Archivbild: Konstantin Gropper von Get Well Soon live in der in der Hamburger Elbphilharmonie. Hamburg, 10.08.2018 (Quelle: Imago/Reimers)
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Audio: Inforadio | 02.10.2018 | Jakob Bauer | Bild: Imago/Reimers

Konzertkritik | Get Well Soon - Die große Horrorschau in der Volksbühne

Auf Liebe folgt Horror - zumindest bei Get Well Soon, dem Ein-Mann-Projekt des Mannheimer Musikers Konstantin Gropper. In der Volksbühne stellte er sein neues Werk "The Horror" vor. Ein einmalig ungewöhnlicher Abend, meint Jakob Bauer.  

Angst, Traumata, Horror - es sind starke Emotionen, die Konstantin Gropper alias Get Well Soon mit seiner "Grand Horror Show" auf die Bühne bringen will. Das Ambiente ist dementsprechend stimmungsvoll: Drei große, schwarzweiße Banner hängen von der Decke, mit alptraumartigen Gestalten darauf: Schlangen, die sich um Schwerter winden, eine Erscheinung mit mehreren Köpfen, ein Drache. Sie sind im düsteren Blau des Lichts nur schemenhaft zu erkennen, als in der mucksmäuschenstillen Volksbühne die 14 Musiker zur Intromusik auf die Bühne schleichen.

Songs mit der Wucht eines zweistündigen Filmdramas

Klingt ein bisschen nach norwegischer Death-Metal Band, dabei geht's um den neuesten Streich von Konstantin Gropper. Gropper ist Absolvent der Mannheimer Popakademie und wird seit seinem ersten Album "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" von 2008 gerne und regelmäßig als "German Wunderkind" bezeichnet wird. Die großen Gesten und Themen waren schon immer des gerade 36 Jahre alt gewordenen Musikers Ding.

Songs, die die gleiche Schwere und Wucht wie ein zweistündiges Film-Drama haben, vorgetragen mit warmem, klarem Bariton und in vielen Schichten ambitioniert musikalisch arrangiert. Nachdem sich sein letztes Album "Love" ganz um die Liebe drehte, ist es jetzt bei "The Horror" eben der Horror – ein Album, bei dem Gropper so stark auf orchestrale Klänge setzt wie noch nie bisher.

Alpträume und Ohnmacht

Und die Get Well Soon Big Band spielt groß auf: Ein Streicher- und ein Bläserquartett sind dabei, Schlagzeug, Gitarre und Bass, Vibraphon, Orgel, Harmonika, einmal sogar ein Geräuschemacher und in der Mitte von Allem: Konstantin Gropper im grauen Anzug, der traumwandlerisch über die Bühne schwebt oder mit geschlossenen Augen in schönster Crooner-Manier von seinen Alpträumen singt. Sie handeln von der Vergänglichkeit der Kulturen, von sprich- und wortwörtlicher Ohnmacht, oder einfach von der Angst, nachts im falschen Viertel zu joggen.

Die neuen Kompositionen verlangen den Zuschauern viel ab, sie haben bewusst nicht die eingängigen Melodie von früher, sind sperrig, haben zum Teil mehr mit Zeitgenössischer Musik gemein als mit Pop. Das verlangt Konzentration, die das Publikum allerdings gerne vollumfänglich aufbringt. Die Gäste schätzen Gropper eben für seine Kantigkeit, die ihn davon abhält, im Kitsch zu ersaufen. Umso größer sind die Momente der Entspannung, wenn die Band ältere Hits anstimmt. Großartige Hits, die es einem ganz warm ums Herz werden lassen. Gänsehaut-Hits wie Roland, I Feel You - einer Hommage an Roland Emmerich, einen Mann, der die inszenierte Katastrophe ähnlich schätzt wie Konstantin Gropper.

Widerborstigkeit und triefender Pathos

Gropper vermählt Pop mit orchestraler Musik und er macht das um Lichtjahre besser, als die unzähligen, billigen Crossover-Projekte dieser Welt. Das funktioniert auf seinen Platten ganz hervorragend – wenn man selbst nicht dazu neigt, sich zu schnell von großen Gefühlen erschlagen zu lassen.

Live klappt das zwar an sich auch, aber die Mischung aus totaler Konzentration bei den komplexen Stücken und entrücktem Ausrasten, wenn manche Songs in Gitarrengewittern explodieren, sind schon ziemlich kompliziert für die Publikumsdynamik. Der Saal ist bestuhlt und bei vielen Stücken ist es auch gar nicht sinnvoll zu stehen – die hört man mit dem Kopf. Andere sind pure Körperlichkeit, aber kaum jemand traut sich aufzustehen und durchzudrehen, weil ja gleich wieder eine Solo-Stück fürs Bläserquartett kommen könnte.

Und so braucht es dann den Maestro himself, Konstantin Gropper, der bei der letzten Zugabe alle zum Aufstehen motiviert, sodass es sich das erste Mal so richtig wie ein Pop-Konzert anfühlt. Diese Ambivalenz ist nichts unbedingt Schlechtes, sie spricht ja für die Kunst und den Künstler, aber sie macht das Erlebnis auch nicht einfacher. Einmalig ungewöhnlich ist der Abend aber so oder so: Keiner vereint Widerborstigkeit und triefenden Pathos in Deutschland zurzeit so feinsinnig und mit so viel Leidenschaft wie Get Well Soon.

Sendung: Inforadio, 02.10.2018, 06:55 Uhr

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