Szene aus dem Film "Ayka", der den Hauptpreis beim Filmfestival Cottbus 2018 gewann (Quelle: Neue Visionen/Filmfestival Cottbus)
Video: Abendschau | 11.11.2018 | Bild: Neue Visionen/Filmfestival Cottbus

Das Film-Festival der Geknechteten - "Ayka" gewinnt Hauptpreis in Cottbus

Verprügelt, überfahren, ausgebeutet: Es ging brutal zu im Wettbewerb des Filmfestivals Cottbus. Den Hauptpreis bekam "Ayka", ein klaustrophobischer Film über eine illegal in Moskau lebende junge Frau. Doch es gab auch starke subtilere Filme. Von Fabian Wallmeier

Selten wurde im Wettbewerb des Cottbuser Festivals des osteuropäischen Films so vielen Hauptfiguren derart übel mitgespielt. Die Titelfigur in "Ayka" etwa, eine illegal und unter prekärsten Umständen in Russland lebende Kirgisin, türmt kurz nach der Entbindung ihres Kindes aus einem Moskauer Krankenhaus in die Eiseskälte. Frierend, fiebernd und zwischen den Beinen blutend kämpft sie sich durch die unbarmherzige Stadt, auf der meist erfolglosen Suche nach Arbeit. Die Kamera ist dabei die ganze Zeit nah dran an Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova, die für diese maximalintensive Rolle in Cannes als beste Hauptdarstellerin geehrt wurde.

In Cottbus ging Yeslyamova selbst zwar leer aus, aber der Film konnte dennoch triumphieren: "Ayka" gewann den Hauptpreis für den besten Film des Festivals. Das ist eine gut nachvollziehbare Entscheidung, denn Regisseur Sergey Dvortsevoy versteht es sehr genau, eine klaustrophobische Nähe zu seiner Figur aufzubauen. Es ist schwer auszuhalten. Dennoch hat man nicht das Gefühl, emotional genötigt zu werden - so echt und jederzeit glaubhaft sind die Hauptfigur und die dokumentarisch anmutende Inszenierung Dvortsevoys.

Heimkehr mit brutalen Folgen

Noch schlimmer als "Ayka" ergeht es allenfalls Aiganym, der Hauptfigur in Zhanna Issabayevas "Otvergnutye" ("Abgelehnt"). Eine junge Mutter kehrt darin in ihr kasachisches Dorf zurück, um ihrem Sohn die Familie vorzustellen. Doch die Familie will nichts von ihr wissen, die Mutter beschimpft sie als Hure, der Bruder verprügelt sie. Trotzdem kehrt sie zurück an den Gartenzaun des Familiengrundstücks - und wieder wird sie aufs brutalste misshandelt. Hauptdarstellerin Zhanargul Zhanyamanova wäre eine würdige Preisträgerin gewesen.

Doch als beste Hauptdarstellerin wurde Martina Apostolova ausgezeichnet. Auch diese Entscheidung der Jury ist nachvollziehbar. Im bulgarischen Film "Irina" (Nadejda Koseva) kann sie auf einer viel größeren Klaviatur der Gefühle spielen als Zhanyamanova. Diese Irina ist zwar auch ein Opfer der Umstände, doch sie nimmt eine viel aktivere Rolle ein - und gönnt sich bei aller Abgeklärtheit ein kleines Stück Naivität. Als ihr Mann bei einem Unfall beide Beine verliert und sie gefeuert wird, bietet Irina sich online als Leihmutter an - eine Aufgabe, an der die unstete junge Frau fast zerbricht.

Subtil gespielt, aber leider leer ausgegangen

Noch preiswürdiger wäre die Leistung der ungarischen Darstellerin Zsófia Szamosi gewesen. Es mag am vergleichsweise harmlosen Thema und der subtilen Beiläufigkeit ihres Films liegen, dass beide leider ohne Preise nach Hause gehen mussten: "Egy nap" ("Ein Tag") von Zsófia Szilágyi zeigt gut 30 Stunden aus dem Leben einer Familie, aus der Sicht der Mutter Anna.

Der Film zeigt so beiläufig wie präzise, wie eine sich manifestierende Beziehungskrise in Gestalt einer möglichen Affäre hinter dem an den Kindern orientierten Alltagstrott erst einmal zurückstehen muss - und ihn doch komplett unterwandert. Es ist eine Wonne, Szamosi dabei zuzusehen, wie sie zwischen dem Geschrei ihres kranken Jüngsten, dem Löffelschlagen ihrer Mittleren und dem Getrödel ihres Ältesten Contenance und Mutterliebe bewahrt, aber doch merklich fahler im Gesicht wird, und wie es in ihr arbeitet, wenn sie an ihren Mann denkt.

