Archiv: Das Anne Frank Zentrum am 18. September 2018 in einem Hinterhof in der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte (Quelle: imago/Joko)
Audio: Inforadio | 19.11.2018 | Jakob Bauer | Bild: imago/Joko

"Alles über Anne" in Berlin - Neue Anne-Frank-Ausstellung schlägt Brücken in die Gegenwart

Die neue Dauerausstellung im Anne-Frank-Zentrum Berlin erzählt die Lebensgeschichte der von den Nazis ermordeten Jugendlichen. Sie zeigt, dass Anne Franks Gedanken noch immer aktuell sind – wie auch die Themen Flucht und Antisemitismus. Von Jakob Bauer

"Alles über Anne" verspricht die neue Ausstellung im Anne-Frank-Zentrum in Berlin-Mitte, die am Montag mit einer "langen Nacht der Eröffnung" beginnt. Der Titel sei natürlich eine Provokation, sagt Ausstellungsleiterin Veronika Nahm. "Man kann nicht alles über Anne erzählen, man kann nicht alles über Anne wissen." Aber es sei nicht ausschließlich eine Ausstellung, die über die Geschichte erzählt, sondern auch über die Gegenwart, erklärt Nahm. Deswegen umfasse sie dann doch dieses "alles".

Es ist für jemanden wie mich ein eigenartiges Gefühl, Tagebuch zu schreiben. Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird.

Anne Frank, 20. Juni 1942

Zeitreise ins Leben der Anne Frank

Auch Anne Frank war ein Flüchtling. Antisemitismus gibt es noch heute und die Frage nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft, nach der eigenen Identität, stellen sich nicht nur viele Kinder und Jugendliche von heute, an die sich die Ausstellung vornehmlich richtet. Auch für die Jugendliche Anne Frank, die gerne in andere Rollen schlüpfte und Theater spielte, waren diese Fragen wichtig.

Zunächst führt "Alles über Anne" chronologisch durch das Leben der Deutsch-Jüdin. An einer Tafel sind Verbotsschilder zu sehen: ein Schwimmbad, eine Schule, ein Kino – alles durchgestrichen. "Anne ist gerne schwimmen gegangen. Es gab ein Gesetz, das das verbietet. Sie hat gerne Radio gehört, ist gerne ins Kino gegangen, hat Sport gemacht", sagt Nahm. So sähen die Ausstellungsbesucher: "Was mochte Anne gerne? Was wurde durch die einzelnen Gesetze verboten? Wie hat sich ihr Leben eingeschränkt?"

Antisemitismus, Gedenken und Identität heute

Im zweiten Bereich der Ausstellung werden die Gegenwartsbezüge dann konkreter. Vier Themen haben sich Nahm und ihre Kollegen ausgesucht, die die Geschichte, das Tagebuch von Anne Frank, ihre Gedanken und ihre Fragen an die Welt mit dem Jetzt verbinden. Das erste Thema: Wie zeigt sich Antisemitismus heute? "Das Leben von Anne und ihrer Familie war durch verschiedene Formen antisemitischer Gewalt geprägt - und wir zeigen Beispiele für Antisemitismus heute", erläutert Nahm.

Das zweite Thema: Wie sieht Gedenken aus? "Wir zeigen Beispiele für das Erinnern an andere Opfergruppen des Nationalsozialismus, aber sprechen auch über umkämpfte Erinnerungen heute", so Nahm. Gezeigt werde zum Beispiel das Denkmal für Burak Bektaş, einen jungen Mann, der 2012 "höchstwahrscheinlich aus rassistischen Gründen ermordet wurde", so Nahm.

Drittes Thema: Warum sind Tagebücher wichtig? Zum einen für verfolgte Jugendliche zur Zeit des Nationalsozialismus. Zum anderen auch für Menschen, die von anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus betroffen sind. "Wir zeigen dieses Medium Tagebuch als einen Umgang mit der Welt, mit der eigenen Geschichte, die immer im Kontext mit der Gesellschaft steht", erklärt Nahm.

Das vierte Thema schließlich: Wer bestimmt, wer ich bin? "Hier zeigen wir alte Menschen und junge Menschen, die über das Thema "Identität" sprechen", so Nahm, "die transgender sind, lesbisch, schwul, die Fluchterfahrungen haben."

Tagebuch- und Denkmal-Stationen laden zum Mitmachen ein

An Mitmachstationen können die Besucher eigene Denkmäler gestalten und sich mit Fragen auseinandersetzen wie: Wofür würde ich heute ein Denkmal aufstellen? Wer würde das finanzieren und wer wäre bei der Eröffnung dabei?

An der Tagebuch-Station können sie Briefe an das eigene Ich in der Zukunft schreiben, eigene Erfahrungen mit antisemitischen Übergriffen in einen Briefkasten werfen oder Gedanken zur eigenen Identität neben die von Anne Frank hängen. In ihrer Biographie könne man viel über den Kontext lernen, so Nahm. "Anne Frank ist eine Jugendliche, also so alt wie die Zielgruppe. In ihrem Tagebuch schreibt sie zwar über die Zeit, aber auch ganz viel darüber, was sie bewegt", sagt Nahm. Deshalb gebe es viele Themen, die Jugendliche auch heute noch spannend fänden.

"Alles über Anne"

Die Ausstellung ist ab dem 20. November im regulären Museumsbetrieb dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. "Alles über Anne" ist nach Angaben des Zentrums eine interaktive und inklusive Ausstellung. Sie beschäftige sich mit Anne Frank, ihrer Geschichte und ihrem Tagebuch und werfe dabei immer wieder die Frage auf, was ihr Leben für die Gegenwart bedeutet. Ausstellungen wie diese seien wichtig, um gegen Antisemitismus anzukämpfen, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zur Ausstellungseröffnung am Montagabend.

Beitrag von Jakob Bauer

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2 Kommentare

  1. 2.

    Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben im Text eine Infobox ergänzt. Das Anne-Frank-Zentrum befindet sich in Berlin-Mitte in der Rosenthaler Straße 39. Beste Grüße!

  2. 1.

    Eine Adresse suche ich vergeblich. Auch wenn ich die einzige bin, die keine Ahnung hat, fände ich es doch hilfreich, wenn eine angegeben wäre.

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