Schauspielerin Corinna Kirchhoff ruft die Europäische Republik aus (Bild: rbb|24)
Audio: Inforadio | 10.11.2018 | Susanne Bruha | Bild: rbb|24

European Balcony Project - Künstler und Intellektuelle rufen die Europäische Republik aus

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg haben Künstler und Intellektuelle in ganz Europa symbolisch die "Europäische Republik" ausgerufen - an über 100 Orten. Das neue Europa werde keine Grenzen und keine Nationen mehr kennen, heißt es in ihrem Manifest.

Am Samstagnachmittag, zum Abschluss einer zweitägigen Europa- und Städtekonferenz in Berlin, wurde in ganz Europa die Europäische Republik ausgerufen. Natürlich nur symbolisch, aber mehr als 150 Kulturinstitutionen und Bürgergruppen verleihen dem "European Balcony Project" [externer Link] entsprechendes Gewicht.

In einem Manifest, das von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, dem Schriftsteller Robert Menasse und dem Theatermacher Milo Rau verfasst wurde, fordern die Initiatoren ein Europa ohne Grenzen und Nationen - und gleiche Rechte für alle Bürger. Menasse ist überzeugter Europäer und hatte 2017 für seinen Europa-Roman "Die Hauptstadt" den Deutschen Buchpreis erhalten.

Rotes Rathaus: Christian Dieterle verliest Manifest

"Wir erklären alle, die sich in diesem Augenblick in Europa befinden, zu Bürgerinnen und Bürgern der europäischen Republik. Wir nehmen unsere Verantwortung für das universale Erbe der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte an, und geloben, sie endlich zu verwirklichen", heißt es in dem Text, den der Schauspieler Christian Dieterle mit einem Megaphon vor dem Mund vom Balkon des Roten Rathauses verliest.

Weiter: "Der Europäische Rat ist abgesetzt. Das Europäische Parlament hat gesetzgeberische Gewalt. Es wählt eine europäische Regierung, die dem Wohle aller europäischen Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen verpflichtet ist. Es lebe die Europäische Republik!“

Nach der deutschen folgen die englische, französische und italienische Übersetzung. Als Christian Dieterle fertig gelesen hat, werden Flugblätter mit dem Manifest vom Balkon des Rathauses geworfen und eine europäische Flagge rausgehängt.

 

Performance will Debatte noch vor den EU-Wahlen anstoßen

Die Aktion bezieht sich explizit auf die Ausrufung der Weimarer Republik und mehrerer anderer Republiken unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. In Berlin fand die Ausrufung gleich an sechs Orten statt, unter anderem auf dem Balkon des Roten Rathauses. Weitere Aktionen waren auch in Hamburg, Düsseldorf und Köln sowie an mindestens 100 weiteren Orten in Europa geplant, dabei sollte die Ausrufung zumeist von Theaterbalkonen aus oder auf öffentlichen Plätzen erfolgen. Vom Balkon des Hamburger Thalia Theaters verlasen Schauspieler das von Guérot und Menasse verfasste Manifest.

Ziel des "European Balcony Project" als künstlerisch-politische Performance sei eine möglichst breitenwirksame Debatte über die Zukunft Europas noch vor den EU-Wahlen im Mai 2019, hieß es bei der Pressekonferenz in Wien.

Binnenmarkt und Euro als "Beute einer neoliberalen Agenda"

In ihrem Manifest prangern Guérot, Menasse und Rau den "Verrat" an der europäischen Idee an, die vor allem durch den Binnenmarkt und eine gemeinsame Währung begründet sei. "Der Binnenmarkt und der Euro konnten ohne politisches Dach zur leichten Beute einer neoliberalen Agenda werden, die der Idee der sozialen Gerechtigkeit widerspricht", heißt es dort. "Wir haben keine Rechtsgleichheit für Bürger", sagt Guérot.

An die Stelle der Souveränität der Staaten soll laut Manifest die Souveränität der Bürger treten. Es gehe um den Grundsatz der allgemeinen politischen Gleichheit - jenseits von Nationalität und Herkunft.