Ivan I. Tverdovsky, für "Jumpman" als bester Regisseur ausgezeichnet (Quelle: Filmfestival Cottbus (FFC))
Ivan I. Tverdovskiy, nach zwei Hauptpreisen 2014 und 2016 nun als bester Regisseur für "Jumpman" ausgezeichnet | Bild: Filmfestival Cottbus (FFC)

Absichtlich vom Auto überfahren

Noch ein aufs Brutalste Geknechteter ist dagegen die Hauptfigur aus "Podbrosy" ("Jumpman") - wenn auch aus mehr oder weniger freien Stücken: Der russische Regisseur Ivan I. Tverdovskiy lässt darin einen jungen Mann aus einem Defekt Profit schlagen. Er kann keinen physischen Schmerz spüren - und schmeißt sich vor Autos, um Schmerzensgeld abzukassieren.

Tverdovskiy ist noch keine 30 Jahre alt und hat trotzdem schon zweimal in Cottbus den Hauptpreis gewonnen - 2014 mit "Corrections Class" und 2016 mit "Zoologie". Für den dritten Hauptpreis in Folge hat es nun nicht gereicht - aber für die Auszeichnung als bester Regisseur. "Podbrosy" führt weiter, was die beiden vorigen Filme gezeigt haben: Im Mittelpunkt stehen Außenseiter, die mit aller Härte von den Brutalitäten der gesellschaftlichen Umstände getroffen werden. Doch bislang stellte Tverdovskiy dem immer eine große menschliche Wärme entgegen. Die gibt es dieses Mal nicht. "Podbrosy" bleibt trostlos und unerbittlich bis zum Schluss.

Denis Vlasenko hätte den Preis als bester Schauspieler verdient

Tverdovskiy setzt ein bisschen zu sehr auf seine Schockeffekte und seine satirische Lehrstückhaftigkeit, mit der hier Missstände in der Gesellschaft aufgezeigt werden sollen. "Podbrosy" hätte eine bessere Figur als Preisträger für den besten Hauptdarsteller gemacht als für die beste Regie. Denis Vlasenko ist in der Rolle dieses "Jumpman" eine große Entdeckung - und allzu viele wirklich große Männerrollen gab es in diesem an großen Frauenrollen umso reicheren Wettbewerb nicht.

Als bester Hauptdarsteller wurde statt dessen Reimo Sagor ausgezeichnet. Er spielt in "Võta või jäta" ("Take It or Leave It") von der Estin Liina Trishkina-Vanhatalo einen jungen Herumtreiber, der plötzlich Vater wird. Die Mutter will das Mädchen zur Adoption freigeben - und er nimmt es kurzerhand zu sich. Sagor macht seine Sache anrührend und glaubhaft, doch der Film verliert sich in Klischees - und wird seiner zweiten Ebene, der Arbeitsmigration vom Baltikum nach Finnland, nicht gerecht.

Lobende Erwähnung für Schrecken im Kopf der Zuschauer

Eine lobende Erwähnung sprach die Jury für einen Film aus, der anders als viele andere Wettbewerbsbeiträge seinen schlimmsten Horror nicht direkt zeigt. "Teret" ("Die Ladung") handelt von einem Lkw-Fahrer, der während des NATO-Bombardements im Balkan-Krieg nach Belgrad unterwegs ist. Was der stoische Mann transportiert hat, wird ihm erst klar, als er den von seinen Auftraggebern bereits wieder geleerten Lkw reinigen muss.

Auch das ist ein schwer zu ertragender Cottbus-Moment 2018 - mit dem großen Unterschied, dass die Bilder des Schreckens nur im Kopf der Zuschauer entstehen. Der serbische Regisseur Ognjen Glavonić macht das sehr geschickt und effektreich. Das sah neben der Haupt-Jury offenbar auch die der Kritikervereinigung FIPRESCI so - sie kürte "Teret" zum besten Film des Festivals.

Viele Cottbus-Filme verdienen die große Leinwand

Den Publikumspreis bekam ein Oscar-Preisträger. Paweł Pawlikowski, für "Ida" mit dem Oscar für den besten ausländischen Film geehrt, stellte zur Eröffnung des Filmfestivals Cottbus seinen neuesten Film vor, "Cold War". Das Publikum hat sich damit für einen Film entschieden, der im Gegensatz zu manch anderen Gewinnern in der Geschichte des Festivals schon sehr bald ganz regulär zu sehen sein wird: "Cold War" startet am 22. November in den Kinos. Das wäre den anderen prämierten Filmen des Festivals auch zu wünschen. Sie verdienen den Weg auf die große Leinwand - auch wenn das Leid, das sie zeigen, oft nur schwer zu ertragen ist.

Offenlegung: Der rbb hat auch in diesem Jahr den Regiepreis des Filmfestivals Cottbus gestiftet. Die Entscheidung über die Preisvergabe oblag aber allein der Jury

Beitrag von Fabian Wallmeier

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