Bernd Begemann auf der Bühne (Quelle: imago/xim.gs)
Audio: Inforadio | 06.11.2018 | Jacob Bauer | Bild: imago/xim.gs

Konzertkritik | Bernd Begemann in der Bar Jeder Vernunft - Schmalz, Abschweifungen und der Deppenmythos

Bernd Begemann ist bei seinem Konzert in der Bar Jeder Vernunft am Montagabend in Berlin ganz schön ins Schlittern geraten. Am Ende hat er aber doch alle Pferde stilvoll ins Ziel gebracht. Von Jakob Bauer

Bernd Begemann ist eine mächtige Gestalt. Er besitzt einen mächtigen Körperumfang, den er durchaus gewinnbringend und erstaunlich geschmeidig über die Bühne bewegt. Er hat eine mächtige Ausstrahlung, mit seiner vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Gestik und Mimik, die zuckt und jault wie das Tremolo seiner Gitarre, mit diesen Augenbrauen, die er expressionistisch nach oben reißt, hoch bis zum Haaransatz.

Er hat in den letzten dreißig Jahren einen mächtigen Songkatalog zusammengestellt: Mit seiner Band "Die Befreiung", mit Songwriterkollegen wie Olli Schulz oder einfach solo. Und mit all dieser Macht tritt der 56-Jährige heute Abend auf die Bühne. Und das geht am Anfang mächtig schief.

Begemann gerät ins Schlittern

Begemann, ganz der anachronistische Entertainer im weißen Anzug mit rosarotem Hemd, kommt mit ausladenden Begrüßungsgesten zu den Klängen seines Ipods, der heute als Ersatzband funktioniert, auf die Bühne gestrauchelt. Aber seine Stimme kann sich nicht gegen diesen Ipod durchsetzen und sowieso passt das irgendwie ästhetisch alles nicht so recht zusammen.

Tapfer versucht Begemann trotzdem weiter, den Entertainer zu geben, nimmt die Gitarre in die Hand, stimmt das erste alberne Lied des Abends an – den Song über sein Krafttier, ein Gnu – und versucht das Publikum in der nur mäßig gut besuchten Bar Jeder Vernunft zum Mitsingen zu animieren. Das klappt nur so mittel. Da ist noch was Unsichtbares zwischen Begemann und den Zuschauern, eine zugefrorene Alster, auf der der Wahl-Hamburger gerade ganz schön ins Schlittern gerät.  

Schmalzig, aber nie kitschig

Wo soll das nur enden? Sagen wir mal so: Alles, was in den ersten Minuten in die Hose geht, hievt Begemann vor allem im zweiten Teil des Abends um einige Level nach oben. Er gewinnt schließlich doch, weil die ganze thematische Vielfalt und Seltsamkeit seines songwriterischen Oeuvres weit über das reine Unterhalten und Witze machen hinausgeht. Seine Lieder handeln von Glück und Unglück, vom Großstadleben, von zwischenmenschlicher Kommunikation.

Sie sind manchmal ironisch spöttische oder komplett sinnbefreite Albernheiten und manchmal zutiefst traurig. Die Quintessenz von all dem gibt es dann in den Titeln über Beziehungen, meistens zwischen Mann und Frau, die schon mal schmalzig werden. Sie sind aber nie kitschig, sie geben nie etwas vor, was nicht da ist: "Ich habe nichts erreicht, außer dir, bitte bleib bei mir, denn das Beste an mir sind wir."

Die Begemann'schen Abschweifungen

Während er anfangs noch unsicher und wenig spontan wirkt, beginnen spätestens nach der Pause die berühmt-berüchtigten Begemann'schen Abschweifungen. Einen launigen Drei-Minüter wie "Fernsehen mit deiner Schwester", verwandelt Begemann spontan in ein 20-minütiges, humorig-zynisches Selbstgespräch über Vorzüge und Nachteile von Geschwistern. Und dann bittet er um Publikumsbeteiligung: Wer von seinem Partner zum Gemeinsamen Serienkonsum gezwungen wird, soll sich melden. Begemann verspricht, diese Serie dann ad hoc zu "vernichten".

An diesem Abend fällt die Wahl auf die US-amerikanische Produktion "Shameless", eine Serie, die von einer Familie handelt, die in prekären Umständen lebt. Begemann sinniert dazu spontan über sanft gezupfte Gitarrenklänge: "Außerdem glaube ich, dass dieses Gerede eine große Lüge ist, dieses 'Jaaa, am unteren Rand der Gesellschaft ist es nicht leicht, aber sie halten zusammen mit einem Herz aus Gold'.

Das ist die Art von idiotischem Deppenmythos, die das Ruhrgebiet zerstört hat. Ganz ehrlich, ich habe zwölf Jahre in einer Sozialwohnung in Rothenburgsort gelebt und die waren eher so drauf 'Yeah, dieses Wochenende verkloppen wir einen.' Die waren irgendwie nicht so herzig.“  

Es zerfasert

Solche Geschichten trägt Begemann häufig im Dialog mit sich selbst vor, er intoniert verschiedene Charaktere, verstellt die Stimme, blickt in die Ferne. Es zerfasert. Aber auf eine gute, natürliche, angenehme Art und Weise. Der Inhalt steht über der Form. Und so kann es einem egal sein, dass sich Begemann auf seiner Gitarre schon auch mal verhaut, obwohl er sonst sehr schön spielt, deutlich eindrücklicher und gekonnter, als das viele seiner Kollegen tun.

Dass der Ipod einen Song abspielt, obwohl er eigentlich still sein sollte, dass der Abend keiner erkennbaren Dramaturgie folgt, das passiert halt. Uns so ist es auch nicht verwunderlich, dass die letzten 40 Minuten des Konzerts aus Publikumswünschen bestehen. Das Publikum ist übrigens nach der Pause wie durch Zauberhand angewachsen und zahlreicher als noch zu Beginn des Abends.

Begemann selbst, hörbar und sichtlich angekränkelt, entschuldigt sich am Ende der Show noch selbst für seine Unfokussiertheit. Trotz des holprigen Beginns und dieser Verpeiltheit bringt Bernd Begemann hier noch äußerst stilvoll all seine bunten Pferde ins Ziel.

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