Corinna Kirchhoff vom Berliner Ensemble ruft auf der Weidendammbrücke in Berlin die Europäische Republik aus

Schauspielerin Corinna Kirchhoff ruft die Europäische Republik aus (Bild: rbb|24)
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Kommentar

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Antwort auf [Helmut Krüger] vom 11.11.2018 um 17:40
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29 Kommentare

  1. 29.

    Sie wollen also behaupten Nicolas Guilhot, ein scharfer Kritiker der Soros-Gemeinde, ist ein Verschwörungstheoretiker? Wissen Sie, Argumente sollten schon stichhaltig sein, Vertrauen zu Netzwerker*innen so aus dem Bauch heraus bezeugt bloß eine schlicht apolitsche Haltung.

  2. 28.

    Nö. Es gibt ein Klima des Vertrauens und ein Klima, das von vornherein von Misstrauen ausgeht. Ich bin ein Befürworter des Ersteren, denn die Steigerung des Zweiten sind Verschwörungstheorien. Des Ersteren nicht.

  3. 27.

    Da mögen Sie Recht haben. Wo Soros mitspielt, ist vieles denkbar.

    Schließlich hält im Augenblick Merkel eine europäische Verteidigungsgemeinschaft auch für denkbar. Trump zu Macron und seiner "europäischen" Wehr: "Pay for NATO or not!”. Frankreich peilt bis 2023 Nato-Ziel für Verteidigungsausgaben an. Bei Merkel noch in weiterer Ferne. Denkt Merkel an einen weiteren Bundeswehrhaushalt in gleicher Höhe?

    Trump übersetzt: Nerv mich nicht, erfülle erstmal die vertraglichen Verpflichtungen, oder die USA werden erwägen auszusteigen.

    Und Merkels "europäische" Ankündigungen und Lösungen? Verfallsdatum der Äußerung im Tagesbereich. Merkels "Europäische" Lösung bei der Migration ist im Nirvana verschwunden.

  4. 26.

    In Anlehnung an die Antwort von @Schulze: Über folgendes zu berichten, ist Aufgabe der Medien. Und bitte, wo sind denn jetzt "Intellektuelle" zu verorten????
    "Linke Kritiker von Soros und seiner Open Society Foundations kritisieren, dass diese Institutionen vorwiegend dazu dienen würden, die existierende gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung zu stärken. Nicolas Guilhot sieht in den Soros-Stiftungen eine Fortführung der Geschichte kapitalistischer philanthropischer Stiftungen wie der Ford Foundation und der Rockefeller Foundation. Guilhot zufolge hat die durch solche Stiftungen ausgeübte Kontrolle über die Sozialwissenschaften diese entpolitisiert und eine kapitalistische Sicht von Modernisierung bestärkt. Trotz seiner Kritik an schlecht funktionierenden freien Märkten sei Soros eigentlich ein Neoliberaler, der daran glaubt, dass konkurrierende Märkte die beste Möglichkeit sind, eine Gesellschaft zu ordnen [...]." Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Society_Foundations

  5. 25.

    Zum Ihrem ersten Absatz: haben wir wirklich nichts aus der Geschichte gelernt??? Eine Propaganda-Masche, und wenn sie auf den ersten Blick noch so sympathisch daher kommt, kritisch zu hinterfragen, ist in einer Demokratie doch eigentlich so etwas wie Bürgerpflicht.

  6. 24.

    "Wirrköpfe". Nö. Wer wie Frau Guérot in der Open Society Initiative for Europe (OSIFE, Soros)ist, der weiß, was er tut. Das sind Überzeugungstäter.

  7. 23.

    Na ja, zugegebenermaßen habe ich mich mit der Person Ulrike Guérot bis jetzt noch nicht beschäftigt. Ich weiß auch garnicht, ob es immer so gut ist, sich mit der vermeintl. "wirklichen" Motivation der jeweils Handelnden zu beschäftigen, auch wenn das ersteinmal "naiv" klingt.

    Geäußert habe ich mich ja gerade nicht, wie ein Konzept der Ulrike Guérot oder von jemand anderem direkt umgesetzt werden könnte, sondern welche Anstöße in einer weitergehenderen europäischen Perspektive liegen könnten.

