Archiv: Sophie Rois bei ihrer Dankesrede zur Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Rings am 17.03.2018 in Bensheim (Quelle: imago/masterpress)
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Theaterkritik | "Have a Cup of Tea mit Sophie Rois" - Ohne Scheu, aber mit Tee

Sophie Rois präsentiert am Deutschen Theater Berlin einen Abend mit Kinks-Songs und sexuell aufgeladenen Erzählungen von Ian McEwan. Ein gelungener nächster Schritt in der Annäherung des ehemaligen Volksbühnen-Stars an das neue Haus. Von Fabian Wallmeier

Drei weiße Stühle mit samtroten Polstern stehen auf der Vorderbühne des Deutschen Theaters um einen kleinen weißen Biedermeiertisch. Zwei Gitarristen nehmen Platz, dann öffnet sich kurz der Vorhang - und Sophie Rois tritt hervor. Lächelnd und kampfeslustig macht sie ein paar kurze Schritte nach vorn, verbeugt sich kurz, nimmt auch Platz - und los geht's.

Etwas später am Abend: Rois reckt den Kopf, als wollte sie nach den höheren Tönen schnappen, die nun an der Reihe sind. "David Watts" singt sie, einen homoerotisch angehauchten Song der Kinks über einen verehrten Mitschüler. Sophie Rois singt nicht im klassischen Sinne schön. Sie hat aber auch nicht die immer leicht blasierte freundliche Noblesse, mit der Ray Davies die wohlklingenden, aber oft hundsgemeinen Lieder der Kinks sang. Vielmehr intoniert Rois mit schutzloser, fast kindlich erscheinender Direktheit, ohne Scheu vor falschen Tönen - und dabei so unmittelbar berührend wie schon in ihrem großen Auftritt in Frank Castorfs Abschieds-"Faust" an der Berliner Volksbühne, in dem sie herzzerreißend Schuberts "Leiermann" sang.

Aalreusen und Ratten

Die natürlich nur vermeintliche kindliche Unschuld ihres gesanglichen Ausdrucks steht in einem schönen Kontrast zur vollendeten Kratzbürstigkeit, mit der Rois die Texte von Ian McEwan liest. Die haben es ohnehin in sich: Im ersten, "Erste Liebe, letzte Riten", geht es um eine junge Liebe, eine Initationsgeschichte mit Sex und Scham, Körperflüssigkeiten und Gerüchen, Aalreusen und einer erlegten Ratte. Rois steigert sich in ihrem Vortrag immer weiter, sie rückt auf ihrem Stuhl vor, ihre Stimme überschlägt sich - und als am Höhepunkt der Geschichte die Ratte "gespalten wie eine reife Frucht" am Boden liegt, bricht Rois plötzlich ab und nimmt in aller Ruhe einen Schluck Tee.

Dieser wohlweislich gesetzte Effekt zeigt, worum es hier geht: Klar, schon auch um McEwan und die Kinks - aber mindestens genauso sehr um die Frau, die mit im Titel des Abends steht: "Have a Cup of Tea mit Sophie Rois" heißt das Programm, benannt nach einem Song der Kinks, der dann allerdings gar nicht gesungen wird. Er besteht aus fünf Kinks-Songs, gesungen von Rois und begleitet von Mark McRae und Clemens Maria Schönborn an der Gitarre, und der Lesung zweier früher Erzählungen von Ian McEwan aus den 1970er Jahren. Die Lieder werden in die Erzählungen hereingeschnitten, sie kommentieren und konterkarieren sie.

Am Ende steht eine Vergewaltigung. In McEwans "Das Hausmittel", einer in ihrer Heiterkeit heutzutage höchst heikel anmutenden Geschichte, drängt ein Frühpubertierender seine zehnjährige Schwester zum "Vati und Mutti"-Spielen mit allen Konsequenzen. Eingerahmt wird die finale Inzestpassage vom treibenden, fordernden Beat des bekanntesten Kinks-Songs "You Really Got Me" und einer besonders bittersüß-melancholischen Version von "Waterloo Sunset". Rois geht in die Vollen, wenn sie singt und liest. Sie scheut sich nicht davor, die große Komik des Tabus brechenden Textes und die damit verknüpften Irritationen auszukosten. Aber sie hält ihn sich mit kleinen distanzierende Details auch immer wieder gerade so weit vom Leibe, dass sie sich zwar nicht darüber erhebt, ihn sich aber auch nicht zu eigen macht.

Nächste Pollesch-Inszenierung am DT ohne Rois

"Have a Cup of Tea" ist Rois' zweiter Abend am DT. Ihren Einstand feierte sie zum Spielzeitauftakt zusammen mit René Pollesch. In "Cry Baby", einem polleschtypisch hellwachen, stark diskursschleifigen und sehr komischen Stück, nähern sie sich nach vielen, auch gemeinsamen, Jahren an der Volksbühne dem neuen Theaterraum an: Auf der Bühne verlängern zusätzliche Balkone den im Vergleich zur Volksbühne viel traditionelleren, schickeren, auch biedereren Theatersaal. Rois räkelt sich auf einem opulenten Bett und kräht erst einmal, wie müde sie doch sei. "Cry Baby" ist nicht Polleschs und Rois' bester Abend - aber eine selbstbewusste, schöne erste Annäherung an das neue Haus.

Der Kinks-McEwan-Abend wurde nicht für das DT entwickelt, sondern feierte im Sommer auf Schloss Neuhardenberg Premiere. Dennoch passt der Abend perfekt hierher - und er schreibt in seiner klugen, samtroten Gemütlichkeit mit Widerhaken auch Rois' Annäherung an das DT fort. Wie diese nun konkret weiter geht, ist übrigens noch nicht zu erfahren. Fest steht nach Auskunft des Hauses aber, dass sie als Ensemble-Mitglied in dieser Spielzeit in weiteren Inszenierungen zu sehen sein wird - und dass das zweite geplante Pollesch-Stück nicht dazu gehören wird. Na dann: Willkommen am DT, Sophie Rois!

Beitrag von Fabian Wallmeier

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