Susanne-Marie Wrage und Paul Grill in "Welche Zukunft?!" am Deutschen Theater Berlin (Quelle: Arno Declair)
Audio: Inforadio | 28.09.2018 | Nadine Kreuzahler | Bild: Arno Declair

Theaterkritik | "Let Them Eat Money" am Deutschen Theater - Es summt und vibriert im Oberstübchen

Andres Veiel bringt seine Langzeitrecherche "Let Them Eat Money. Welche Zukunft?!" am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne. Es ist ein Blick zurück aus der Zukunft auf unsere Gegenwart. Nicht gerade sinnlich, aber anregend. Von Nadine Kreuzahler

Was wäre, wenn Italien aus dem Euro austräte und die Währung zusammenbräche? Was, wenn der Staat plötzlich die Kontrolle verlöre? Eine neue, noch größere Flüchtlingsbewegung Europa erreichte? Diese Fragen verhandelt der Dokumtarfilm- und Theaterregisseur Andres Veiel in "Let Them Eat Money", das er zusammen mit Jutta Doberstein erarbeitet hat. Es ist das Ergebnis einer Langzeitrecherche.

In Workshops zu Themen wie Wirtschaft, Ernährung, Klima und Identität und  einem Symposium haben Veiel und Doberstein mit internationalen Wissenschaftlern, Künstlern und Publikum ein Zukunftsszenario für die nächsten zehn Jahre erarbeitet. Nach dem Theaterstück geht es weiter: Im übernächsten Jahr findet eine Konferenz im Humboldt-Forum statt.

Politiker baumeln und zappeln in der Luft

Wie setzt man trockene Thesen, Ideen, Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten in sinnliches Theater um? Andres Veiel entführt das Publikum im Deutschen Theater in eine kalte High-Tech-Welt im Jahr 2028. Eine weiße Salzschicht bedeckt den Boden, alles ist in hartes Licht getaucht. Auf die hintere Wand werden riesige Videos geworfen, Linien und Algorithmen. Ein Stahlgerüst dient als Gefängnis, und von der Decke hängen Gurte wie für Luftakrobaten im Zirkus.

Mit einem lustigen Zirkus hat das Ganze aber nichts zu tun - in den Schlingen baumeln und zappeln die in der Luft, die sich schuldig gemacht haben am Zerfall Europas: Die EU-Kommissarin Franca Roloeg (Susanne-Marie Wrage) und der EU-Funktionär Rappo Rosser (Paul Grill). Die Guerilla-Gruppe "Let Them Eat Money" hat sie entführt um sie, bewaffnet mit einer Handy-Kamera, für ihr Millionenpublikum im Internet zu verhören. Am Ende sollen die Millionen Follower der Aktivisten über Leben oder Tod der Geiseln abstimmen. Weitere Figuren sind der EZB-Präsident Frerich Konnst (Jörg Pose) und der High-Tech-Milliardär Stefan Tarp (Frank Seppeler).

Die neue Staatsform: eine Aktienholding

Das Stück ist wie eine virtuelle Live Show konzipiert. Immer wieder adressieren die Aktivisten ihre Follower direkt und auf der Videowand sind User-Kommentare zu lesen.

Von der Zukunft aus blickt Andres Veiel in die Vergangenheit zurück und fragt: Möchten wir in so einer Welt leben? Was ist schief gelaufen und was können wir tun, damit es erst gar nicht so weit kommt? Im Jahr 2028 ist Italien pleite und raus aus der EU, Nord-Europa ist in der Krise, das bedingungslose Grundeinkommen macht die Leute ärmer statt zufriedener, weil sie ihre Sozialabgaben selbst bezahlen müssen, und der Klimawandel hat eine neue Flüchtlingskrise ausgelöst. Der Staat hat keine Kontrolle mehr und der mächtigste Mann der Welt ist ein Milliardär, der autonome Staaten, künstliche Inseln, auf dem Meer gegründet hat und sie wie Unternehmen führt: Dort leben dürfen die, die Anteile kaufen.

Das ist seine Alternative zum heutigen System: Staaten wie Unternehmen regieren, mit Einzelverträgen statt einer Verfassung. Dazu kommen noch Daten-Implantate, die den Menschen eingepflanzt werden und immer öfter einen "Nano-Tremor" auslösen, ein Zittern wie bei der Parkinson-Krankheit; außerdem künstliche Intelligenz und Chips, die Erinnerungen und Träume speichern können.

Kein trockenes Thesen-Theater

Andres Veiel packt viele Themen in dieses Stück. Ein bisschen weniger hätten auch gereicht. Es ist unmöglich, allen Strängen immer zu folgen. "Let Them Eat Money" ist ein Theaterabend für den Kopf. Er erzeugt ein Summen und Vibrieren im Oberstübchen im positiven Sinne. Aber es schwirrt am Ende auch einiges durcheinander.

Trotzdem ist der Abend kein trockenes Thesen-Theater. Das hat mit den vielschichtigen Figuren zu tun. Schwarz-weiß gibt es hier nicht, Politiker, EZB-Präsident, Milliardär - sie sind genauso wenig nur böse, wie die Aktivisten nur gut sind.

Aufgelockert wird die Inszenierung zwischendurch durch die Auftritte von Jürgen Huth, der einen arbeitslos gewordenen, durch Drohnen ersetzten Paketfahrer mit Berliner Schnauze spielt und wie ein Kommentator wirkt, durch den man kurz immer wieder mal auf das Geschehen drauf blicken und verschnaufen kann.

Überhaupt steckt viel Humor drin, was dann doch überrascht, aber dem Kopf gut tut. Es gab schon sinnlichere Theaterabende. Aber Veiel schafft es, eine Fülle der dringenden Fragen und Debatten unserer Zeit zu verdichten und das Publikum mit einem Denkauftrag zu entlassen.

Sendung: Inforadio, 29.09.2018, 07:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren