Schornsteine der ehemaligen Prägeanstalt der Alten Münze (Bild: dpa/Britta Pedersen)
Video: rbb24| 20.11.2018 | Nachrichten | Bild: dpa/Britta Pedersen

Kulturstandort am Berliner Holzmarkt - Neue Ausstellung startet Findungsprozess für Alte Münze

Kleingeld wird hier nicht mehr geprägt. Aber was aus der Alten Münze am Berliner Molkenmarkt werden soll, ist noch nicht klar - nur dass sie der Kultur Platz bieten soll. Eine Ausstellung blickt jetzt erst mal zurück in ihre Geschichte. Von Magdalena Bienert

Bis 2006 wurde in der Alten Münze am Molkenmarkt in Berlin noch der Euro geprägt. Seit dem Umzug der Staatlichen Münze sollte der historische Standort in Mitte mehrmals verkauft werden. Der Berliner Senat hatte diesen Sommer auf Grundlage eines Beschlusses des Abgeordnetenhauses angekündigt, die Alte Münze zu einem Kultur- und Kreativstandort zu entwickeln. Das Ganze soll in einem partizipativen Prozess ablaufen. Die am Montag eröffnete Ausstellung "Alte Münze - Neu geprägt" ist der Auftakt dazu.

Von der Berliner Münze über die deutsche Reichsmünze bis zur Ostmark, der D-Mark und schließlich bis zum Euro – die historische Münzprägeanstalt an der Spree hat Tradition. Aber neben den datierten Fakten hat Eberhard Elfert, Historiker und Kurator der Ausstellung, weit mehr bei seinen Recherchen entdeckt.

"Im zweiten Weltkrieg wurde hier Kunst eingelagert, die komplett verbrannt ist. Oder wer zu DDR-Zeiten Zahngold brauchte, konnte hier seinen Familienschmuck abgeben und hat dann etwas später per Post das Zahngold erhalten", zählt Elfert auf. "Meine Lieblingsgeschichte ist aber die der erfolgreichen Konsumgüterproduktion an diesem Ort. Man hatte ganz viel ausprobiert und kam dann darauf, was die Schuhindustrie brauchte: Pfennigabsätze für Frauenschuhe. Das war der Renner. Hier wurden mehr als acht Millionen Pfennigabsätze, also diese kleinen Metall-Plättchen, produziert."

Die Alte Münze, Berlin (Quelle: imago/PEMAX)

"Hier wird Geschichte erlebbar"

Eberhard Elfert hat Bilder, Fakten und Anekdoten auf Schautafeln zusammengestellt, die den Besuchern recht nüchtern und klar diesen spannenden Ort erklären. Elfert, der in den kommenden zwei Wochen Führungen über das Gelände anbietet, ist froh, dass die Münze nie an einen Investor verkauft wurde. "Ich hatte schon Menschen bei meinen Führungen dabei, die mussten zu DDR-Zeiten hier ihren Familienschmuck abgeben, den einfach in eine Schüssel schmeißen. Diese Menschen wurden hier wirklich abschätzig behandelt, obwohl sie ihren Familienschmuck hergeben mussten, um Zahngold zu bekommen", sagt Elfert. "Daher finde ich es wichtig, dass wir in diesen partizipativen Prozess offen reingehen, mit Augenmaß, mit Respekt - und auch die Menschen ernst nehmen, die hier gearbeitet haben. Hier wird Geschichte erlebbar."

Seit Jahren wird das Areal von den Spreewerkstätten zwischengenutzt, einer interdisziplinären Gemeinschaft bestehend aus rund 45 Künstlern. Sie haben sich den von der Stadt stiefmütterlich behandelten Ort nach und nach erobert. Inzwischen gibt es hier eine Tanzschule, Gardening-Projekte, ein Gemeinschaftscafé und regelmäßige Ausstellungen, aktuell eine über die 1990er Jahre in Berlin. Auch die Spreewerkstätten werden von Januar bis Juni 2019 an den geplanten Angeboten teilnehmen, die die Kulturverwaltung gemeinsam mit der Berliner Immobilienmanagement Gesellschaft (BIM) ansetzen möchte, um herauszufinden, was die freie Szene braucht und wie alle Bedürfnisse an diesem Ort zusammen zu bringen sind.

Der Innenhof und Garten der Berliner Spreewerkstätten (Bild: Spreewerkstätten)Der Innenhof und Garten der Spreewerkstätten.

Freie Szene könnte frühestens 2023 Räume beziehen

Laut Kultursenator Klaus Lederer sind alle Kreativen herzlich eingeladen, an dem Findungsprozess teilzunehmen. "Prinzipiell können sich alle hier einbringen, die sich für die Stadtkulturszene interessieren und die Kulturschaffende sind", sagt er. "Die BIM und wir sind diejenigen, die diesen Prozess steuern - und wir wollen bis Juni in Workshop-Verfahren zu einer gemeinsamen Idee kommen. Danach muss das Sanierungskonzept stehen - und dann müssen wir 2020/2021 anfangen - dann wird es den ersten Spatenstich geben." In den Keller-Arealen schwebe ihm "sicher eher Musik" vor, führt der Senator aus, "in den größeren Gebäuden kann es sich mit den darstellen und bildenden Künsten mischen und es muss eine Aufenthaltsqualität geben. Vielleicht zur Spreeseite hin ein Café, Menschen sollen sich hier wohl fühlen. Hier steckt noch so viel vom urigen Berlin."

Das soll möglichst so bleiben. Mit den 35 Millionen Euro, die zur Sanierung vom Land zur Verfügung gestellt werden, soll es keine Luxussanierung geben, die Mieten moderat bleiben. Auch Quersubventionen sind denkbar – Akteure, die mehr zahlen können, gleichen das Defizit kleinerer Künstler aus. Eine kommerzielle Nutzung lehnt der Kultursenator ab. In frühestens fünf Jahren könnte die freie Szene hier Ateliers und Probenräume beziehen.

Wibke Behrens von der "AG Alte Münze der Koalition der Freien Szene“, die die Interessen der Berliner Künstler vertritt, wird den angestrebten partizipativen Prozess kritisch verfolgen. "Bis die Frage geklärt ist, wie genutzt wird, muss geschaut werden, was dieser Kulturstandort insgesamt hergibt. Das ist eher ein politischer und ein gesellschaftlicher Prozess", sagt sie. "Das ist jetzt ein sehr konkretes Projekt, wo es sich zeigt, was die Politik in den letzten Jahren verstanden hat und was es an neuer Liegenschaft und an neuer Kulturpolitik braucht."

Bis es soweit ist, hat die aktuelle Ausstellung "Alte Münze - Neu geprägt" bis zum 3.Dezember immer 14 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei und Eberhard Elfert bietet täglich um 15 Uhr Führungen über das Gelände an. Ab Januar soll es weiterführende Veranstaltungen geben.

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