Saenger Sonya Yoncheva als Medea am 1.10.2018 in der Berliner Staatsoper (Bild: imago)
Audio: ARD-Kulturreporterin Maria Ossowski | 08.10.2018 | Bild: imago stock&people

Opernkritik | "Medea" in der Staatsoper Berlin - Sagenhafter Scheidungskrieg in der Packstation

Kräftig entstaubt und neugedeutet: An der Berliner Staatsoper hat am Sonntag Andrea Breths Fassung von Cherubinis "Medea" Premiere gefeiert. Maria Ossowski prophezeit: Das wird ein Hit der neuen Spielzeit.

Was für eine Frau! Welch eine Wut, welch ein Furor, welch ein Schicksal! In 300 Kunstwerken haben sich Maler, Komponisten und Dichter an Medea abgearbeitet, der betrogenen Zauberin, die ihre Kinder opfert, um den untreuen Gatten zu bestrafen. In der Oper überstrahlte bislang eine Sängerin jede moderne Interpretation: Maria Callas schien lange die einzige, die dieses rachedurstige Wahnsinnsweib aus der griechischen Sagenwelt ewiggültig und perfekt verkörperte. 

Luigi Cherubinis Meisterwerk, 220 Jahre alt, haben Andrea Breth und Daniel Barenboim jetzt für die Staatsoper kräftig entstaubt und neu gedeutet. Breth hat die langen französischen Versdeklamationen radikal gekürzt. Sie hat den antiken Stoff in garagenartige Lagerhallen verlegt, in denen Kunstwerke in Kisten vor sich hingammeln und jede Figur schrecklich unbehaust über die Drehbühne irrt.

In einer kalten Welt, halb Zollfreilager, halb DHL-Packstation, entwickelt sich der mörderische Scheidungskrieg samt Sorgerechtstreit zwischen Medea und dem abtrünnigen Jason, flankiert von Vater Kreon, der Nebenbuhlerin Dircé und weiteren Rollen. Die bleiben aber, und jetzt kommen wir zum Kern des Abends, Nebenfiguren. Das liegt an ihr, an der Medea der Sonya Yoncheva.

Yoncheva streichelt und mordet

Die bulgarische Starsopranistin mit dem dunklen Timbre rockt die Show, als violett gewandeter finsterer Racheengel girrt sie und flirrt sie, becirct und beklagt, jammert und wütet. Sie intrigiert und verliert so kraft- und seelenvoll, so musikalisch und stimmlich überragend, dass sie alles und jeden auf der Bühne an die rostig kahlen Wände singt. Yoncheva kriecht und kauert, flieht und schreitet, streichelt und mordet.

Breth inszeniert sie als Bettelweib und Flüchtling, als die chancenlose Inkarnation aller Frauenschicksale, die in der Sagen- und Opernwelt sterben müssen, um das Patriarchat zu stabilisieren. Sie hat die Wahl: entweder Asyl an fremden Ufern oder ein grausamer Tod. Opfer ist sie ohnehin, aber dann sollen die anderen es auch sein. Medea tötet radikal und konsequent und zum Schluss sich selbst. Der Palast brennt, die Kinder und die Nebenbuhlerin sind tot, Medea stirbt und siegt.

Ein kommender Hit der Spielzeit

Großartig begleitet von der Staatskapelle, die den perfekten Cherubini-Ton gefunden hat, baden Yoncheva und das Ensemble zum Schluss im Jubel des Publikums. Andrea Breth, die feinsinnige und seelenkluge Regisseurin, muss zwar ein paar ungerechtfertigte Buhrufe ertragen, insgesamt aber wird "Medea" ein Hit dieser Spielzeit werden.

Sendung: Kulturradio, 08.10.2018, 08:10 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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1 Kommentar

  1. 1.

    Schade, dass die anderen Protagonisten (bis auf Marina Prudenskaya) nicht auf die Höhe von Sonia Yoncheva gewesen sind! Die Inszenierung war weit verfehlt: Sie diente weder der Musik, noch der Handlung und erzeugte mir langweile. Und Barenboim? Warum müßte er den Applaus als erster (vor Yoncheva)suchen? Für mich ein Faux Pas!!! Fazit: Die Magie hat nicht gewirkt. Sonia Yoncheva hat aber den Abend gerettet.

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