Staatsoper Unter den Linden: La Bayadère © Yan Revazov
Audio: Inforadio | 05.11.2018 | Anna Pataczek | Bild: Yan Revazov

Tanzkritik | "La Bayadère" vom Staatsballett Berlin - Zurück zu den Wurzeln in St. Petersburg

Als zweite Produktion der Saison feierte in der Staatsoper "La Bayadère" Premiere: eine originalgetreue Rekonstruktion des Grand Ballett aus dem 19. Jahrhundert, von Marius Petipa. Wie passt das zur Aufbruchstimmung unter der neuen Führung? Von Anna Pataczek

Das klingt erst einmal schlüssig, wie es der neue Intendant des Berliner Staatsballetts, bei der Einführung kurz vor der Premiere von "La Bayadère" in der Staatsoper Unter den Linden formulierte: "Wenn wir nicht wissen, wo wir herkommen, können wir nicht vorwärts", sagt Johannes Öhman. Also zurück zu den Wurzeln, zum legendären Tänzer und Choreografen am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg, zu Marius Petipa - der heute als der Begründer des klassischen Balletts gilt.

Es geht richtig zur Sache

Schnell wird in dieser Inszenierung klar: Es hat sich einiges getan, seit der Uraufführung 1877. "La Bayardère" ist eine romantisch-exotische Indien-Fantasie um die unglückliche Liebe zwischen der Tempeltänzerin Nikia und dem Krieger Solor. Petipa hat sein Ballett mit sehr viel Pantomime ausgestattet, die Handlung und Emotionen werden in streckenweise langen, eleganten und leicht entschlüsselbaren Zeichensprache-Sequenzen transportiert.

Das ist sicherlich ungewöhnlich für die Solistinnen und Solisten, die in den ersten beiden Akten oft mehr schauspielern müssen als tanzen. Vor allem Polina Semionova als Bayadère Nikia gelingt das mühelos. Ihre zarte Liebe zu Solor, die so bald enttäuscht werden muss, ist mitreißend. Und die Rangelei mit ihrer Nebenbuhlerin Gamsatti (neu unter den Ersten Solotänzerinnen: Yolanda Correa) ist nicht wie sonst oft im klassischen Ballett blutleer - sondern es geht richtig zur Sache.

Ungewohnte Anblicke für Zuschauer im Jahr 2018

Auch der Tanz wirkt oft fremd. Bei Petipa werden die Beine nicht so hoch gestreckt, die Damen dürfen viel auf halber Spitze tanzen. Die Pirouette kennt nicht nur ein Coupé mit dem Fuß auf Höhe des Knies, sondern auch am Knöchel und an der Wade. Vielleicht ein Detail für Feinschmecker, aber es zeigt: Heutzutage tanzt man im klassischen Ballett möglicherweise technisch virtuoser und athletischer, aber nicht unbedingt vielseitiger.

Das mag manch einen im Publikum vor den Kopf stoßen, aber genau diese Fremdheit macht den Abend so reizvoll. Er wirkt überhaupt nicht angestaubt – eher unkapriziös, tänzerisch und dadurch modern, weil radikal in seiner konsequenten Rekonstruktion.

Staatsoper Unter den Linden: La Bayadère © Yan Revazov
Polina Semionova verkörpert die Bayadère Nikia - und berührt mit ihrer Darstellung. | Bild: Yan Revazov

So originalgetreu wie möglich

Wobei, was Rekonstruktion angeht: Der Choreograf Alexei Ratmansky, der die "Bayadère" extra für Berlin eingerichtet hat und sonst am American Ballet Theater in New York arbeitet, geht vorsichtig mit diesem Begriff um. 140 Jahre sind eine lange Zeit, die Tänzerinnen und Tänzer sind heute größer und durchtrainierter. Der Geschmack hat sich verändert. Das Indien-Bild von damals ist nicht mehr das von heute.

Gleichwohl hat Ratmansky, der schon einige Klassiker originalgetreu hat wieder auferstehen lassen, akribisch geforscht. Er stützte sich dabei immer auf Notationen, die noch zu Lebzeiten Petipas angefertigt wurden. Aufzeichnungen, die optisch an Partituren erinnern – mit Noten, die genau beschreiben, in welchem Winkel der Arm gehalten, in welche Richtung gedreht und wie das Bein gehalten wird. Im Fall der "Bayadère" ist die Materiallage sehr gut.

