Toni (Kida Khodr Ramadan) in "4 Blocks" über den Dächern Berlins. (Quelle: Turner Entertainment Net)
Audio: Kulturradio | 11.10.2018 | Anke Sterneborg | Bild: Turner Entertainment Net

Serienstart | Zweite Staffel von "4 Blocks" - Neue Geschichten vom Paten von Neukölln

Der Mord an Intensivtäter Nidal R. am Tempelhofer Feld könnte auch aus der Serie "4 Blocks" stammen: Die zweite Staffel der Mafia-Geschichte aus dem Herzen Neuköllns geht am Donnerstag an den Start – und auch ziemlich zur Sache, findet Anke Sterneborg.

Runter vom Traumschiff! Raus aus Lindenstraße und Schwarzwaldklinik! Hinein in Welten voller Widersprüche, zu Figuren, die weder strahlende Helden noch finstere Bösewichte sind, sondern immer ein bisschen von beidem.

Die von TNT-Serie produzierte und vom Autorentrio Richard Kropf, Hanno Hackfort und Bob Konrad, kurz HaRiBo erdachte Serie "4 Blocks" war im letzten Jahr eine echte Revolution im deutschen Fernsehen. Eine Mafiaserie, die ganz authentisch, wild und gefährlich im Neuköllner Kiez verwurzelt war, in den vier Blocks um die Sonnenallee, über die der libanesische Pate Ali Hamady (Kida Kohdr Ramadan) regierte.

Deutscher Fernsehpreis für Neuköllner Alltagsgeschichten

Ganz en passant erzählt die Serie auch vom Neuköllner Alltag, mit Straßenkriminalität und Bandenrivalität, schwieriger Integration und schleichender Gentrifizierung, aber auch von den Hierarchien unter den Einwanderern.

Dafür gab es unter anderem den Deutschen Fernsehpreis, die Goldene Kamera und den Grimme-Preis. Und schon vor der Ausstrahlung stand fest, dass es weitergehen würde.

Bei den sieben neuen Folgen, die ab Donnerstag auf Sky gezeigt werden, haben die Hamburger Genrespezialisten Oliver Hirschbiegel und Özgür Yildirim die Regie von Marvin Kren übernommen, der als Executive Producer weiterhin an Drehbuch- und Besetzungsentscheidungen beteiligt ist.

Größere Dimensionen, härterer Tonfall

Bleibt die Frage, wie es weitergehen kann, wenn viele tot oder im Gefängnis sind.

Auch in der Serie ist ein Jahr vergangen, seit dem dramatischen, finalen Showdown, in dem Ali Hamady, genannt Toni, beinahe gestorben wäre. Am Anfang der ersten neuen Folge kehrt er zu seinen libanesischen Wurzeln zurück, betet an den Trümmern seines alten Lebens, um anschließend in Beirut neue Geschäfts-Kontakte zu knüpfen. "Berlin gehört mir" sagt sein Vorgänger - und wird von seinem Boss zurechtgewiesen. "Alis Vater ist Kurde wie mein Vater", argumentiert er. "Er besitzt Weitsicht und schaut in die Zukunft und hat mir ein Geschäft vorgeschlagen. Berlin gehört dem, der mein Vertrauen genießt."

Auch das gehört zum authentischen Flair der Serie: Dass alle miteinander in ihren Muttersprachen reden, die fürs deutsche Publikum untertitelt werden. Für den Vorgänger hat das neue Arrangement tödliche Konsequenzen, Ali kehrt mit guten Nachrichten in den heimatlichen Kiez zurück: "Beirut liefert das ganze Kokain ab jetzt an uns und zwar nur an uns. – Was ist mit Mohammad? – Vergiss Mohammad."

Statt um kleine Schutzgelderpressungen, Spielautomaten-  und  Drogengeschäfte auf der Straße geht es jetzt in größerem Maßstab um die ganz großen Deals. Nach 26 Jahren in Deutschland hat Ali Hamady endlich seinen deutschen Pass und die unbefristete Aufenthaltserlaubnis und versucht, seine Geschäfte zu legalisieren. Im Immobiliensektor vermietet er im Auftrag der Senatsverwaltung Flüchtlingsnotunterkünfte. 25 Euro pro Kopf und Tag, 90.000 Euro springen da pro Haus raus, rechnet Ali aus – außerdem ist es gut für das Image. Nur die deutsche Bürokratie nervt: "Wachowski will ne Liste von der Belegung mit allen Namen – wieso der ganze Stress?"

Überall wird an die Realität angedockt

An allen Ecken und Enden dockt die fiktive Serie an die Neuköllner Realität an, mit der Not der Flüchtlinge, denen Ali Notunterkünfte vermietet, für die sich seine getrennt lebende Frau engagiert. Aber auch mit der alltäglichen Gewalt auf den Straßen, man denke nur an die Ermordung des Clan-Mitglieds Nidal R., erst im September am Rande des Tempelhofer Feldes und die Beschlagnahmung von 77 Immobilen einer arabischen Großfamilie.

Insgesamt ist der Tonfall der Serie noch düsterer und härter geworden. Schauspieler und Laiendarsteller aus dem Kiez bringen auch jetzt wieder ihre eigene Geschichte und Sprache mit und sorgen für atmosphärische Glaubwürdigkeit, für street credibility. Auch der Ali-Darsteller Kida Khodr Ramadan, der selbst Sohn libanesischer Einwanderer ist und der Produktion im Kiez viele Recherche-Türen geöffnet hat, oder die Rapper Veysel Gelin und Massiv, deren rohe Energie den Bildschirm fast zu sprengen droht - erst recht wenn man weiß, dass Gelin tatsächlich wegen Körperverletzung mit Todesfolge mehr als drei Jahre im Gefängnis saß.

Die Polizei spielt nur eine Nebenrolle

Im Kontrast zum deutschen Fernsehkrimiprogramm spielt die Polizei in den 4 Blocks nur eine Nebenrolle - das war eine bewusste, frühe Entscheidung der Autoren. Als Kommissar Hagen Kutscha sät Masucci gezielt Unfrieden in der Community, beispielsweise im Gefängnis bei Alis wegen Polizistenmord angeklagtem Bruder Abbas:  "Wir wissen beide, was Sie getan haben Herr Hamady. Wir wissen aber auch dass ich eigentlich Ihren Bruder will. Sagen Sie gegen Ihren Bruder aus, geben Sie uns Informationen über die Geschäfte der Familie - und das Gericht wird das beim Urteil berücksichtigen.“ "Weißt Du, was der Unterschied zwischen uns und Euch Deutschen ist", kontert Abbas: "Wir verraten unsere Brüder nicht. Familie ist heilig.“

Die Strukturen klassischer Mafia-Geschichten über Freundschaft und Familie, Schuld und Ehre, Verrat und Rache sind unmittelbar und glaubhaft im Lokal-Kolorit verwurzelt. Wie Don Corleone und Tony Soprano verbindet auch Ali Hamady die Widersprüche von brutalem Paten und fürsorglichem Familienvater, so dass sich auch der durchschnittliche Zuschauer mühelos mit seinen Gefühlen und Sorgen identifizieren kann. Die böse Ironie der Geschichte ist, dass Ali Hamady, den Kutscha so unerbittlich jagt, der einzige im Clan ist, der am liebsten nur noch legale Geschäfte machen würde -  vor allem um seine Frau und seine Tochter nicht zu verlieren.

"4 Blocks", seit Donnerstag bei TNT Serie, abrufbar über Sky Ticket.

Sendung: Kulturradio, 11.10.2018, 16:10 Uhr

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