Bis die Sterne zittern (Bild: Kristina Stang/Junges DT)
Audio: Inforadio | 12.09.2018 | Magdalena Bienert | Bild: Kristina Stang/Junges DT

Theaterkritik | "Bis die Sterne zittern" im Deutschen Theater - Aufwühlende NS-Geschichte, wunderbar wiedergegeben

In "Bis die Sterne zittern" erzählt Johannes Herwig von Jugendlichen in der Nazizeit, die für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Am Deutschen Theater in Berlin feierte nun eine szenische Lesung des Jugendromans Premiere. Magdalena Bienert war angetan.

Im Leipzig von 1936 reicht es aus, wenn die Reichsflagge nicht gegrüßt wird, um Ärger mit eifrigen Mitgliedern der Hitlerjugend zu bekommen. Das stellt der 16-jährige Harro Jäger schnell fest, als er auf der Straße angehalten wird und fragt: "Was hab ich gemacht?" - "Du hast die Fahne nicht gegrüßt!" Harro versucht sich herauszureden und bekommt dabei Unterstützung von einer fremden Gruppe Jugendlicher:

In die Gruppe der Hitlerjungs hatten sich mehrere Keile anderer Kerle geschoben, ihre Kleidung wich deutlich von dem ab, was man so kannte. Sie sahen verwegen aus. "Was'n los?" fragte ein großer Bursche mit viel zu langen, strohblonden Haaren, nachdem die Hitlerjungs abgezogen waren. "Hab die Fahne nicht gegrüßt." Der Blonde grinste: "Bestens!"

Ein Jugendroman über die "Leipziger Meuten"

Der Jugendroman "Bis die Sterne zittern" erzählt das Erwachsenwerden von Harro Jäger aus Leipzig. Der Lehrersohn wird zwar regimekritisch erzogen, aber seine Eltern schicken ihn trotzdem zur Hitlerjugend. Doch Harro eckt immer wieder an. Erst recht, als er Teil einer oppositionellen Clique wird, die immer wieder für ihr selbstbestimmtes Leben kämpft.

Diese "Leipziger Meuten" aus den verschiedenen Stadtteilen gab es wirklich, sie waren die größte Jugendbewegung, die sich gegen das Nazideutschland stellte. Die Geschichte von Harro und seinen Freunden ist zwar fiktiv, beruht aber auf den Recherchen über die "Leipziger Meuten" von Autor Johannes Herwig. Sein Debütroman für Jugendliche ab 14 erschien im letzten Jahr, ist bereits preisgekrönt und aktuell für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

18 Jugendliche lesen oder sprechen frei

In den Sommerferien dieses Jahres hat eine Gruppe Jugendlicher von LesArt, dem Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur, gemeinsam mit dem Jungen DT diese szenische Lesung erarbeitet. 18 Mädchen und Jungen teilen sich alle Figuren, lesen oder sprechen frei. Sie machen den mitunter brutalen, dann wieder poetischen und spannenden Text fühl- und erlebbar.

"Seine Stirn setzte genau zwischen Augenbraue und Nasenbein auf, es knirschte und knackte, ich taumelte und verlor das Gleichgewicht."

Autor Johannes Herwig ist zur Premiere in der rappelvollen Box des Deutschen Theaters dabei und erzählt hinterher begeistert, dass er den Regisseurinnen Sofie Hüsler und Kristina Stang freie Hand gelassen hätte. "Ich habe gesagt, ich hab eigentlich alle Szenen, Figuren und Details so lieb, dass ich jetzt nicht sagen kann: Da könnt jetzt was machen oder eben nicht", sagte Herwig. Er habe das abgegeben und die Hände der Leute gelegt, die diese szenische Lesung realisiert haben "und ich fand es megagut, Wahnsinn. Ich bin wirklich völlig geplättet."

Eine aufwühlende Geschichte wunderbar wiedergegeben

Harro verliebt sich in Käthe aus einem anderen Bezirk, es gibt zarte Annäherungen, politische Aktionen und dann wieder höchst brutale Verhöre bei der Gestapo. Immer wieder geraten Harro und seine Freunde in die Fänge der SS. Ein guter Freund und Nachbar wird eines Nachts auch noch abgeholt und verschwindet für immer -  weil er Jungs mag, wie der Vater Harro erzählt.

Es ist eine aufwühlende Geschichte, wunderbar von der jungen Gruppe wiedergegeben - und das Ende hinterlässt zumindest in diesem Buch eine positive Aufbruchstimmung der Jugendlichen. Sie wollen weiterhin für ihre Ideale einstehen. Die Fragen, die in der Box zurückbleiben und immer noch aktuell sind, lauten: Wer möchte und wer kann ich sein? 2018 geht zum großen Glück oftmals beides. Diese Gewissheit tut gut.

Beitrag von Magdalena Bienert

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