Mittaugustabend versagen gegen Mitternacht die Musikboxen. Keine Pfiffe, kein Meckern. "Zeit, Pippipause zu machen", ruft einer, der vorher getanzt hat. Mehrere Leute helfen, die Musik geht an, dann wieder aus, wieder an. Es läuft weiter, erst leise, später wieder mit der ursprünglichen Lautstärke. Das vorher herangekarrte Bier und das Wasser reichen bis weit in die Nacht hinein.

Niemand kommt, um die Party aufzulösen. Sie geht bis in die frühen Morgenstunden.  

Beitrag von Jule Kaden und Vanessa Klüber

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Open Airs sind das Grossartigste in Berlin! Meine WoE Lieblingsbeschäftigung. Viel Erfolg für das Projekt Model Space, Berlin kann das!

  2. 10.

    Sehr geehter Herr Neo,

    naja Sie haben im Kern recht, generell sollte das kulturelle Angebot vielfältig sein, und eine Clubszene die in Berlin durchaus eine beachtliche Historie hat sollte ebenfalls Bestandteil des kulturellen Angebots sein. Es geht aber natürlich auch im eine Weiterentwicklung und um das Erreichen eines neuen Niveaus im Bereich des Musikgenusses.

    Trance ist bis heute aus meiner Sicht eine der anspruchsvollsten und schönsten Stile der EDM, neben den verschiedenen Dance Formen wie Hands Up usw. die noch eher den Mainstream gelegentlich erreichen. Natürlich soll jeder die Richtung oder den Stil hören den er mag, aber ich kann nur appellieren sich dem Hardstyle zu öffnen. Es ist schon ein musikalischer Hochgenuss. Hardstyle war ja eigentlich eher was für die Nische aber es breitet sich immer mehr aus, siehe viele bekannte Festivals und einige Compilations auf denen neuerdings Hardstyle drauf ist.

    Clubszene bewahren, aber auch mehr Hardstyle

  3. 9.

    Genau meine Meinung. Was die Leute da in ihrer Freizeit machen ist mir ziemlich Wumpe, aber Berlins Grünflächen niedertrampeln und Dreck hinterlassen ist nicht in Ordnung. Vielleicht sollte man statt wiederholte Geldbußen die Organisatoren härter bestrafen.

  4. 8.

    Hardstyle oder Weichteil ist doch völlig Banane, ist das nicht wurscht, Hauptsache die Clubs gehen nicht zugrunde und werden verdrängt? In Sachen Musikkultur ist der Senat eh völlig unwissend, bis auf Klassik , Pop und Schlager. Rock, Metal, Techno ist bei denen wahrscheinlich nur durch Presse, TV und Radio bekannt und wird daher nicht wahrgenommen. Hauptsache, irgendeinem hippen Stil fördern und immer fein am Leben vorbei.....

  5. 7.

    Die Befreiung Berlins vom Party-Terror bleibt ein Ziel allerhöchster Priorität.

  6. 6.

    Sind hier einige der Kommentatoren sauer weil in nicht mitfeiern dürfen? Oder ist es der blanke Neid nicht mehr jung zu sein?

  7. 5.

    Sehr geehrte Damen und Herren, es gibt zwei wesentliche Aspekte die hier in der Debatte etwas vernachlässigt werden zum einen gibt es natürlich auch bei Clubs seit Jahren eine Verdrängung und viele Schließungen bedingt durch Mechanismen auf dem Immobilienmarkt sowie aufgrund immer zunehmender bürokratischer Belange bzw. immer mehr Auflagen.

    Zum anderen ist natürlich auch in Berlin die EDM Szene noch stark von Techno, House, Electro, usw. geprägt, es hat sich dort bisher noch nicht die Erkenntnis überall durchgesetzt, dass Hardstyle die wahre und geilste Musikform innerhalb des EDM ist, Trance ist natürlich auch toll. Aber ich bin zuversichtlich, die Expansion von Hardstyle wird sich fortsetzen und sich auch bald schon in Berlin deutlich zeigen.

  8. 4.

    Party schön und gut, Party muss auch sein, aber wer Party im Wald und der freien Natur legalisieren will, macht sich an der Zerstörung von Habitaten wildlebender Tiere und der Zerstörung der betroffenen Natur schuldig. Dann kommen noch die Fäkalien dazu.
    Toller Plan.
    Berlin, Du stinkst auch mir immer mehr und Du bist nur noch anwidernd.

  9. 3.

    "wollen wir nur tanzen und Spaß haben und das im öffentlichen Raum."
    Warum dort? Natürlich, um gesehen zu werden. Es geht um Exhibitionismus, Selbstdarstellerei. Im Verborgenen, hinter Mauer sieht keiner wie toll verrückt und vor allem anders man sich produziert. Voll individuell, aber in der Masse. Krass, cool, chillig! Hallo, Lärm ist ebenfalls Umweltverschmutzung. Der Feingeist will anderen nicht durch sein Verhalten auf den Geist gehen. Das machen nur welche mit Balzverhalten und Proflierungsdrang. Dasist weder peaceful, nachhaltig, politisch korrekt noch irgendwie 'Natur'. Lärm macht krank, egal ob von Autos, Soundsystemen oder krakelendem Partyvolk. Drum rein in den Club – ausflipp – raus aus dem Club – Schnauze und ab ins Bett, allein oder zu fünft. Mir egal, bloß laßt es mich bitte nicht mitbekommen. Euer Ego interessiert mich nicht.

  10. 2.

    die meisten Hochkulturen sind an Kriegen oder Dekadenz zu grunde gegangen—

  11. 1.

    Warum heißt der männliche DJ, „DJ“ und der weibliche DJ, „DJane“? Frage für einen Freund.

    Oder

    Warum muss Sprache immer Sexistisch, stumpf und blöd sein?

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