    Wie hier beschrieben, sehe ich den Nationalstaat allenfalls als "notwendiges Übel" an, allerdings bei Wertschätzung regionaler und eher näherungsweise verstandener überregionaler Kulturen, von denen eine dann auch schon mal als deutsch bezeichnet werden kann.



  8. 22.

    Die Leute werden immer abgedrehter. Jetzt werden eben noch auf gleich mehreren Ebenen unsinnige Gedankenkonstruktionen und Unmöglichkeiten ausgerufen. Nachdenken ist ist unmodern geworden. Und das immerhin gleich gut organisiert an 100 Orten... Dafür reicht die Zeit dann. ^^

  9. 21.

    Da haben sie etwas übersehen oder missverstanden. Es geht um die Aufteilung Europas in Regionen, fern vom Nationalstaat. Katalanien den Katalanen usw. Sie selbst argumentiert als Rheinländerin, die die Westfalen loswerden will. Insofern weiß ich nicht, ob das wirklich eine Verabschiedung völkisch-biologistischen Denkens und die Überwindung mentaler Unterschiede bedeutet, danach sieht es eher nicht aus. Diese Kräfte sollen dann aber vereint unter einer zentralistisch geführten "Republik Europa" gehändelt werden. Beim nächsten Rechtsruck winkt eine Diktatur, denn das in den nächsten Jahrzehnten noch ansteigende Flüchtlingsproblem ist damit nicht gelöst. Ohne eine neue gerechte Welthandelsstruktur, die für uns hier lebende schlicht Verzicht bedeutet, kann eine europäische Demokratie nicht überleben, und wer will schon verzichten ...

  10. 20.

    Danke für die Verlinkung des Interviews (Kasten links), Dort ein Bände sprechendes Zitat der Demokratie-Forscherin:
    "Ich könnte mir vorstellen, ein Stück des westlichen Polens zu der Region mit Berlin und Brandenburg hinzuzunehmen."
    Was würden wohl die Polen dazu sagen? Das ist der Dame entweder wurscht, dann denkt sie nach dem Motto "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" - Hilfe!, oder sie hat keinen blassen Schimmer davon, was Polen leidvoll durchgemacht hat, bis es dort ankam, wo es jetzt als unabhängiger Staat steht. Solche "Intellektuellen" befördern vollkommen abwegige Ideen, hinter denen bestimmte Interessen stecken. Mal die Kollegen aus anderen Disziplinen fragen, bevor man solch gedankenloses, rein subjektiv bestimmtes Ideengestrüpp als duftiges Blumenbouquet verkauft. Dass so viele Theatermacher sich davon beeindrucken lassen, macht ratlos.

  11. 19.

    Was ist der Unterschied zwischen der Nation Europa und der Nation Deutschland? Und worin besteht der Sinn des Ganzen? Eine Nation ist nicht per se etwas schlechtes,so wie manche offenbar glauben.

    Der Binnenmarkt ist nicht das Problem,es ist der Euro,der den Nationen viel zu früh übergestülpt wurde und noch zu weiteren Problemen führen wird. Ein gemeinsames politisches Gerüst käme erst recht viel zu früh,ist aber für eine gemeinsame Währung nötig. Mir würde jedenfalls kein Nachteil einfallen,wenn jede Nation erstmal wieder ihre eigene Währung bekommen würde.

    Der Faktor Zeit wird auch bei diesem Thema mal wieder ignoriert. Jüngere sind viel europafreundlicher als Ältere.

  12. 18.

    Ein Europa ohne Grenzen zu fordern und andererseits den Binnenmarkt und den Euro zu verteufeln ist dermaßen naiv, dass es einen überzeugten Europäer nur schütteln kann. Was passiert, wenn Sie das eine vom anderen trennen wollen, sehen Sie gerade bei den Brexit-Verhandlungen am Beispiel Nordirland. Bemerkenswert ist, dass sich extrem Linke wie Rechte (z.B. Trump) beim Thema Protektionismus weitgehend einig sind, was auf eine ziemliche ökonomische Ahnungslosigkeit schließen lässt.

  13. 17.

