Aram Tafreshian, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Till Wonka und Lea Draeger in "Die Gerechten" am Berliner Maxim Gorki Theater (Quelle: Ute Langkafel MAIFOTO)
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Theaterkritik | "Die Gerechten" - In Ewigkeit albern

Rechtfertigt die Idee von einer besseren Gesellschaft den Tyrannen-Mord? "Die Gerechten" verhandelt die Frage recht didaktisch – am Maxim Gorki Theater wird aus Camus' Stück ein grotesker Thriller. Nur was sagt das über das Heute? Von Barbara Behrendt

 

Die Bombe fällt gleich zu Beginn - und zwar auf der Video-Leinwand. Eine öde Landschaft ist dort zu sehen, staubige Straßen, vielleicht irgendwo im Nahen Osten. Dann am Horizont eine ohrenbetäubende Explosion, die Kamera wackelt, Nebel flutet die Bühne. Als er sich lichtet, stehen fünf Menschen an der Rampe, in Pelzmänteln und russischen Fellmützen, als seien sie einem historischen Kostümfilm entstiegen, und proklamieren mit weit aufgerissenen Augen aus der Offenbarung: Der Zorn des Lamm Gottes werde über die Erde kommen und die Gerechten erretten, heißt es darin.

Albert Camus’ Revolutionsstück mit der biblischen Apokalypse zu beginnen ist durchaus eine Setzung – denn die "Gerechten" im Text des Autors, die 1905 in Russland den Onkel des Zaren ermorden, hoffen gerade nicht auf die Errettung am Jüngsten Tag, sie berufen sich auf kein Jenseits, keine göttliche Ordnung, sondern ausschließlich auf die realen Umstände hier auf Erden. Allein an der weltlichen Gerechtigkeit sollen ihre Taten gemessen werden.  

Heutige Selbstmordattentate lassen das Stück alt aussehen

Schon klar: Sebastian Baumgarten möchte in seiner Inszenierung am Berliner Maxim Gorki Theater nicht bei Camus stehenbleiben, sondern den heute geläufigsten Terrorismus einbeziehen – den religiös motivierten. Das könnte tatsächlich ein Zugewinn sein: In Zeiten der um sich greifenden Selbstmordattentate ist es schwierig, ein Stück zu inszenieren, das überhaupt erst die Frage aufwirft, ob ein Terrorist für seine Tat zu sterben habe. Ohnehin wirkt Camus’ didaktisches Thesenstück zwar in seiner Grundfrage (Rechtfertigt die Idee von einer besseren Gesellschaft den Tyrannenmord?) äußerst brisant, doch es ist schwer möglich, auf der Bühne nicht an seiner untheatralen Machart zu scheitern. Camus war zuvorderst Moralist – erst danach Dramatiker.

In "Die Gerechten" greift der Autor auf das reale Bombenattentat auf den russischen Großfürsten 1905 zurück. Die sozialrevolutionäre Terrorzelle, die ihn ermordete, scheiterte zunächst: In der Kutsche saßen unerwartet auch zwei Kinder. Wäre deren Tod gerechtfertigt gewesen im Angesicht Tausender verhungernder Bauernkinder? Beim zweiten Versuch gelingt die Tat – Janek, der feingeistige Attentäter, verzichtet im Gefängnis auf Begnadigung, um den Mord mit dem Ende seines eigenen Lebens gerecht zu machen.

Film-Thriller und Theater-Groteske

Baumgarten ist jedoch kein Regisseur, der sich stringent mit einer Fragestellung auseinandersetzt. Viel lieber hangelt er sich von Assoziation zu Fremdtext-Collage zu Videoschnipsel. So auch hier: Er fährt enorme Technik auf, verschneidet Film-Thriller mit Theater-Groteske und Stummfilmmusik.

Till Wonka kneift als radikaler Hass-Prediger Stepan die Augen und Lippen zusammen, hält die schlecht genähte Wunde an seiner Schläfe ins Licht, hustet seine Lunge auf die Bühne und schiebt sich bösewichtig voran, als wäre er Captain Hook persönlich. Jonas Dassler lässt seinen Feigling Woinow erbärmlich stottern und angstvoll die Augen aufreißen, während Lea Draeger als Bombenspezialistin Dora pathetisch proklamiert und "Resistance" quer übers Gesicht tätowiert trägt – damit ja keine Zweifel aufkommen. Aram Tafreshians "Revolutionsheld" Janek hat als poetischer, naiver Narr noch am meisten Rollenfreiheit.

Heiße Verfolgungsjagden – aber was soll das Ganze?

Das Spiel funktioniert wie im Trickfilm: Zeichnungen auf der Leinwand deuten eine Wohnung, ein Bistro, eine S-Bahn an, aus dem Off kommt das Klappern der Kaffeetassen, das Quietschen der Züge. Daniel Regenberg unterlegt den Abend am Piano mit dräuender Unheilsmusik, mit feinem Jazz oder Stummfilmbegleitung. Die Spieler simulieren eine heiße Verfolgungsjagd vom Tatort in die S-Bahn ins Bistro und weiter ins Parkhaus: Hier wird sich comicmäßig in die Kurven gelegt, dort konspirativ Kaffee geschlürft – eine Zeitlang ist das durchaus komisch.

Doch je länger die Irrfahrt dauert, desto mehr wird man des expressionistischen, parodistischen Spiels in seiner immensen Lautstärke müde, das einem mit jedem Wort beweisen will, wie unspielbar dieses Drama heute ist. Zwar tritt das Ensemble zwischen jedem Akt an die Rampe und reichert das Stück mit philosophischen Texten von Walter Benjamin und Slavoj Žižek an, auch mit Zitaten des russischen Terroristen Boris Sawinkow, der 1905 tatsächlich beim Attentat am Großfürsten beteiligt war. Was diese Camus-Groteske, verlängert mit ein paar modernen Philosophie-Bonmots, uns heute über Schuld, Terror, Gerechtigkeit und Verantwortung sagen will, geht allerdings in Albernheit unter.

Sendung: Kulturradio, 01.10.2018, 07:45 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren