Szenenfoto aus dem Stück "The Factory" (Bild: David Baltzer)
Audio: Inforadio | 28.09.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: Agentur Zenit, Archiv, Pappelall

Theaterkritik | "The Factory" an der Volksbühne - Ein Puzzle aus subjektiven Wahrheiten über den Syrien-Krieg

Dokumentartheater über skrupellose Geschäftemacher mitten im Syrien-Krieg: Am Donnerstag feierte "The Factory" seine Berlin-Premiere. Wichtiges, aufklärerisches Theater - aber man muss zu viel lesen, um wirklich begreifen zu können. Von Nadine Kreuzahler

Eine französische Zementfabrik mitten im syrischen Kriegsgebiet. Alle anderen internationalen Konzerne haben sich längst zurückgezogen, aber hier wird unbeirrt weiter produziert bis Ende 2014. Wie war das möglich und zu welchem Preis? Diese Fragen stellen Omar Abusaada und Mohammad Al Attar in ihrem neuen Dokumentartheaterstück.

Im Zentrum steht die französisch-algerische Journalistin Maryam, die eines Tages eine E-Mail aus Syrien bekommt. Von Ahmad, einem Arbeiter in einer Zementfabrik im Norden Syriens, betrieben vom französischen Baustoffkonzern Lafarge: "Ich will sie an den Pranger bringen", sagt Ahmad, und meint Lafarge. "Ich habe nichts mehr zu verlieren. Die ganze Welt soll erfahren, was sie uns angetan haben (...), dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht."

Die Fabrik als Metapher für den Krieg und die internationalen Machenschaften in Syrien - davon wollen Mohammad Al Attar und Omar Abusaada mit ihrem Stück erzählen.

Dritte Zusammenarbeit von Al Attar und Abusaada

Al Attar ist einer der bekanntesten syrischen Theaterautoren. Seit drei Jahren lebt und arbeitet er in Berlin im Exil. Für "The Factory" hat er schon zum dritten Mal mit dem Regisseur Abusaada zusammengearbeitet, der immer noch in Damaskus lebt. Im vergangenen Jahr zeigten sie "Iphigenie" in einem von der Volksbühne zeitweise bespielten Hangar auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Für "The Factory" wählen sie eine düstere Atmosphäre. Das Bühnenbild ist spärlich. Ein zylinderförmiger Betonkoloss, durchlöchert, fleckig und abgewetzt, steht im Zentrum. Davor dienen drei verschiebbare Betonwände als Videoprojektionsflächen. Sie zeigen Dokumente der echten Lafarge-Recherche: E-Mails, Fotos, Landkarten - und sie zeigen die Fabrik, um die es geht, die Protagonisten in Großaufnahme und verschwommene Bilder aus Syrien.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die Geschichte beruht auf dem wahren Skandal rund um das französische Zementwerk Lafarge im Norden Syriens. Als Chaos, Bürgerkrieg, der "Islamische Staat" und andere undurchsichtige Warlords das Land nach der kurzen friedlichen Revolution 2011 beherrschten, produzierte Lafarge trotzdem weiter. Mitten im Kampfgebiet.

Möglich war das nur, weil das Unternehmen sich auf menschenverachtende Deals einließ. Im Jahr 2017 hat Frankreich deshalb ein Ermittlungsverfahren gegen Lafarge eingeleitet. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Gefährdung des Lebens der Angestellten und der Finanzierung terroristischer Aktivitäten. Arbeiter waren entführt worden, irgendwann stand der IS vor den Fabriktoren.

Diese komplexe Geschichte erzählt "The Factory" anhand von vier Figuren. Neben der Journalistin Maryam und dem Arbeiter Ahmad sind da noch Firas, ein berühmter Tycoon Syriens, dessen Familie Verbindungen zur Assad-Familie hat, und Amr, ein windiger kanadisch-syrischer Businesstyp. Am Anfang tragen sie weiße Masken, die sie nacheinander absetzen. Jeder erzählt seine Version der Geschehnisse und so ergibt sich ein Puzzle aus subjektiven Wahrheiten.

Zu viel Text, zu wenig Spiel

Der Abend fordert die Zuschauer, nicht nur, weil er auf Arabisch mit deutschen und englischen Untertiteln erzählt wird. Aber auch. Denn es wird vor allem gesprochen - und nicht gespielt. Wenn die Darsteller dann doch spielen, wirkt es wie eine Bebilderung des Gesagten: hier mal eine Tanzeinlage, da eine nachgestellte Entführungsszene, hier ein Bekenntnis vor der Kamera oder eine Selfie-Parodie. Aber das Stück besteht vor allem aus Textflächen. Man kann gar nicht so schnell begreifen, wie man lesen muss. Das ist schade, weil der Stoff nicht die Wucht entfalten kann, die er verdient hätte.

"The Factory" ist trotzdem wichtig. Es ist aufklärerisches Theater, das die Verstrickung von internationalem Geld und Warlords auf Kosten von ganz normalen Menschen zeigt und am Ende auch noch in die Gegenwart weist: Ahmad entschließt sich zur Flucht über die Türkei. Der Syrien-Krieg und seine Folgen werden noch lange spürbar sein.

"The Factory" ist eine Auftragsarbeit von der Ruhrtriennale und der Volksbühne. Die nächsten Aufführungen finden an den Samstagen, 29.09. und 06.10., jeweils um 19.30 Uhr statt.

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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