    Wirrköpfe

    Für eine "europäische Republik" fehlen jegliche grundlegende Voraussetzungen politischer und wirtschaftlicher Art.

  14. 16.

    In der Tat: Ich denke, das ist ein Anstoß, keine Forderung nach 1 : 1-Umsetzung.
    In einer Zeit des Re-Nationalismus, "x, y, z first" und der zumeist dann doch unausgesprochenen Annahme, es gäbe ein quasi biologisches Volk innerhalb von per Abkommen gezogener Grenzen, ist eine derartige Iniative wunderbar.

    Was ist deutsch?
    Wird diese Frage im Sinne einer messerscharfen Definition gestellt, so ist die Antwort auf diese Frage so vielfältig wie diejenigen, die diese Frage stellen. Das lässt sich auch bei allen anderen definierten Nationen sagen.
    Wird diese Frage im Sinne einer "Näherung" gestellt, können großartige Ergebnisse dabei zutage treten. Weil keine Streit darüber geführt wird, wie es denn AUSSCHLIESSLICH ist.



  15. 15.

    Das Wort "grenzwertig" trifft es offenbar am besten.
    Es belegt nur, dass im Sinne der Meinungsfreiheit auch diese Meinung veröffentlicht werden muss, sagt aber nichts über die Qualität der Meinungsäußerung aus.

    Die ist nämlich null, weil kein Argument genannt wurde. Eine Idee als Schwachsinn zu bezeichnen, ist eine subjektive Wertung, die reihum 80 MIll. Bundesbürger so oder anders vornehmen könnten, kein Argument, auf das andere etwas erwidern könnten. Dialog oder billiges Ablassen, das scheint hier die Frage zu sein.

  16. 14.

    Wo wären wir ohne Querdenken heute.
    Nicht alles, was gefordert wird, wird in dieser Form kommen und das ist auch gut so.
    Lasst uns über die Forderungen diskutieren und nicht streiten.

  17. 12.

    Eine grds. schöne Idee, betont sie doch Werte wie Gleichwertigkeit von Menschen in all ihrer Vielfalt sowie Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Die seitens Politik und nicht zuletzt seitens Medien teils starke und einseitige Reduktion politischer Handlungen und Prozesse in der EU auf ökonomische Kriterien hat den Wertekanon ausgeblendet. Wie ernsthaft kann dann noch die (Lobbyismus)Kritik an oft fragwürdigen Subventionen, Begünstigungen, Steuersparmodellen für Megakonzerne ausfallen, wenn man selbst nur noch im Ökonomismus denkt?

    Weit schwerwiegender als wirtschaftliche Bedingungen sind die menschenrechtlichen Haltungen und Handlungen diverser Staaten. EU-Ländern, in denen Geflüchtete ankommen, wird unsolidarisch und verantwortungslos die "Dublin-III"-Karte gezeigt und in manchen Ländern werden Teile der Menschenrechte offen, verbal in Frage gestellt.

    Die Idee ist aber leider auch eurozentristisch. Internationale Solidarität sieht anders aus.

  18. 11.

    „Das neue Europa werden keine Grenzen und keine Nationen mehr kennen, heißt es in ihrem Manifest.“
    Diese „Künstler und Intellektuellen“ (was für ein Glück, dass sich jeder so bezeichnen kann) zeigen, dass sie unter starkem Realitätsverlust, wenn nicht Realitätsverweigerung leiden. Ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen sollte eigentlich reichen. Es wird genau andersherum kommen. Bar jeder ökonomischen Grundkenntnisse sehen diese ideologisch motivierten Utopisten nicht, dass es gerade der Euro ist, an dem Europa zerbricht. Aber die Träumerei vom europäischen Sozialismus im zentralistischen Einheitsstaat ist für diese !eute einfach zu schön, um endlich aufzuwachen. EUdSSR lässt grüßen.

  19. 10.

    Sie haben Recht, dass der Kommentar grenzwertig ist. Aber da hier die Idee beleidigt wird und nicht explizit ein Mensch, finden wir, dass die Netiquette den Kommentar NOCH abdeckt. Nichtsdestotrotz rufen wir alle User auf, Ihre Worte mit bedacht zu wählen und Beleidigungen zu unterlassen.

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