Entschlackte Tradition

Freier ist der französische Bühnen- und Kostümbildner Jérome Kaplan vorgegangen: Seine Entwürfe sind keine Eins-zu-Eins-Kopien der vorhandenen Skizzen und Bilder, sondern Annäherungen - und entsprechen durchaus unserem Zeitgeschmack. Das Bühnenbild ist ein Augenschmaus, ohne schwülstig zu sein. Farblich äußerst geschmackvoll in Ocker, Braun, Messing gehalten, mit bühnenhohen ornamentalen Wänden, dazu bunte Akzente bei den Kostümen mit prächtigen Stoffen. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen mehrere Lagen übereinander, schmücken sich mit Schleiern und Tüchern. Und dann werden auch noch ein erlegter Tiger und ein lebensgroßer Elefant auf die Bühne gebracht.

Johannes Öhman und Sasha Waltz, die offiziell erst in der kommenden Spielzeit zur Doppelspitze dazustößt, haben mit dieser Setzung gepunktet. Wie laut waren die Proteste des Staatsballetts bei der Bekanntgabe der Personalie vor zwei Jahren. Die Tänzerinnen und Tänzer trauten den beiden neuen Chefs nicht zu, eine klassisch ausgebildete Kompanie zu leiten. Hier nun also der Gegenbeweis: Traditionsbewusster geht es eigentlich kaum - entschlackt von allen Weiterentwicklungen und Neuinterpretationen, die Petipa folgen sollten.

Diese opulente Inszenierung erfüllt alle Erwartungen an ein "Grand Ballett" mit Statisten, Eleven der Staatlichen Ballettschule und bühnenfüllenden Gruppenchoreografien. Gleichzeitig ist diese Original-Fassung im Detail für Zuschauer im Jahr 2018 so ungewohnt, dass man die Inszenierung schon wieder mutig nennen kann. In diesem Spannungsfeld ist die "Bayadère" ein interessanter Neuanfang.

Sendung: Inforadio, 05.11.18, 7.55 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 2.

    Ich habe die Generalprobe und die Premiere gesehen und kann nur sagen,dass ich mich auf jeden Fall vor den Kopf gestoßen fühle.Es ist auf keinen Fall ein Abend des "Grand Ballett" und hat meine Erwartungen an ein so hochkarätiges Ensemble und Solisten leider nicht erfüllt!Es ist für mich eine sehr angestaubte und unmoderne Inszenierung,welche mich streckenweise enorm gelangweilt hat und man heute in dieser Form wirklich nicht mehr zeigen sollte!Wo ist da der versprochene Aufbruch?Ich frage mich wirklich ,ob dieses Ensemble solch einen Rückschritt verdient hat und sehe dies nicht als Weiterentwicklung.Ich bin immer noch der Ansicht,dass die beiden neuen Chefs nicht die richtige Entscheidung gewesen sind und in meinen Augen nicht gepunktet haben!!!Diese "Bayadere"bedeutet kein Neuanfang und da können auch das tolle Bühnenbild und die wundervollen Kostüme nicht hinwegtäuschen.Dies sagt ein Profi und Kenner der langjährigen Berliner Ballettszene.............

  2. 1.

    Es war ein beliebig wirkender Tanzabend in Nummern-Qualität: risikolos, einfallslos und ohne jede Inspiration - bis auf den ärmlich wirkenden Gag mit einem weggezogenen Schaltuch. Nicht einmal in der ewig langen Umbaupause vor dem Schlussakt hatte man den Mut, einen eigenen Pausenakzent zu setzen und sich damit ein wenig luftig zu emanzipieren. Ballett nach purer Vollkaskomentalität - oder sollte es jemanden überrascht haben, dass die Berliner Company prächtig gut tanzen kann? Als Ersteinstieg der Neuen in das große Ballett ein Armutszeugnis. Gut für die Busladungen von Eventtouristen, schade für ein hauptstädtisches Ensemble - aber dafür ist die Keitikerin erdstaunlich geschmeidig.

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