Filmstill des Filmes VOLCANO, der auf dem Fimfestival Cottbus 2018 in der Reihe "Close Up UA" läuft. (Bild: Pluto Films)
Bild: Pluto Films

Ukrainische Filme in Cottbus - Folgen Sie dem schwarzen Insektenschwarm!

Das Filmfestival Cottbus hat dieses Jahr eine breit angelegte Reihe zum ukrainischen Kino im Programm. Es treten auf: ein Portal ins Jenseits, ein gestrandeter OSZE-Beobachter, ein Model, das gern Miss World wäre und immer wieder der Krieg. Von Fabian Wallmeier

Ein schwarzer Insektenschwarm fliegt durch verlassene Industriehallen. Die Kamera folgt ihm, auch nach draußen in eine regennasse Wildnis. Wir sind in Tschernobyl. Hase, Wolf und Bär haben hier seit der Reaktorkatastrophe im Jahr 1986 überlebt – nur der einzige Mensch, der zu sehen ist, bricht in seinem Schutzanzug zusammen. So beginnt "Brama" ("Das Portal") von Volodymyr Tykhy, einer von acht langen und 13 kurzen Filmen, mit denen das Filmfestival Cottbus in diesem Jahr unter dem Titel "Close Up UA" das zeitgenössische Kino der Ukraine vorstellt.

Der Schwarm, so stellt sich später heraus, ist kein gewöhnlicher Insektenschwarm. Er ist eines von vielen übernatürlichen Phänomenen, mit denen die wenigen Menschen, die noch im Umfeld der Stadt wohnen, seit Ewigkeiten vertraut zu sein scheinen. Mysteriöse Geschehnisse gehören hier zum Alltag, auch das titelgebende Portal, das die Menschen in eine Art Jenseits befördert.

Der Tonfall des Endzeit-Mystery-Films ist trotz seines symbolisch aufgeladenen Settings lakonisch bis derb satirisch. Volodymyr Tykhy rückt eine dezimierte Familie in den Mittelpunkt, gruppiert um eine gallige Großmutter, die mehr als sie zugibt weiß von den Dingen, die geschehen sind und geschehen. "Ich habe die Nazis überlebt, ich habe die Hungersnot überlebt, ich habe die Radioaktivität überlebt", schreit sie den mysteriösen Schwarm irgendwann an.

Endlich Miss-World-Kandidatin!

Noch verlassener als in "Brama" ist die Ukraine nur im cleversten Film des Programms, "2020#DesertedCountry" von Korniy Gricyuk. In der so witzigen wie ungemütlichen Mockumentary ist das Land vor ein paar Monaten von fast allen seinen 40 Millionen Bewohnern verlassen worden. Nach all den Kriegen und Umstürzen war es dort einfach nicht mehr auszuhalten.

Ein kanadischer Regisseur mit ukrainischen Wurzeln macht sich nun auf Suche nach Verbliebenen. Er findet kaum mehr als eine Handvoll Menschen: Da ist ein Model, das sich freut, mangels Konkurrenz endlich für die Ukraine an der Miss-World-Wahl teilnehmen zu können. Eine Bürokratin verwaltet mit Aktenordnern die Vergangenheit. Ein Ingenieur arbeitet daran, das ganze leergefegte Land mit Robotern zu bevölkern und als touristische Attraktion zu vermarkten. Ein Separatist läuft noch immer im Tarnanzug durch leere Ruinen, hasst alle westlich orientierten Ukrainer und träumt von einem Leben in Russland.

Oft gegenwärtig: der Krieg

Die seit 2014 andauernden kriegerischen Konflikte, auf der Krim und im Osten des Landes, sind in vielen der Filme gegenwärtig. Der Umgang mit dem Thema ist aber höchst unterschiedlich. In "Vulkan" (Roman Bondarchuk) kommt der ukrainisch-russische Konflikt nur in Gestalt von Fernsehbildern vor. Der Film spielt in einem abgelegenen Dorf, in dem ein OSZE-Beobachter strandet. "Mach den Blödsinn aus", kommentiert eine weitere Großmutter einen TV-Beitrag, in dem Wladimir Putin über Großrussland fabuliert.

