Die Sängerin Dota Kehr mit ihrer Band DOTA. (Quelle: kleingeldprinzessin.de/A. Weinthal)
Video: rbb Kultur | 08.09.2018 | Anne Kohlick | Bild: kleingeldprinzessin.de/A. Weinthal

Interview | Sängerin Dota Kehr - "Was ich nie werden wollte, ist ein One-Hit-Wonder"

Von der Straßenmusikerin zum Feuilleton-Liebling: Die Berlinerin Dota Kehr schreibt und singt seit 15 Jahren Lieder über das, was sie bewegt. Ein Gespräch über eine ungewöhnliche Karriere, die starke Haltung in ihren Songtexten und ihr neues Album.

rbb|24: Frau Kehr, Sie schreiben nicht nur die Texte Ihrer Lieder, sind Band-Leaderin und gehen auf Tour, sondern produzieren Ihre Alben auch selbst – auf Ihrem Label "Kleingeldprinzessin Records". Warum all das auf einmal?

Dota Kehr: Ich habe 2002 meine ersten Songs geschrieben, Demo-Aufnahmen gemacht und sie an ein paar Plattenfirmen geschickt. Dann kam keine Antwort und ich war genervt. Ich war voller Motivation und wollte loslegen, Musik machen, spielen. Ich dachte mir: Warum soll ich darauf warten, dass irgendjemand mit einem professionellen Musikgeschmack mir jetzt sagt: Deine Musik ist soundso und sie hat die und die Zielgruppe. Stattdessen habe ich meine ersten CDs einfach selbst gebrannt, mein eigenes Label gegründet, in kleinen Kneipen gespielt oder auf der Straße.

Die Sängerin Dota Kehr spielt ein Lied von dem neuen Dota Album <<Die Freiheit>>. (Quelle: rbb/kultur)
Dota Kehr spielt am Landwehrkanal eines ihrer Lieder an. | Bild: rbb/kultur

Kommt der Künstlername "Kleingeldprinzessin", unter dem Sie anfangs aufgetreten sind, von diesen Erfahrungen als Straßenmusikerin?

Ja, genau. Ich habe das zwei Sommer lang gemacht mit Freunden, weil ich meine ersten Lieder ausprobieren wollte. Straßenmusik war eine gute Gelegenheit, unterhalten zu lernen. Man steht vor dem schwierigsten Publikum, das es gibt, nämlich vor Leuten, die eigentlich gerade gar keine Musik vorgespielt bekommen möchten. Alles danach war viel einfacher

So einfach war es aber bestimmt nicht, mit einem eigenen Label als noch unbekannte Künstlerin zu starten.

Unsere Arbeit hat sich zum Glück schnell selbst getragen: Wir haben immer so viele Alben verkauft, dass wir die nächste Produktion davon bezahlen konnten. Ab 2004 konnte ich von der Musik leben und meine drei Bandmitglieder ein paar Jahre später dann auch. Dass das so klappen würde, daran habe ich am Anfang nicht so recht geglaubt. Aber das wird einem auch eingeredet. Es sagen einem alle: Du willst vom Musikmachen leben? Nee, vergiss es, mach mal lieber was Vernünftiges.

"Was Vernünftiges" haben Sie neben der Musik lange noch gemacht: Medizin studiert. Sie haben Ihr Studium an der Charité in Berlin 2010 auch abgeschlossen. Warum ist trotzdem keine Ärztin aus Ihnen geworden?

Ich habe sehr gern Medizin studiert, aber kaum je einen Arzt kennengelernt, der so richtig zufrieden mit seinem Beruf ist. Unser Gesundheitssystem macht meiner Ansicht nach viele Menschen krank – vor allem die Ärzte selbst. Ich bin mir sicher: Als Ärztin wäre ich nie so glücklich geworden wie mit der Musik.

Am Freitag erscheint Ihr mittlerweile neuntes Studio-Album „Die Freiheit“. Es erzählt von Liebe und Beziehungen, aber auch von Datenkraken, der Ausbeutung des Planeten, sexueller Belästigung und rassistischen Witzen. Sehen Sie sich selbst als politische Künstlerin?

Ich glaube, ich werde oft in die Kategorie „politische Lieder“ einsortiert. Aber ich würde nicht sagen, dass ich dafür eine besondere Kompetenz habe - also nicht mehr als irgendwer anders, der Zeitung liest. Aber es gibt einfach Themen, zu denen eine Haltung unerlässlich ist, die aus meiner Sicht auch auf der Hand liegt. Ich habe zum Beispiel einen Spendenaufruf gemacht für die Seenotrettung. Das ist etwas, was staatlich finanziert sein sollte. Ich kann es aushalten, wenn Leute mich für diese Meinung beleidigen – aber ich kann es nicht aushalten, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil man ein Exempel statuieren möchte.

Mit diesem Thema beschäftigt sich Ihr Song "Grenzen", der 2016 auf dem Album "Keine Gefahr" erschien. Die CD hat es auf Platz 14 der Album-Charts geschafft und wurde in den Feuilletons hochgelobt - vor allem für Ihre Texte. Wie entstehen Ihre Lieder?

Meistens gibt es eine erste spontane Idee, eine Zeile, die oft schon der Kristallisationspunkt für das ganze Lied ist. Solche Ideen kommen mir zum Beispiel beim Fahrradfahren. Dann halte ich an und notiere die Zeile in meiner Kladde oder spreche sie in mein Handy. Dieser ersten Idee muss man dann beim Schreiben treu bleiben, nicht zu schnell drauflos reimen und denken: Das passt schon. Das ist für mich ein ganz intuitiver Vorgang. Ich habe dafür überhaupt keine Masche, kein Vorgehen. Ich sitze jedes Mal wieder da und denke: Weiß ich nicht, wie geht das bloß?

Wie kommen Ihre Songs dann trotzdem zustande?

Damit fertige Lieder aus den ersten losen Ideen werden, muss ich wirklich ein paar Tage sehr konzentriert daran arbeiten. Das kann ich ganz schwer zu Hause in Berlin, weil da so viel los ist. Dafür fahre ich gerne raus in die Uckermark. Da haben Freunde ein Haus am See, wo ich zur Ruhe komme.

Mittlerweile haben Sie und Ihre Band ein Repertoire von mehr als hundert Liedern – mit einer großen musikalischen Bandbreite: Es fing an mit Einflüssen aus dem Bossa Nova, mal klang es nach Jazz, mal nach Chanson, zuletzt auch etwas elektronisch, dann wieder nach Pop. Ist die Veränderung Ihr Ziel?

Ich finde es wichtig, dass man sich traut, sich zu verändern, dass eben nicht jedes Album gleich klingt. Das ist immer wieder ein Wagnis, mit den Erwartungen zu brechen und nicht genau das Gleiche zu machen, was beim letzten Mal gut funktioniert hat. Es fühlt sich immer ein bisschen gefährlich an, aber es ist, glaube ich, genau der richtige Weg. Ich wusste immer: Was ich nie werden möchte, ist ein One-Hit-Wonder. Und ich merke, ich bin es nicht. Denn die Leute rufen bei unseren Konzerten ganz viele verschiedene Liedtitel rein, die sie sich wünschen. Darüber freue ich mich jedes Mal.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Anne Kohlick, rbb|24

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