Für die Protagonistin in "Tera" (Nikon Romanchenko) ist der Krieg zwar weit weg, dominiert aber trotzdem ihren Alltag. Sie arbeitet stoisch in einer Süßwarenfabrik, doch in ihrem Gesicht ist jederzeit die Sorge zu sehen - um ihren Sohn, der im Osten kämpft. Der Film bleibt ganz nah bei der Mutter und bei ihrer Suche nach dem Sohn: eine ruhige, unsentimentale Charakterstudie.

Mitten drin im Kriegsgeschehen ist dagegen "Viyna Khymer" ("Krieg der Chimären", Anastasiia und Mariia Starozhytska). In der vielschichtigen Doku dokumentiert der Freund einer der Regisseurinnen seinen Einsatz als Soldat im Donbass mit der Kamera – und nach seiner Rückkehr machen sich beide in beziehungstherapeutischer Absicht noch einmal auf zu den Orten seines Einsatzes. Über weite Strecken hat der Film einen naturalistischen Ansatz. Doch immer wieder – und im Lauf des Films immer mehr – löst er sich davon: Eigentümlich idyllische Naturaufnahmen werden kombiniert mit den düsteren Berichten des Freundes aus dem Off und mit Kriegsgeräuschen.

Filmstill des Filmes "Cyborgs Heroes Never Die", der auf dem Fimfestival Cottbus 2018 in der Reihe "Close Up UA" läuft. (Bild: The Annex Entertainment)
Akhtem Seitablaev: "Cyborgs"Bild: The Annex Entertainmen

Action-Blockbuster setzen auf Pathos

Akhtem Seitablaevs "Cyborgs" ist auch eine Nahaufnahme aus dem Krieg, aber eine völlig andere. Der großspurig produzierte Beitrag spielt 2014 in Donetsk, wo eine Gruppe von Soldaten den Flughafen gegen russische Truppen zu verteidigen versucht. Es ist ein klassischer Kriegsfilm, actiongeladen und pathetisch, wenn auch einigermaßen sparsam in der Dosierung allzu platter Nationalismen.

Eine noch ungebrochenere Heldengeschichte erzählt der ebenfalls für ein Blockbuster-Blockbuster-Publikum produzierte "Chervoniy" (Zaza Buadze), in dem der gleichnamige Freiheitskämpfer 1947 in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager den Aufstand probt. Ein Film, der an seinem eigenen Pathos erstickt.

Filmstill des Filmes "Diorama", der auf dem Fimfestival Cottbus 2018 in der Reihe "Close Up UA" läuft. (Bild: 86Protakt)
Zoya Laktionova, Tetiana Kornieieva: DioramaBild: My Street Films/86Protakt

Semiprofessionelles Kurzfilmprogramm

Ganz anders dagegen die sieben Kurzfilme aus der Reihe "MyStreetFilms", in der semiprofessionelle Filmemacher aus ihrer unmittelbaren Umgebung berichten. Filme aus dieser Reihe waren schon öfter in Cottbus zu Gast. Sie sind Momentaufnahmen des Alltags, Reflexionen über die Umgebung, teils persönlich, teils weiter ausholend. In diesem Jahr zeigt ein Film, wie eine Band ihren ersten Aufritt hat und sich gleich danach wieder auflöst ("April Fool"). Ein anderer erzählt multiperspektivisch und bildstark vom Leben an der Küste, wo ständig die Gefahr angeschwemmter Minen droht ("Diorama").

In "Avdiivka People's Museum" ist ein Museum selbst der Erzähler, berichtet über Krieg und Zerstörung – und endet mit einem positiven Ausblick, einem Plädoyer für die lokale Kulturarbeit. Nicht jeder der Filme ist handwerklich gut, aber jeder hat seine eigene Handschrift. Diese kleine Reihe innerhalb von "Close Up UA" bietet in jedem Fall komprimiert einen interessanten Querschnitt.

Aber auch die vertiefende Beschäftigung mit den längeren Filmen des Programms lohnt sich. Sie zeigen ein Land, in dem viele auf der Suche sind - und in dem es offenkundig ein breites Filmschaffen gibt: vom Blockbuster-Heldenkino über die hinterlistige Mockumentary bis zur stillen Charakterstudie. Folgen Sie einfach dem schwarzen Insektenschwarm!

Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Frieden der Ukraine!

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